Caspar Battegay Foto: www.tachles.ch

»Shabbat Shalom, Motherfuckers!«

In seinem Essay-Band »Judentum und Popkultur« untersucht der in Basel am Institut für Jüdische Studien lehrende Caspar Battegay die Potentiale von Pop für das »Spiel mit Figuren des Jüdischen«. Dabei geht es anhand von Filmen (von Ernst Lubitsch und Mel Brooks bis hin zu Joel & Ethan Coen und Quentin Tarantino), TV-Serien (»South Park«, »Seinfeld«), Comedy-Stars (Oliver Polak) und Songtexten nicht nur um »jüdische Popkultur«, sondern auch um gerade im deutschsprachigen Raum längst überfällige Denkanstösse und Auseinandersetzungen. Zeit für ein Gespräch.

skug: Wenn wir von »Judentum und Popkultur« sprechen, fällt mir als erstes Hollywood als ??jüdische Erfindung?? ein, wozu es mittlerweile jede Menge Literatur gibt. Speziell für die Popkultur US-amerikanischer Prägung ergibt sich durch so unterschiedliche Bücher wie Jack Gottliebs »Funny, It Doesn’t Sound Jewish: How Yiddish Songs and Synagogue Melodies Influenced Tin Pan Alley, Broadway, and Hollywood« (2007), Darius James‘ »Voodoo Stew« (2004) oder die Routledge-Reader zu Hollywood-Musicals und Queer-Filmen der Eindruck, dass Pop eine Erfindung von JüdInnen, sexuell Andersdenkenden, AfroamerikanerInnen und ein paar katholischen NonkonformistInnen war. Wie lässt sich das deiner Meinung nach erklären?
Caspar Battegay: Ich glaube, dieser Eindruck trügt. Es gibt bei Minderheiten ein natürliches Bedürfnis, zu sagen: »Das ist einer von uns, das ist einer von uns, das auch etc.«, und zwar nicht nur bei den Juden. Dieses Bedürfnis entsteht durch die Marginalisierung. Und ebenso natürlich beschäftigen sich auch Wissenschaftler oder Publizisten mit der Darstellung von Minderheiten. Es wäre ja langweilig, um nicht zu sagen widersinnig, über die Darstellung des Mainstreams im Mainstream zu forschen. – Den Mythos vom jüdischen Hollywood würde ich übrigens mit Vorsicht genie&szligen.

In deinen Analysen geht es immer auch um die »subversive Lust« (Peter Waldmann), jenseits der Konformitäten mit ??jüdischen Identitäten?? umzugehen. Dabei kommt Popkultur als jenes Feld ins Spiel, auf dem Zuschreibungen, Identitäten und Stereotypen untergraben werden. Hier geht es um die (emanzipatorischen) Potentiale von Ambivalenzen, Diskontinuitäten, Entfremdungen (durch Migration oder Verschleppung), Antagonismen (also Widersprüche, die es nicht zu lösen oder fusionieren, sondern auszuhalten gilt) und Künstlichkeiten (die Diedrich Diederichsen »das Nichtauthentische« nennt). Hat sich die Popkultur – aus ??jüdischer Perspektive?? – dabei quasi von selbst angeboten oder wurde sie nicht auch aus und wegen dieser ??jüdische Perspektive?? gemacht (zum Beispiel zur ??Aktualisierung der Tradition??)?
battegay.jpgIn den Kulturwissenschaften – vor allem in den so genannten Postcolonial Studies, die sich mit Identitäten nach und unter dem Einfluss des Kolonialismus beschäftigen – gibt es eine lange Diskussion darüber, wie man solche komplexen Identitäten begrifflich beschreiben soll. Ich bin der Ansicht, dass diese Diskussion für das Judentum der Gegenwart nur bedingt erkenntnisfördernd ist. Die globale Popkultur, und vor allem der stete Austauschprozess zwischen Subkulturen und Mainstream in ihr, lassen dagegen etwas sehr deutlich hervortreten: Das Judentum in der westlichen Welt kann nicht mehr als ??die?? Minderheit verstanden werden, sondern ist Teil einer partikularisierten und globalisierten Gesellschaft, die nur aus Minderheiten besteht. Diese Optik könnte eine andere Wahrnehmung des Judentums inspirieren, die sich von festen Mustern ablöst, beispielsweise dass Juden (von innen und au&szligen) immer nur als Opfer repräsentiert werden. Andererseits wollte ich mit meinem Büchlein ganz einfach auch auf das enorme Inspirationspotential der jüdischen Tradition hinweisen, das in Studien zur Popkultur im deutschsprachigen Raum bislang vernachlässigt wurde.

Klassische Hipster wie Mezz Mezzrow oder Slim Gaillard operierten ja gleichsam zwischen den Polen ??White Negroes?? und ??Black Jews??. Diese Vermischungen und Durchdringungen finden wir u. a. auch auf Samplern wie »Rhapsodies In Black« (über die »Harlem Renaissance« der 1930er) oder »From Avenue A to the Great White Way: Yiddish and American Popular Songs From 1914-1950«, wo afroamerikanische und jüdische MusikerInnen nebeneinander präsentiert werden. Zudem waren die meisten ??wei&szligen?? Jazzmusiker, die sich damals nach Harlem aufmachten und die ersten ??multi- & interracial?? Bands gründeten, durchwegs Juden wie Benny Goodman oder Artie Shaw. Zeigt sich hier schon jene »spezifische jüdische Hipness«, von der du immer wieder sprichst, die schon im Jazz das »Versprechen der Popkultur für das Judentum« entdeckt hat?
Ich bin kein Historiker. Ich wei&szlig nicht genug über diese Prozesse in der amerikanischen Geschichte. Mir ging es darum, Figuren des Jüdischen zu analysieren, wie sie sich in der Popkultur finden lassen. Und in der Popkultur geht es darum, hip zu sein – egal, wer man ist. Zum Jazz kann ich nichts sagen. Aber die Phantasien der Beats in den frühen 1960er Jahren haben Hipness ganz klar mit Schwarz-Sein verbunden. Und zwar darum, weil die Afroamerikaner zum gro&szligen Teil eine arme, diskriminierte Minderheit waren. Die Juden waren damals bereits Teil einer bürgerlichen, sehr konformitätsgläubigen Mittelschicht. Für einige Jugendliche bestand die Rebellion gegen ihre Eltern darin, sich der eigenen Tradition des jüdischen Au&szligenseitertums zuzuwenden und zu sagen: »Wir sind auch unterwegs, wir sind Ausgesto&szligene«, das wurde auch oft als Solidarität mit den Afroamerikanern verstanden.

Was wäre unter dem »Versprechen der Popkultur für das Judentum« zu verstehen ???
Dieses Versprechen besteht darin, dass die Popkultur eine enorme Transformationsmaschinerie ist. Sie ist, wie Kunst im Allgemeinen, aber noch weitaus stärker, eine Sphäre, in der Identitäten gewechselt oder neu erfunden werden können. Ich möchte hier nicht romantisieren, Pop muss sich verkaufen, ist Kommerz. Aber an prominenten Gestalten wie David Bowie, Madonna oder neuerdings vielleicht Lady Gaga wird deutlich, dass Popkultur es erlaubt, das Konzept der Identität losgelöst von Fixierungen, von festgefahrenen Fremd- und Selbstbildern zu sehen.

Wie wurde ??Jüdischsein?? eigentlich hip? Ist das eine Transformation bzw. Verschiebung des ??White Negroes?? hin zu einem ??White Jew?? (im aktuellen Hipster-Diskurs spielt afroamerikanische Kultur ja eine eher untergeordnete bis gar keine Rolle)? Bei Oliver Polak und Dirk von Lowtzow hei&szligt es: »Ich möchte Teil einer Judenbewegung sein« ??
Ist Jüdisch-Sein hip? Ja, es könnte sein, wenn man in den USA gewisse Phänomene anschaut wie den Rapper Drake, der seine Bar Mizwah für einen Clip reinszeniert hat. Andererseits bin ich mir manchmal nicht so sicher, ob zum Beispiel in Europa Jüdisch-Sein nicht nur so lange hip ist, solange es keinen konkreten Inhalt mit sich bringt. Es gibt momentan eine mir sehr unheimlich erscheinende Tendenz in der Gesellschaft, das Jüdische wieder zum ganz klar Anderen zu machen. Im Zusammenhang mit der Beschneidungsdebatte etwa gibt es eine Mehrheitsmeinung, Beschneidung sei ein barbarischer Akt, den man aus Menschenrechtsgründen verbieten sollte. Für Juden erscheint das als die Neuauflage einer langen und sehr unheilvollen westlichen Tradition, derzufolge man jüdische Kinder zu ihrem eigenen Wohl vor ihren jüdischen Eltern schützen müsse, wie Alfred Bodenheimer unlängst in einer wichtigen Publikation (»Ungebrochen gebrochen: ?ber jüdische Narrative und Traditionsbildung«, 2012) dargelegt hat. Menschenrechte sind aber immer die Rechte von Menschen, und diese haben ihre Geschichte, ihre Kultur, ihre Religion. Es ist völlig absurd, zu fragen, welchen rationalen Nutzen die Beschneidung hat. Sie ist im Judentum ein Marker der Differenz und des Eigenen. Mir ging es in meinem Essay auch darum zu zeigen, wie Popkultur dazu beitragen könnte, solche Differenzen in der Gesellschaft zu ertragen und zu akzeptieren. Das mag ein optimistischer Blick sein. Gerade Oliver Polaks Ruf nach einer »Judenbewegung« artikuliert eben für mich die Sehnsucht nach einer Gesellschaft, die mit solchen kleinen Differenzen leben kann, ja leben will.

Andererseits gibt es doch auch immer wieder antisemitische Aneignungen der Gleichsetzung von Jude und Opfer. Als es heuer beim »Wiener Korporationsball« (der schlagenden Burschenschaften) zu Protesten kam, sagte H. C. Strache, der Parteichef der rechtsradikalen FPÜ: »Das war wie die Reichskristallnacht«, und fügte hinzu: »Wir sind die neuen Juden« ??
Es ist immer wieder erstaunlich, wie dumm eigentlich solche Leute sind – in der Schweiz haben wir auch einige Anschauungsbeispiele. Aber es scheint sich leider politisch auszuzahlen. Viele Phänomene, die ich in meinem Essay referiere und analysiere, sind Verarbeitungen und subversive Strategien, mit derlei Antisemitismus nicht nur defensiv umzugehen.

In »The Heebie-Jeebiers at the C.B.G.B.’s« beschreibt Steven Lee Beeber eine Art unauflösliches Dilemma, dem sich junge jüdische Punks gegenübersahen: Wie angesichts des Holocausts gegen eine (Gro&szlig-)Eltern-Generation rebellieren, die aus KZ-?berlebenden und den Angehörigen der im KZ Ermordeten besteht? Jetzt beschreibst du das jüdische Hipstertum (quasi das ??White-Negro-Werden??) auch als Widerstand gegen das ??Aufgehen?? des Jüdischen im ??wei&szligen?? Mainstream der 1950er Jahre. Das hei&szligt, als es den Eltern endlich möglich war, ??AmerikanerInnen?? zu werden, sagten deren Kinder »Nein!«. Und schlie&szliglich beteiligten sie sich dann ja auch ma&szliggeblich an der Bürgerrechtsbewegung ?? Geht es hier um ein prinzipielles ??Minoritär-Bleiben??? Um ein ??hip im Exil?? auf ewig ???
Ja, ich denke, es geht um eine grundsätzliche Bewertung des Exilstatus. Die aus Europa Entkommenen, seien es die Anfang des 20. Jahrhunderts aus Russland vor den Pogromen Geflohenen oder später die Handvoll Holocaustüberlebender, wollten aus nachvollziehbaren Gründen die Geschichte neu beginnen. Entweder man folgte dem zionistischen Traum von einem eigenen Staat, der ja auch Wirklichkeit wurde, oder, weniger ideologisch, man wollte den ??American Dream?? leben. Nun gab es aber bereits eine Generation später dieses Gefühl – vor allem in Amerika -, dass man damit irgendwie auch das Judentum dessen beraubt, was es in sich ausmacht. Die Religionsphilosophen Jonathan und Daniel Boyarin haben das später mit dem Begriff »Powers of Diaspora« bezeichnet. Sie vertreten den Gedanken, dass gerade das Diasporische die kreative Kraft des Judentums in sich birgt. Judentum sei per se eine Kultur des Exils, eine Religion, die ihre Rechtfertigung aus der Diaspora beziehe. Ich denke, dass es etwa bei Leonard Cohen solche Momente gibt, beispielsweise im Song »By the Rivers Dark« von 2001, der nicht Jerusalem, sondern das exilische Babylon als Sehnsuchtsort beschreibt.

Hängt die Hipness von ??hip im Exil?? nicht auch davon ab, wie sehr ich mich aus eigenen Stücken in dieses Exil (und wieder heraus) begeben kann? Ist das auch ein ??Schutzraum?? vor Antisemitismus – mit der Gefahr als ??durch Tabus geschützte Minderheit?? in einem selbst geschaffenen Ghetto zu landen?
Klar, diese Art des Diasporismus hat immer eine romantisierende und idealisierende Tendenz. Es ist billig, als Angehöriger der westlichen Mittelklasse mit all ihren Privilegien zu sagen: »Hey, ich bin jetzt mal minoritär, ich bin jetzt mal schön ausgegrenzt«. Ich glaube, dass viele jüdische Künstler das sehr gut begriffen haben. Es ist oft die Ironie, die sie und ihre Werke oder Produkte vor scheinheiliger Romantik schützt.

Als gelungenes Beispiel für das »performative Spiel mit Stereotypen« erwähnst du den Film »The Hebrew Hammer« von 2004, der jedoch auch einigen Ärger mit der »Anti-Defamation League« und christlichen Gruppen (wegen der ihrer Meinung nach stereotypen Darstellung von Christen als Antisemiten) bekam ??
hebrewhammer.jpgOb man »The Hebrew Hammer« als gelungen einschätzt, kommt auf das Publikum an. Fest steht, dass er ein sehr gutes Beispiel dafür ist, wie eine Minderheit sich sehr aggressiv, aber auch selbstironisch, in der Welt der Popkultur mitsamt ihren Codes und Symbolen positioniert. Der Protagonist bleibt letztlich eine ambivalente Figur, da er die Stereotype, die er bekämpft, selbst wieder bestätigt. Aber das ist eben gerade der Witz: dieser Film soll einem mehrheitlich pubertären Publikum Spa&szlig am eigenen Jüdischsein vermitteln. Stereotype kann man nie loswerden, man kann sie lediglich inszenieren, parodieren und ad absurdum führen. Fragen wie »Was für ein Bild haben andere von mir? Muss ich so sein, wie das Bild, das sich meine Eltern, meine Lehrer, die anderen von mir machen? Was für ein Bild habe ich eigentlich von mir? Und: Bin ich überhaupt so wie das Bild, das ich von mir habe? Wie kann ich mich anders darstellen? Wie kann ich mich darstellen, wie ich bin?« sind vor allem bei Jugendlichen sehr aktuell. Und das verstärkt sich noch, wenn es um Jugendliche geht, die einer gesellschaftlichen Minorität angehören. Diese Fragen werden in »The Hebrew Hammer« mehr oder weniger lustig angegangen, weil sie auf spielerische Weise ihre Komplexität vermitteln, ohne etwas aufzulösen. Ich kenne (au&szliger Fatih Akins fantastischem »Soul Kitchen«, der als Ausnahme die Regel bestätigt) keine deutsche Produktion, die in vergleichbarer Weise mit Stereotypen spielen kann, ohne Denunziationen aufzusitzen.

Wieso ist das alles im Vergleich zu den USA in Deutschland und Üsterreich so kompliziert, um nicht zu sagen: rückständig?
Nordamerika und Deutschland haben bekanntlich völlig andere kulturelle, historische und politische Gegebenheiten. Mir liegt es fern, die USA zu glorifizieren. Wenn man Figuren des Jüdischen in der Popkultur analysiert, dann muss man einfach zuerst einmal die USA anschauen. Denn erstens ist Popkultur in den gro&szligen Zügen amerikanisch geprägt – auch wenn man wichtige Austauschprozesse zwischen Broadway und Hollywood und den kulturellen Zentren Europas wie Berlin, Wien oder Paris, die bereits in den 1920er Jahren stattfanden, berücksichtigen muss. Alles, was in Europa passiert, ist bis heute stets eine Reaktion auf amerikanische Produktionen. Zweitens hat sich, abgewürgt durch den Holocaust, in Europa nie eine entsprechende säkulare jüdische Gruppe bilden können, die sich in der Popkultur reflektieren könnte. Der Holocaust bleibt in Europa das Trauma, auf das sämtliche Darstellungen des Jüdischen irgendwie bezogen bleiben. Zwar trifft dies vielleicht auch für Nordamerika in gewisser Weise zu. Doch besteht dort eine viel grö&szligere Bereitschaft, die Fixierung auf den Holocaust zu hinterfragen und zu parodieren. Ich meine dies nicht in dem Sinn, dass man etwa einen vermeintlichen ??Schlussstrich?? ziehen sollte. Aber man sollte keine Angst vor Ironie haben. Aber Ironie war vielleicht noch nie die grö&szligte deutsche Tugend. Ambivalenz auszuhalten, das macht den Europäern gro&szlige Mühe.

Liegt die befreiende, emanzipatorische Wirkung von Tarantinos »Inglorious Basterds« nicht gerade darin begründet, dass es sich hierbei um eine jüdische Rachephantasie handelt, die keine Versöhnung, kein Zugehen auf die Nachkommen der Täter und keine Unterscheidung zwischen ??böse Nazis?? und ??nicht so böse?? Widerstandsdeutsche gelten lässt? Hier fehlt ja gänzlich jegliches ??Normalisierungsabgebot??, wie es deutsche Filmproduktionen – etwa »Alles auf Zucker« (2005) – oder all die WKII-TV-Produktionen mit ihrer Täter-Opfer-Umkehr vollziehen, die selbst wiederum in der Tradition des verharmlosenden deutschen Revisionismus-Kinos der 1950er und 1960er stehen.
Inglorious_Basterd.jpg»Inglorious Basterds« ist einer der besten amerikanischen Filme der 2000er Jahre. Für mich ist das ein Blick in das popkulturell strukturierte Hirn eines amerikanischen Juden, oder vielleicht einfach eines amerikanischen Filmfreaks, der sich seinen eigenen Zweiten-Weltkriegs-Schinken dreht. Es ist eben kein Film über Nazis, sondern ein Film über Nazifilme. Die Rachephantasien, die er sich ausmalt, sind das, was man Filmen wie dem »Untergang« (2004) in ihrer empörenden Reflexionslosigkeit entgegenschmettern möchte.

Der jüdische Wiener Kabarettist Karl Farkas hat einmal gesagt, dass es für ihn nach dem Zweiten Weltkrieg unmöglich war, jüdische Witze in sein Programm aufzunehmen, weil es kein jüdisches Publikum mehr gab und er befürchten musste, von Ex-Nazis beklatscht zu werden. Mit Oliver Polak (»Lasst uns alle Juden sein«, »Mahnmal – The Next Generation«) gibt es jetzt jemanden, dem das scheinbar egal ist – dazwischen liegen allerdings knapp sechzig Jahre. Aber auch er ist eher einer US-amerikanischen ??Jewishness?? verpflichtet als einer deutschsprachigen jüdischen Kabarett-Tradition, wie es sie in den 1920er Jahren einmal gegeben hat ??
Es ist eine Tragödie innerhalb der gigantischen Tragödie des Holocaust, dass auch eine deutsche jüdische, säkulare Kultur ausgelöscht wurde. Dazu gehörte auch das Kabarett, das jemand wie Georg Kreisler als singuläre Figur noch eine Weile hinüberretten konnte. Wie du richtig bemerkst, orientiert sich Oliver Polak nicht an dieser Tradition, sondern klar an amerikanischen Formaten des Stand-up und des sogenannten ??Ethnic humour??. Mir ist selbst nicht ganz klar – das hei&szligt, es ist eine offene Frage, die ich selbst habe – wie das Verhältnis von Polak zu seinem Publikum strukturiert ist. Es scheint deutlich zu sein, dass er innerhalb der jüdischen Community in Deutschland einigen Erfolg hat, weil er nicht so griesgrämig auftritt, wie der Zentralrat, sondern sich freudig und ganz klar zum Judentum bekennt und dabei Erfahrungen des deutschen Judentums für ein junges Publikum sehr pointiert zur Sprache bringt. Wenn ich aber die Aufnahme von der »Jud-Sü&szlig-Sauer-Show« im Berliner Admiralspalast höre, frage ich mich schon, worüber das grö&szligtenteils nichtjüdische Publikum da eigentlich lacht. In einer Nummer wie dem »Jiddele Lied« parodiert Polak zum Beispiel sehr drastisch die verkitschte Wahrnehmung ??jüdischer Kultur?? als Klezmer-Spektakel und das ??Jiddeln?? (also so zu tun, als würde man Jiddisch sprechen). Daneben bedient er vermeintlich auch antisemitische Stereotype, etwa wenn er einem Rabbiner in den Mund legt: »Ein Jude darf nicht ??freylich?? sein, muss machen viel Gewinn!« Das ist dann wieder viel näher bei Georg Kreisler, als man vermutet hätte. Denn wie Kreisler mit seinen »Nichtarischen Arien« nimmt Polak antisemitische Stereotype auf, um sie von innen heraus ironisch zu wenden. Im Ausagieren der üblen Stereotype distanziert man sich wirkungsvoll davon. Ich bin mir sicher, dass das Missverständnisse mit sich bringt. Aber man muss auch Risiken eingehen.

Wie wichtig wäre dabei von nicht-jüdischer Seite eine Beschäftigung auch mit innerjüdischen Diskursen (z. B. solchen um Identitäten entlang von Diaspora, Zionismus, Opfer, ??Muscle Jew?? etc.). Könnten hier nicht quasi über den Umweg der Popkultur Anregungen (als eine Art Schmuggelware) ausgehen? Bei HipHop begannen die ??wei&szligen?? HörerInnen ja auch afroamerikanische AutorInnen und TheoretikerInnen zu lesen, weil sie mehr darüber wissen wollten ??
Man muss sicher unterscheiden zwischen der akademischen Welt und einem breiten Publikum. Es gibt in Deutschland, Üsterreich und der Schweiz eine vergleichsweise gro&szlige Anzahl an Historikern, Literatur- und anderen Kulturwissenschaftlern, die die Binnendifferenzierungen und die komplexe Geschichte des Judentums wahrnehmen und erforschen. In keinem anderen Land als Deutschland gibt es wahrscheinlich so viele nichtjüdische WissenschaftlerInnen innerhalb der Jewish Studies, was natürlich an der schlimmen Geschichte liegt. Diesem Umfeld ist mein Essay geschuldet. Ich habe den Eindruck, dass trotz des differenzierten Wissens oft eine stereotype Wahrnehmung herrscht. Das sind nicht die simplen Bilder, dass Juden gro&szlige Nasen hätten und geldgierig seien oder so etwas in der Art, sondern Ästhetisierungen wie die Rede vom »Jüdischen Humor« und dergleichen. Aber noch mehr herrscht oft ein emsiges Forschen, das stark historisierend ist und von den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen beinahe vollständig absieht. Ich glaube, dass die Popkultur mithelfen kann, den Komplex von Schuld und Schuldabwehr, gutem Willen und politischer Korrektheit abzubauen. Es ist sicherlich wichtig, beispielsweise den »Synagogenbau in Husum« oder die »jiddischen Flurnamen Mittelhessens« zu erforschen, aber es wäre noch wichtiger, nicht nur historisch, sondern im eigenen Bewusstsein zu klären, zu welchem Zweck wir diese Forschungen betreiben, ob wir als Forscher nicht einem Gespenst von Judentum nachhängen. Die Jewish Studies im deutschsprachigen Raum benötigen ein neues Bewusstsein ihrer Tätigkeit. Meine Idee war, dass eine Analyse der Popkultur dazu beitragen kann. Daneben kann es natürlich nie schaden, wenn auch Journalisten oder Kulturschaffende oder ganz einfach Interessierte mehr wissen. Das Angebot ist riesig. Es gibt vorzügliche jüdische Museen, Bücher und Einführungen zu jüdischer Tradition, zu Geschichte und Kultur. Es würde mich freuen, wenn die Faszination für jüdische Popkultur auch zu einer vertieften Wahrnehmung des Judentums führen würde. Aber die Popkultur ist äu&szligerst vielfältig. Es geht mir nicht darum, dass man sie nur verstehen könnte über ein Studium des Judentums, man versteht damit lediglich einzelne Aspekte besser.

Caspar Battegay: »Judentum und Popkultur. Ein Essay«
München: transcript 2012, 151 Seiten, EUR 19,80

»We are ugly but we have the music«
Frank Apunkt Schneider  im Gespräch mit Mitherausgeber Jonas Engelmann über Popkultur und Jewishness.