Thomas Brinkmann

»Raupenbahn«

Editions Mego

Es gibt ja so Bücher, die sind besonders gute Klolektüre. Nicht, weil sie schlecht wären, keinesfalls, sondern weil ihr Inhalt aus gut portionierten, leicht verdaulichen Texten besteht, die man sich nach und nach bei den täglichen Besuchen auf dem Lokus einverleiben kann. Wenn es eine Platte gibt, die für den Gang zum WC passt, dann vielleicht »Raupenbahn« von Thomas Brinkmann. Es ist ein Album, das es brauchte. Man erinnert sich vielleicht an die vor nicht allzu langer Zeit veröffentlichte Platte »Konzert für 12 Traktoren« von Sven-Åke Johansson, eine Aufnahme eines Konzertes von 12 Traktoren. Das ist dann eher die Variante für Konzertliebhaber. »Raupenbahn« ist mehr Industrial, für Leute, die sich für gewöhnlich lieber was einschmeißen und abraven und sich stundenlang zu stumpfen Beats hingeben. Hintergrund der Geschichte: der Webstuhl bzw. die Webstühle. Brinkmann machte sich auf die Suche nach historischen Beispielen, fand sie an diversen Orten, teilweise Museen, und nahm ihren Klang auf. Ergebnis: ein rhythmisches, nicht überraschend »mechanisch« klingendes Klackern/Rattern/Schlagen der Stühle. Nicht nur ist es der Sound der Fabriken, der sich in besonders in England und dort vor allem in den Arbeiterbezirken in der dort aufkeimenden elektronischen Musik widerspiegelt, sondern auch ist es der rote Faden, welcher sich vom Webstuhl bis hin zu modernen Rechenmaschinen (und also elektronischen Musikinstrumenten) zieht, der hier eine Rolle spielt. Parallelen zwischen der maschinenbetriebenen Industrie in Sheffield (Stahlindustrie), Manchester (Webindustrie), Rheinland/Düsseldorf seien nur einige Beispiele. Und sicherlich keine Zufälle. Das Album enthält elf Tracks auf Vinyl plus zehn in digitaler Form. Jeder dieser Tracks ist eine Aufnahme von verschiedenen Maschinen, jeweils bis auf die verschiedenen Tempi und die Klangfarbe unbearbeitet. Lauscht man unvoreingenommen einer davon, z. B. »Lentz 2MG (Viersen)«, so kann man sie als Laie wahrscheinlich erstmal nicht von dem romantischen Röcheln eines alten Traktors unterscheiden. Maschine halt. Vergleicht man diese Aufnahmen nun miteinander, so stellt man fest, dass sie ab einer bestimmten Geschwindigkeit kaum mehr von einem klassischen Industrial-Beat, also einer Drummachine zu unterscheiden ist. GEIL. Zum Beispiel bei »Saurer 400 BO Aarbon (CH & F)« (gutes Fabrikat). Aus der Webmaschine ist eine Musikmaschine geworden, wenn sie das nicht immer schon (auch) war. »Raupenbahn« bezieht sich auf Rolf Dieter Brinkmanns gleichnamige Erzählung (siehe Cover, hehe), ist aber auch dieses lustige Gefährt vom Rummel, lang wie eine Raupe und mit bunten, zusammengeketteten Wagen, die immer und immer wieder im Kreis fahren und bis auf den Wunsch des Betreibers, erneut Eintritt zu verlangen, eigentlich keinen Grund haben, anzuhalten. Die Musik, die bei diesen Unterhaltungsmaschinen im Hintergrund läuft, Pop oder Techno oder Electro aus der Dose, hat am Ende historisch gar nicht so wenig zu tun mit dem Sound der Maschinen, welcher der elektronischen Musik den Weg einst geebnet hat. Die Musik in den Clubs unserer Zeit geht im Prinzip auch endlos (zumindest bis Ladenschluss), genau wie die historischen Maschinen, welche bloß aufgrund von Arbeitnehmerschutzgesetzen zwischenzeitlich kurz zum Stillstand gebracht werden. Brinkmann zeigt eine Sammlung einiger Beispiele, die, wie am Anfang angedeutet, ganz gut in kleinen Happen genießbar sind. Der gleichmäßige, ratternde Sound geht tief in den Körper und auf diesen über. Wir sind ja auch wie Maschinen und mit der richtigen Musik funktionieren wir manchmal noch besser.