Various Artists

Russendisko - Hits

Trikont

Seltsamerweise fühlten sich alle, die diese CD bisher besprochen haben, bemüßigt, aus Wenedikt Jerofejews Säufer-Groteske »Die Reise nach Petuschki« zu zitieren. Nun denn: »Was ist das Wunderbarste auf der Welt? Der Kampf um die Befreiung der Menschheit. Aber noch wunderbarer ist das hier (schreibt auf): 100g Shiguli-Bier, 30g Haarshampon »Nacht auf dem kahlen Berge«, 70g Anti-Schuppenmittel, 30g 13-F-Kleber, 20g Bremsflüssigkeit. Alles zusammen lässt man unter Zugabe von Zigarrentabak eine Woche lang ziehen und serviert es dann …«
55 Jahre nach der Befreiung Berlins vom Faschismus durch die Rote Armee organisierten der Schriftsteller Wladimir Kaminer und der Musiker Yuriy Gurzhy ebendort erstmals die »Russendisko« im Kaffee Burger. Obwohl Kaminer damit – und seinem gleichnamigen Erzählband – das Klischee von der »russischen Seele« zerstören wollte, gelang ihm genau das Gegenteil. Und schon bald wurde die »Russendisko« zum berüchtigten Treffpunkt für echte und falsche Russen und Russinnen, wenn es darum ging, exzessiv zu feiern und bei dieser Gelegenheit Freunde/die Liebe fürs Leben (oder ein paar Stunden) zu finden. Dementsprechend die Musikauswahl: nur die Crème de la Crème der zeitgenössischen populären russischen Tonkunst ist auf der CD zum Club versammelt! Es ist nicht bekannt, ob die MusikerInnen gelegentlich Jerofejews »Schweinegekröse« konsumieren oder doch nur Wodka galore, aber nüchtern ist hier niemand. Bands wie The Red Elvises, Leningrad, La Minor, Rot-Front oder St.Petersburg Ska-Jazz Review und SängerInnen wie Sveta Kolibaba oder Leonid Soybelman frönen einem aberwitzigen Eklektizismus; Klezmer, Ska, Roma-Blasmusik, Latin, Metal, Rockabilly, HipHop, frühe Electronica werden aufs Schamloseste der neuen russischen Volksmusik einverleibt.
Ein russischer Musiker hat einmal gesagt, im Westen könne man sich aussuchen, Punk zu sein, in Russland sei man es sowieso. Ja, ja, die russische Seele …