Steve Reid

»Nova«

Soul Jazz Records

»Recorded March 23, 1976 at Studio WE New York City«, steht auf der Cover-Rückseite von Steve Reids »Nova«, das Sou Jazz Records nun zum zweiten Mal neu auflegt. Fehlte gerade noch die Uhrzeit der Einspielung des Albums. Aber im Ernst: Begrenzte Studiozeit war im Jazz alles andere als unüblich, die Bandmitglieder waren aber für gewöhnlich ganz gut aufeinander eingestimmt. Und das Ergebnis hatte dieserart oft eine Spontaneität, einen unmittelbaren Impakt, etwas Elektrifizierendes, das selbst Live-Erlebnisse transzendieren konnte. In Falle von Steve Reids Debütalbum – er selbst absolut kein Neuling in der Jazzszene – spielten, neben Reid an den Drums Ahmed Abdullah (tp), Luis Angel Falcon (acc b), Joe Rigby (ts, as, ss), Les Walker (acc p, e org) und Richard Williams (fender b). Und es klingt nicht unbedingt danach, dass zuvor endlose Proben stattgefunden hätten, zu live and direkt, zu intensiv und im Moment inspiriert schallt es aus den Boxen. Es war also etwa Mitte der 1970er, als dieses Album zustande kam; vorausgegangen waren ein gutes halbes Jahrzehnt »New Directions« im Jazz und Jahre der Öffnung des Genres in alle möglichen Richtungen. Bop, Elektronik, Free-Funk, African, Rock und ein gewisser »New Age«-Spirit fusionierten auf »Nova« zu einer geballten Kraft, wie das selbst in den Siebzigern selten erreicht wurde; eine Implosion aller äußeren Gegebenheiten: Miles Davis wird auf »Lions of Juda« in seiner stärksten elektrischen, Rock-beeinflussten Phase ebenso evoziert wie ein beschwingt-harmonisches Art Ensemble of Chicago auf »Long Time Black« oder der freie Geist eines Sun Ra mit »Free Spirits Unknown«. Der Titel des abschließenden »Parforce-Rittes« dieses Albums, »Sixth House«, verweist, wie die Eröffnungsworte der Kurzbiografie auf der Cover-Rückseite (»Born Sun in Aquarius …«), auch auf etwas im Denken und Wirken vieler Musiker*innen jener Jahre, das man »esoterisch« benennen könnte. Man erinnere sich an das inflationäre Offenlegen von Sternzeichen auf Plattencovers der Siebziger, nicht manifester Aberglaube, sondern bewusster Ausdruck eines kosmischen Bewusstseins und dessen implizit respektvollem Zugang zur Welt. Mit oben genannten Musiker*innen sind zugleich einige wenige genannt, mit denen Reid während seiner Karriere spielerisch harmonierte, Ornette Coleman, Freddie Hubbard oder Archie Shepp wären andere. Und man kann ihrer aller und mehr Einflüsse hier herausfiltern, wenngleich das genuin Steve Reid ist. »Nova« umfasst wie wenige Alben den speziellen Geist einer großen Epoche, der Siebziger, respektive der Jazzgeschichte.