Osvaldo Coluccino

»Stanze«

Col Legno

Also zerbricht der Spiegel, weniger mit einem Klirren als mit einem Singen, und von nun an sieht und vor allem hört man die zerbrochenen Teile in extremer Zeitlupe auf den Boden fallen. Die Musik bleibt stehen – und geht trotzdem weiter. Die fragilen Klaviertöne scheinen auf halben Weg zu ermüden, bäumen sich dann doch wieder auf. Als nur angedeutete Soundsplitter, als Ahnung eines Bruchs, der die ganze Zeit ohnehin längst geschehen ist. Willkommen in der Klangwelt von Osvaldo Coluccino. »Stanze« oder der »geheime Hauch der Dinge« umfasst 12 fragmentarisch wirkende Klavierstücke, die in gewisser Weise auch den Raum, in den hinein sie klingen, zum Thema haben. Einerseits erinnert das an den späten John Cage oder an Luigi Nono, andererseits könnte es sich auch um den Soundtrack zu einem Film von Michelangelo Antonioni handelt. Der Antonioni von »L’eclisse« etwa. Monica Vitti läuft die Viale del Ciclismo entlang bis zur Viale della Tecnica, dort wo das Wasserfass steht, im Hintergrund die Baustelle mit den flatternden Abdeckungen. Die Kamera verliert den Kontakt zur Protagonistin, fängt das zum Stillstand gekommene Leben der Vorstadt ein, die Stra&szligenlampen flackern im Nichts, plötzlich ist die Stadt, der ganze Planet wie leergefegt. Weil der Mensch, so klingt das in »L’eclisse« durch, stets auch das Unmenschliche produziert, die Abwesenheit von sich selbst. So endet auch der Film, mit einer Abwesenheit. Und so klingen auch die Klavierstücke auf »Stanze«. Als würden sie sich dem Hörer ständig entziehen, sich jedem wärmenden Gefühl verweigern wollen. Leichtfü&szligig und dennoch schwermütig bis zum Zerbrechen.