Sibylle Kefer

»s/t«

Sie Records/Hoanzl

Das bereits fünfte Album der gebürtigen Salzburgerin Sibylle Kefer heißt schlicht wie die Sängerin/Autorin/Komponistin selbst. »Sibylle Kefer« ist schon vor einigen Monaten erschienen und soll an dieser Stelle mit Verspätung gewürdigt werden. Die seit 25 Jahren in Wien lebende Mutter dreier Kinder ist schon lange eine bunte Hündin in der im weitesten Sinn Neues-Wienerlied-Szene. Kefer spielt(e) in der Band von Ernst Molden (den sie schon als 15-Jährige in Salzburg kennenlernte) sowie bei Ernst Molden & Das Frauenorchester. Dazu kommt eine Vergangenheit als Backgroundsängerin der Ausseer Hardbradler und ein denkwürdiger Auftritt der Multiinstrumentalistin bei der Eröffnung der Wiener Festwochen 2018, bei dem sie unter anderem den kultigen Song »Keine Angst« von Hansi Lang mitreißend interpretierte. Auf ihren ersten Alben sang Kefer noch in diversen Sprachen, mit dem 2017er-Album »Hob i di« hat die in ihrem Brotberuf als Musiktherapeutin Arbeitende die ihr angemessene Textsprache (ein Amalgam aus Salzburger und Wiener Gemeinsprache) gefunden. »Sibylle Kefer« schlägt in der Konzeption wieder einen Haken. In der Mixtur aus mit Band eingespielten Stücken und solchen, die quasi Solosongs mit Elektronik sind, vermitteln diese im ersten Durchlauf einen irgendwie doch sperrigen Eindruck. Nix mit Ohrwürmern, die man schon nach dem ersten Hören nach zehn Bier intus locker mitgrölen kann. Eher schimmert in den meisten Songs mehr als nur in Spurenelementen durch, dass Frau Kefer auch Jazz-Gesang gelernt hat und die entsprechenden Harmonien locker aus dem Ärmel schütteln kann. Etwa in »dei schmerz«, dem ersten Elektrostück des Albums, welches ziemlich angejazzt und spooky atmosphärisch gut und gern als kontemporäres Kunstlied durchgeht. Mit einem in der Unterhaltungsmusik bis dato vermutlich nur selten behandelten Thema befasst sich »da taxla«. Kefer sieht beim Radfahren im 22. Wiener Gemeindebezirk einen Taxler, der »in busch scheißt«, ertappt sich dabei, länger hinzuschauen, als es sich geziemt, und fühlt sich beschämt. Nicht unbedingt wegen des Taxlers, sondern wegen der unwürdigen Umstände, unter denen der Taxifahrer seinen Darm entleeren muss. »da taxla« ist ein Song, der sprichwörtlich unter die Haut geht mit seinem unorthodoxen Zugang zum Thema Ungerechtigkeit. Mit dem »luxusproblem«, dass man gern einen Garten und ein Haus hätte (in Zeiten von Corona besonders wichtig!) können sich manche Bewohner*innen von Bobostan sicher leichter identifizieren. Haltung demonstriert Kefer bereits im ersten Song »menschln«, der gleich mit der klaren Ansage »hosnscheissa mog i nit so gern« einsteigt und mit »erst muass amoi wos zum essn gebm / sonst verhungern die leit« gleich mal eine klare Ansage macht. Geradezu mellow im Sound ist das Elektropoem »dei schmerz«, das mit »mei herz« (»valoss mi nie mei herz / sei stoak / pump«) am Schluss eine Klammer bildet. Geheimnisvoll ist auch der Elektro-Chanson »eisplatte« mit den wuchtigen Zeilen »deaf ma donn sogn / dass die ära scho a guat is / obwoi die nochrichtn festhoitn / dass da mensch nu imma bluatig is«. Bei den überwiegenden Stücken. die im Bandkontext eingespielt wurden, bekommt Kefer kompetenten Support von Marlene Lachersdorfer am Bass und Maria Petrova am Schlagzeug. Die interessanteren Stücke des Albums sind, weil innovativer, die elektronisch grundierten. Die immer wieder politisch Haltung demonstrierende Kefer wurde für das Album mit einer Nominierung für die Longlist des Preises der deutschen Schallplattenkritik 2020 belohnt. Viel Glück!