Thom Yorke

»Anima«

XL Recordings

Die einen fühlen sich von seiner bloßen Existenz angegriffen, die anderen ergriffen von seiner musikalischen Größe. Wenige Künstler*innen schaffen es, gleichzeitig so innovativ, subtil und massentauglich zu sein wie Thom Yorke und seine Band Radiohead. Mit »The Eraser« hat er 2006 seine erste Soloscheibe voller Ohrwürmer vorgelegt, nach »Tomorrow’s Modern Boxes« und dem Soundtrack für »Suspiria« droppte er nun sein drittes Studioalbum namens »Anima«. Für gewöhnlich sind seine Sologeschichten sehr elektronisch und nicht unbedingt unexperimentell. Auch auf dem neuen Tonträger zeigt er Gespür für das, was gerade »in« ist im Sound: Glitch, Sound-Snippets und so weiter, und wie man das verwursten kann bzw. wie man immer noch einen Schritt weiter gehen kann dabei, mit seinem ganz eigenen, sehr persönlichen, warmen Sound und dem Gesang, dem geliebten. Wie auch schon bei seinem ersten Soloauftritt sind es die zum Teil vertrackten Bass-Drum-Beats, auf denen sich der Rest abspielt: Crazy Samples, Midi-Tunes und vor allem Yorkes unvergleichliche, liebliche Stimme, mit der jeder Weltuntergang zu einem Genuss wird. Und jeder Song klingt wie ein kleiner Weltuntergang, so besessen traurig ist das. Dieser Herr weiß zu leiden für uns. Und teilweise funktioniert das, oft aber reicht dann sein zugegeben jetzt zum dritten Mal hochgelobter Gesang bzw. seine Stimme, die er auf »Anima« als eigenes Instrument nutzt, allein nicht wirklich aus, um einem Song an die hundert Mal aufmerksam zuhören zu wollen, wie das bei den Songs von Radiohead der Fall sein kann. Die Ideen sind doch eher spärlich gesät bzw. wenn, dann wächst daraus nichts Spannendes. Bei dem zum Album auf Netflix veröffentlichten, von Paul Thomas Anderson verantworteten Kurzfilm funktioniert die Musik super, als Hintergrund einer schönen Tanzchoreografie. Doch für sich alleinstehend wirkt sie sonderbar. Das Songwriting selbst scheint schwach zu sein, die Nummern fließen so dahin (wohin?!) und können neben ihrer oft interessanten, introspektiven, apokalyptischen Atmosphäre nicht viel bieten. Ähnlich also wie beim Vorgänger, dem Soundtrack zum Tanzfilm »Suspiria«. Witzig: Am Ende der ersten Nummer »Traffic« – cooler Sound! – hört man mit etwas Fantasie die Alice-Deejay-Nummer »(Do You Think You’re) Better Off Alone« aus einem Sample heraus. Nun, leider ist Thom Yorke besser in der Gruppe aufgehoben. Wer es natürlich trotzdem ausprobiert, sollte sich bis zur zweiten Hälfte gedulden, die mit »The Axe« und »Runawayway« noch etwas besser geraten ist.