»Under water, everything is fine«: Abtauchen mit Manorexia (JG Thirlwell)

Manorexia ist eine der vielen Inkarnationen von JG Thirlwell. Mit diesem Kammermusikensemble changiert er zwischen Neuer Musik und Lärmkaskaden, leitmotivisch zusammengehalten von mikroskopischen Unterwasser-Organismen.

Fotos: Magdalena Blaszczuk; WSB/JGT: Heinrich Deisl

Original erschienen in skug #94, Frühling 2013

Kopie_von_JGT.jpgJeder Blick auf den Meersboden scheint einer verbotenen Welt geraubt zu sein.

Jacques-Yves Cousteau

An einem spätsommerlichen Samstagvormittag mit JG Thirlwell in einem Wiener Café, danach wollen wir uns die William-Burroughs-Ausstellung in der Kunsthalle ansehen. Thirlwell hatte am Vorabend für die von Franz Pomassl kuratierte Konzertreihe The Morning Line in der Eisenskulptur der TBA21 am Schwarzenbergplatz die Multikanalkomposition »Euthenasia« gespielt und anschließend als DJ Otefsu (ein Anagramm aus »Foetus«) aufgelegt.

»Verschont mich bloß mit dem »I-Wort««, ist Thirlwell ungehalten. Kein Wunder, als einer der Pioniere einer »Second Wave«-Industrialmusik ab den mittleren Achtzigern war und ist er immer wieder mit dem konfrontiert, was er im Interviewgespräch als »schon lange langweilige Tanzmusik mit verzerrten Stimmen« bezeichnet. Das wohl gängigste Klischee über ihn besagt, dass er für Industrial-Rock à la Marilyn Manson, Nine Inch Nails und Konsorten prägenden Einfluss hatte. Thirlwell aka Foetus aka Clint Ruin aka Steriod Maximus aka etc. hatte bei der ersten Platte von Coil seine Finger im Spiel, tourte mit den Einstürzenden Neubauten und war mit Lydia Lunch, Marc Almond und Nick Cave Teil des Immaculate Consumptive, Remixe für Front 242, Pantera oder Sohrab gehen ebenfalls auf sein Konto.

 

 

Thirlwells Ansatz war indes immer einer, der sich durch wohldosierten Eklektizismus auszeichnet, durch ein Meta-Sampling quer zu Raum und Zeit. Gerade bei seinem aktuellen Projekt Manorexia ist das zu hören: Es ist Kammermusik, die sich Unterwasserstudien annimmt, in abyssale Psychogeografien vordringt und experimentelle Neue Musik im Heute positioniert.

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»Mein Studio ist mein Musikinstrument, mein liebster »Synthesizer« ist mittlerweile ein Kammermusikensemble«, wird er später sagen.

Hier kommt eine erweiterte Dubbing-Technologie zum Einsatz, die die Jahrhunderte der Musikgeschichte durchpflügt und in der barocke Texturen genauso Platz haben wie der Trash von B-Movie-Soundtracks der 1960er. Als Einflüsse nennt er Krzysztof Penderecki, Jerry Goldsmith oder besonders Ennio Morricone, »Western-Soundtracks sind in meine DNS eingebrannt«. Gute Beispiele dafür findet man bei Nummern wie »The Ballad of Sisyphos T. Jones« und »Stood Up« auf der CD »Hide«, die er als Foetus 2010 auf seinem eigenen Label Ectopic Ents veröffentlichte.

 

Ähnlich angelegt sind seine Soundtracks für die Cartoon-Serie »The Venture Bros.«, die Ende 2012 in die fünfte Staffel ging. Dieser wilde Stilmix zwischen laszivem Sci-Fi-Mambo, röchelndem Blues, krachendem D’n’B und Geräuschcollagen wurde als Compilation-CD dafür neu aufgelegt.

 

Neben der Affinität zur staubigen Leere des Westerns entwickelte sich im Lauf der Zeit eine für die Tiefsee. Diese Regionen sind erst zu gut zwanzig Prozent erforscht. Ein Habitat, das, so lebensfeindlich es scheint, doch mit seinen hydrothermalen Quellen der Ursprung jeden Lebens ist. »Die ozeanischen Tiefen sind ein Leitmotiv bei Manorexia. Sie sind wie eine fremdartige Zivilisation auf unserer Erde. Die Großartigkeit der Natur und die menschliche Dummheit bieten unerschöpfliches Inspirationsmaterial für mich.«

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Die Druckkammern geflutet

Stärker als auf allen Kontinenten, überbordend, ewig regt sich Leben in allen Schichten des Ozeans. Todeselement — so sagt man — für den Menschen, Lebenselement für Myriaden von Tieren und für mich desgleichen.

Kapitän Nemo in »20.000 Meilen unter dem Meer«

Als Manorexia hat Thirlwell seit dem Jahr 2000 die Alben »Volvox Turbo«, »The Radiolarian Ooze«, »Mesopelagic Waters« und »Dinoflagellate Blooms« herausgebracht; »Waters« erschien auf Tzadik, die anderen auf Ectopic. Vorstudien für »Blooms« reichen bis 2005 zurück. Wenn möglich, werden Mitglieder des Kronos Quartets hinzugezogen. Wegen der komplexen Arrangements sind Auftritte des Manorexia-Ensembles vergleichsweise rar. Immerhin verhalf Manorexia Thirlwell diesen April auf das Adelaide Festival – sein erster Auftritt in seiner Heimat überhaupt. Immerhin deshalb, weil er nicht gerade ein »Fan« von Australien ist.

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»Blooms« stellt kein High-Tech-Album dar sondern eine meditativ-organische Annäherung an unerschlossene Territorien. Dinoflagellaten sind mit Nesselgeißeln behaftete Algen, einige Arten sind zur Biolumineszenz fähig, andere hochgiftig. Wenn es zu einer Algenblüte kommt, färbt sich die Meeresoberfläche in Küstennähe wolkenartig zwischen rostbraun und tiefrot. Daher die umgangssprachliche Bezeichnung »rote Flut«.

Das Auftreten dieser Fluten hat teils organische, teils anthropogene Gründe, sie werden als »HABs«, als »harmful algal blooms« beschrieben. Anders als bei den Unterwassermythen von Drexciya mit ihren hybriden Mutanten, ist es bei Manorexia die Natur selbst in Form der HABs, die allegorisch die menschlichen Unzulänglichkeiten anprangert. Die programmatische Nummer »A Plastic Island in the Pacific« in der Mitte der CD nimmt sich einer im Nordpazifik treibenden Ansammlung von Plastikmüll in der Größe des Staates Texas an. In der für Thirlwell typischen bissigen Deutung werden diese rotierenden Abfälle zu »Laputa«, der fliegenden Insel in »Gullivers Reisen«, verklärt, deren Bewohner sich am liebsten mit Mathematik und Musik beschäftigen.

 

Klangschwärme

»Dinoflagellate Blooms« kommt sowohl im normalen Stereoformat wie zusätzlich als 5.1-Surround-DVD daher. So oder so empfehlen sich Kopfhörer für diese immersiven Soundwellen. Die Streichinstrumente erhalten breiten Raum, sind weit nach vorne gemischt, im Hintergrund rumoren die tiefen Lagen. Eine gewisse Unruhe breitet sich bereits in der Ouvertüre aus, dann kollidieren verhaltene Pizzicati mit massiven Bassfrequenzen. »Am ehesten beschreibt »cinematisch« meine Arbeit. Die Musik soll Bilder aus dem Unbewussten evozieren«, stellt Thirlwell fest.

 

Die cinematografischen Spiegelkammern des JG Thirlwell stecken Gegenden ab, in denen sich Gut und Böse duzen. Das Intro zur Nummer »Krzystl« vertont elektrische Entladungen beim Kontakt mit dem Elektroplax von Fischen, dann geht es in das Setting eines dissonanten, zehnminütigen Mystery-Thrillers. Sollte es zur Verfilmung von Frank Schätzings Roman »Der Schwarm« kommen, hätten wir hier das ideale akustische Einstiegsszenario. Bei »Kinaesthesia« treten bizarre Audiophänomene auf, dunkle Bass-Drones schwirren herum und entziehen dem Zuhörer jede Orientierungsmöglichkeit.

In der Mitte des Albums gibt es vergleichsweise sonnendurchflutete Passagen, bei denen das U-Boot namens Manorexia für ein gemächliches Driften an die Oberfläche taucht. Chaos, Bombast, sonische Destabilisierung: und doch stehen am Ende der Platte sowohl äußere wie innere Ruhe. Thirlwell lässt es sich nicht nehmen, nach diesem kräftezehrenden Trip die Wogen wieder zu glätten.

»Dinoflagellate Blooms« ist ein weiteres Versatzstück im idiosynkratischen Genre-Surfen des JG Thirlwell, von dem man auch nach dem x-ten Mal Hören nicht weiß, was als nächstes um die Ecke kommt. Hatte die »Lady in the radiator« in Alan Splets »Eraserhead«-Soundtrack »In heaven, everything is fine« intoniert, so transferiert Thirlwell dieses hypnotische Rauschen nun auf den Meeresboden: »Cut-Up? Fold-in!«

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Eine Auswahl an Tracks von JG Thirlwell: foetus.org/content/audio-video/audio; Ausschnitte aus »Dinoflagellate Blooms«: foetus.org/content/discography/releases/manorexia-dinoflagellate-blooms

Aus Copyrightgründen sind die Musikstücke im JGT-Feature auf Radio skug herausgeschnitten.