Charles Gayle Trio

»Streets«

Northern Spy Records

Das Coverbild verrät schon fast alles. In klassischer Pose herzt da Tenorsaxophonist Charles Gayle sein liebstes Stück (das Instrument ist gemeint, bitte sehr) wie ein, sagen wir, Sonny Rollins oder Charles Mc Pherson. Eigentlich müssten wir vor allem Archie Shepp sagen, aber Gayle als spätberufenen Archie Shepp abzustempeln wäre nicht ganz fair. Dennoch: beim harten, zackigen, eher rebellischen Jazz der Postfusionära sind wir hier ganz gut verortet. Larry Roland am Bass und Michael TA Thompson an den Drums schlagen eine kompetente Brücke zu jener Art von widerborstigen, sich jeder Zuordnung verweigernden Improvisationskünsten unserer Tage – nur dass eben wirklich kein Laptop involviert ist. Kein Funken Electronic und dementsprechend auch kaum ein experimentelles Erkunden des eigenen Sounds, kein halbstündiges Anblasen des Obertons eines Obertons ?? (gibt es nicht, wei&szlig ich eh). Nein, passiert hier nicht. Hier wird treibender, postklassischer Jazz gemacht, der so klingt, als hätte Mingus seine »Changes I & II« erst vor ein paar Wochen eingespielt, als würde Miles Davis gerade erst in seine Koksphase starten, als würden sich Coleman, Cherry und Co. immer noch die Finger wund spielen, um einen Ausweg aus der Free-Sackgasse zu finden. Für Gayle dürfte das die gro&szligartigste Ära des Jazz gewesen sein, aber weil man das noch weniger ernst betreiben kann wie, sagen wir, eine Swing-Revivalband, sitzt der Mann eben doch nicht wie Rollins oder Shepp am Cover (ah ja, das Cover ??) – sondern als Clown verkleidet. Was man durchaus als Selbstironisierung verstehen darf. Ist aber nicht ganz so, denn den Comedian lässt Gayle angeblich bei Konzerten vor allem verbal heraushängen. Wie sich das mit seinem ekstatisch-expressiven Saxophonspiel vertragen soll, wäre definitiv ein Erlebnis wert.