Reinforced Records

Sie gehörten nie zu den Hypes der Saison, waren nie das »neue Ding«, und sind doch das einflu&szligreichste Label der Drum’n Bass-Geschichte: Reinforced Records

Reinforced, zehnter Geburtstag. Ein Jahrzehnt, eine lange Zeit für ein Dancefloor-Label; noch dazu für eines, das so kompromißlos die eigene Definition von Musik verfolgt(e). Kein Kokettieren mit der Masse, kein Ausverkauf mit Haut und Haar an die trendgeilen Medien, keine Selbstgefälligkeit im Sounddesign. Gib den Darbenden da draußen gerade nicht das, was sie erwarten, bleib vorne, laß dich nicht erwischen: Darum dreht es sich. Verschieb die Grenzen, laß sie teilhaben an deinem Sounduniversum. Dort, wo Electro, wo HipHop lebt, wo Jazz, Techno und House wohnen, dort pack sie alle und schneidere daraus ein neues Kleid. Dedication, Leidenschaft, nenn es einfach Hardcore. Die Geschichte dieses Plattenlabels ist prinzipiell nichts Anderes als die Geschichte einer Reise: einer Reise vom gebrochenen Beat, von Hardcore, zu Jungle zu Drum???n???Bass zur Gegenwart und, ja, zur Zukunft. In ihr spiegelt sich ein Großteil der britischen Dance-History wider – zumindest der untergrundige Teil.

In rough territory

HipHop. Mitte der 80er. Die Idee, der Wille, die eigene Leidenschaft konkret werden zu lassen. Die HipHop-New-School schwappte, Electro gerade hinter sich gelassen, nach Europa und nährte neue Hoffnungen. 1987 schließlich, auf einem College in Nord-London, trafen sich Dego, Marc, Ian und Gus, um Elektrotechnik zu studieren. Bald schon erkannten die vier ihr Interesse an Musik, an HipHop, am DJ-Sein, am Produzieren und an einer britischen Spezialität, dem Piratenradio. Von nun an ergab sich ein Schritt logisch aus dem vorigen. Ein Soundsystem wurde gegründet, HipHop wurde produziert. Doch mit britischem HipHop war das so eine Sache: viel Schweiß um Nichts. Nach einigen schlechten Erfahrungen mit Plattenfirmen stellte sich die Frage: was nun?
Doch da passierte schon das nächste Beben: Acid-House nahm die Insel im Sturm. Es war aber nicht die Musik allein, nichts Geringeres als ein neuer Lebensentwurf, eine neue Kultur war geboren. So viel lebendiger, so viel mehr im »Jetzt«, so mehr open-minded als der britische HipHop. Kurzum: the place to be.
Im Herbst 1989 dann der nächste, der wichtigste Schritt: Reinforced Records wird gegründet. Der Dance-Underground wuchs weiter, und Marc und Dego alias 4 Hero – und damit das Label – hatten 1991 ihren ersten Hit mit Mr. Kirk???s Nightmare. Mit fünfstelliger Verkaufszahl eigentlich recht erfolgreich, ging allerdings der Vertrieb pleite und die beiden schauten durch die Finger. Weitermachen oder aufhören war jetzt die Frage, die es zu beantworten galt. Doch die Leidenschaft war stärker.

Hardcore junglism

Der Blueprint. 1992 war es dann wieder so weit. Aus den Tracks, die im Grunde noch immer auf dem Four-to-the-Floor-Beat basierten und mit Breakbeats für den Extra-Kick ausgestattet wurden, entwickelte sich eine neue Form des Irrsinns: UK Hardcore. Die hochgepitchten Breakbeats ersetzten den 4/4-Beat komplett, aus dem Reggae/Ragga-Lager kamen nicht nur die Soundsystems, sondern auch der tiefe Bass, und die soundtechnische Entsprechung der ungeheuren Euphorie waren die zur Mickymaus beschleunigten Souldiven und Heldentenöre und das omnipräsente Piano. Nichts war verboten, alles, das den Kids in die Hände kam, wurde in den Sampler gesteckt, gedreht, gewendet, verstümmelt und wieder in den Track eingenäht. Natürlich war Reinforced mit dabei – vorne. Doch es war kein Futter für E-Heads, das da im Norden Londons zusammengebraut wurde. Sie hatten ihre eigene Definition of Hardcore. Und der Titel der zweiten Nummer der B-Seite von Manix??? legendärer 92er-EP Rainbow People ließ in die Zukunft blicken: Hardcore Junglism stand da zu lesen, zugleich Gegenwart und Zukunft, quasi als Credo des Labels. Doch der Honeymoon kann nicht ewig dauern, Kommerzialisierung und Abnutzungstendenzen fordern ihren Preis. Den Fehler aber, den die Technokids am Festland machten, sich mit Haut und Haar an die Majors auszuverkaufen, vermied der Kern der Szene. Nicht verwunderlich, war Hardcore doch ein London Sumthin. Der Split ließ sich dennoch nicht verhindern, die Ecstasy-getriebene Happy-Hardcore-Fraktion war geboren. Das kann doch nicht alles gewesen sein?!

Journey from the Light

Wir schreiben inzwischen 1993. Diejenigen, die den Sound, die Musik weiterbringen wollten, nahmen alle Uplifting-Elemente heraus und schufen, teilweise im Rückgriff auf die Mentasm-Riffs der belgischen Früh-90er-Tracks oder eines Joe Beltram in seiner Frühphase, ein Monstrum, genannt Darkcore oder Darkside. Der Sound dieser Ära reflektierte den kollektiven Kater nach der 92er-Euphorie, den Comedown nach zu vielen Drogen, die Tracks klangen wie Manifestationen all der Euphorie, nur mit negativem Vorzeichen, wie aural gewordene Antimaterie. Nun wollten sie wissen, wie weit man gehen kann, was aus dem Equipment Neues herauszuholen ist. Die wichtigste Zeit für Reinforced begann genau jetzt. Fast die gesamte Stammmannschaft von dem, was ein paar Jahre später zur Akte Drum???n???Bass werden sollte, dockte jetzt an, machte Tracks, veranstaltete Parties, kümmerte sich ums Artwork oder war sonstwie mit Reinforced verbandelt. Goldie alias Rufige Cru alias Metalheadz, Doc Scott alias Nasty Habits, Grooverider, Kemistry und Storm, sie alle gehörten dazu. Es war auch die Zeit der Enforcers-Compilation-EPs. Diese LiebhaberInnenstücke, teils in coloriertem Vinyl, eigneten sich vortrefflich als Fetisch. Jeder Act bekam Raum für ein Stück, und eine Vielzahl von Klassikern erblickte so das Licht der Welt. Tracks wie Nasty Habits??? Here Come The Drums auf der As nasty as I wana be-EP, Rufige Crus Darkrider, eine Hommage an Grooverider, der mit seinem Club Rage einer der wichtigsten Köpfe für diesen Sound war, Metalheadz??? Sinister auf der Enforcers 5-EP oder auch Tek 9s Statement gegen die Überspitzung des Trends, You Got To Slow Down, auf der The Return of Tek 9-EP. Nicht nur ist jede dieser Maxis großartig und klingt auch heute noch kein bißchen angegraut, es werden inzwischen schon obszön hohe LiebhaberInnenpreise gefordert und auch bezahlt; was es nachgeborenen Freaks zusammen mit den oft limitierten Auflagen schwer macht, gerade diesen essenziellen Part der Geschichte aufzuarbeiten. »If anyone can claim to have invented darkcore, it???s 4 Hero«, schreibt Simon Reynolds in Energy Flash, was vielleicht etwas übertrieben ist, im Kern jedoch stimmt. Die Mentasm-Terror-Riffs waren vielleicht der plakativste Bestandteil dieses neuen Sounds, doch viel wichtiger war die Offenheit, der wieder erstarkte ForscherInnengeist, die Pflicht zum Experiment.
So ebnete Darkcore den Weg für seine eigenen Nachfolger. Durch seine Experimentalität war er beispielhaft für Drum???n???Bass, wegen seiner Radikalität der Vorläufer für Ragga-Jungle, den beherrschenden Sound 94/95. Es war aber nach all der Finsternis und Paranoia wieder Zeit, sich zu verändern. Mehr Soul.

Heading to the Light

Der Bogen war einfach überspannt. Darkcore regierte noch bis in die erste Hälfte 1994 hinein, doch zu sehr, zu viel, vielleicht zu intensiv. Eine Zeit der Neuorientierung kam, nicht nur musikalisch, auch was das Labelpersonal betraf. Goldie mußte es einfach selbst probieren: Ende 1994 gründete er Metalheadz, in den ersten Monaten eigentlich nichts Anderes als die Außenstelle von Reinforced, mit Goldie selbst, Rufige Cru oder Doc Scott, die auch in diesem neuen Stall auf Anhieb hervorragende Musik produzierten. Ein neuer Name tauchte auf, Jungle, gebraucht eher für die raggalastigen Stücke mit dem Mörderbass. Selbst hier machten 4 Hero mit, aber nicht mit dem Label selbst. Als Tom & Jerry produzierten sie auf anderen Labels nichts Anderes als perfekte Party-Tools. Drum???n???Bass war das andere Wort. Die Bezeichnung für einen Sound ohne Ragga-Einfluß; ursprünglich der Experimentalität verpflichtet, wurde der Jazz erstmals so richtig hereingelassen. Shmoov und cool sollte es sein – endlich durften die Hipster mit hinein. LTJ Bukem, Goldie, Alex Reece, sie rulten in dieser soften, moody Zeit, Talkin??? Loud erstand von den Toten auf.

Parallel Universe

4 Hero konnten da nicht abseits stehen und veröffentlichten 1995 ihr zweites Album, Parallel Universe. Nichts mehr auf dieser LP erinnerte an die paranoiden Sounds der Darkcore-Ära, Wärme, Jazz und Soul waren angesagt. Bei ihrem musikalischen Hintergrund und ihrer Geschichte keineswegs überraschend, vermieden sie jede Formelhaftigkeit, die z.B. Alex Reece bald zum Verhängnis werden sollte. Auch jetzt gingen sie konsequent ihren Weg – Anbiederungsverbot. In 4 Heros Parallel-Universum hatte aber viel mehr Platz. Ihr HipHop-Vehikel Tek 9 wurde im Zug der aufkommenden Begeisterung für Downbeat und TripHop revitalisiert, außerdem brachten die erklärten Fans des Detroit-Techno 1996 eine absolute Killer-Compilation dieses Stils, The Deepest Shades of Techno (SSR), heraus – 4 Hero, die wahrscheinlich musikalisch vielseitigsten Producer im Drum???n???Bass-Business. Diese Vielfältigkeit, diese konsequente Weigerung, den eigenen Tellerrand als das Ende der Welt anzusehen, färbte natürlich auch immer auf das Label als Ganzes ab. Auch das ist ein Grund für das hohe Qualitätslevel, für die Furchtlosigkeit neuen Elementen gegenüber. Es wurde mittlerweile etwas ruhiger um Reinforced, der Maxi-Ausstoß riß jedoch nie ab. Während die Musik wieder härter wurde, Techstep neue Maßstäbe in Härte und Distortion lieferte, gaben Reinforcement mit der superben 96er-LP Enforcers – Above The Law zugleich ein Statement ab und ihre Mitarbeit bekannt.

Reinforcement

Die Anzeichen mehren sich, daß Reinforced wieder zu alter Hochform und Einfluß zurückkehren könnte. Eine lausige Phase hatte es ja nie, aber etwas ruhiger ging es in letzter Zeit schon zu. Das mag mit der Arbeit von 4 Hero an eigenen Projekten wie dem Talkin??? Loud-Album 2 Pages zu tun haben. Auch mag eine Rolle gespielt haben, daß die oben erwähnten Kräfte all das, was sie in Nord-London gelernt hatten, mittlerweile in eigene Labels, Tracks und Karrieren umgesetzt haben. In den letzten zwei Jahren konnte um das Wohl dieser Bastion gegen Beliebigkeit besorgten Fans Angst und Bange werden: Eher spärlich liefen neue Maxis ein, und der Titel der epochalen Enforcers-LP der Wintersaison 97/98, The Beginning of The End, ließ Raum für Spekulationen offen. Doch war wohl das Ende der Sackgasse, in die sich diese Musik ein Stück weit selbst manövriert hatte, Gegenstand dieser feisten Veröffentlichung. Jetzt aber zurück zu den genannten Vorzeichen. In diesem Sommer begann Reinforced massiv auf die LP-Karte zu setzen. Sonar Circles Radius-LP, G-Force 6 Sejis Just Another Number sowie Alpha Omegas Journey to the 9th Level-Album wurden releast und trafen auf wohlwollende KritikerInnen. Es ist nicht unwahrscheinlich, daß hier eine neue Generation von dedicated Heads heranwächst, die ähnlich wie Goldie oder Doc Scott in der Szene noch für Furore sorgen wird. Doch wir haben noch gar nicht über das neue Enforcers-Album gesprochen. Als besonderes Geschenk für all jene, die Reinforced über die Jahre die Treue hielten, sowie als Einstieg für neue Fans gibt es diesen Herbst Enforcers – Deadly Chambers Of Sound. Auf Achtfach-Vinyl wird die Zukunft gezimmert. All die neuen Producer, aber nicht nur sie, liefern erstklassige Ware ab. Selbst Goldie, geprügelt nach seinem Saturnz Returnz-Albumflop, kehrt reumütig mit einem Track zu seinen Lehrmeistern zurück. Wenn eine Platte wieder Hoffnung macht im Drum???n???Bass-Geschäft, dann dieses dicke Ding. Und wenn eines in dieser Musik sicher ist, dann, daß es weitergehen wird. Eigentlich ist das, was die letzten eineinhalb Jahre passierte, diese Enttäuschung, diese Desillusionierung, nichts Anderes als das, was es schon 1992 mit Hardcore, 1994 mit Ragga-Jungle oder auch 1997/98 mit dem Two-Step-Diktat gegeben hatte: Ein Sound, eine Herangehensweise an diese Musik mutiert, wird populär, doch viele überspannen den Bogen, für andere, die vom eben erst entstandenen neuen Modell hingerissen sind, wird es fad. Daraus aber ein Ende der Innovation abzuleiten ist nur unklug. Diese Musik, diese Szene, vom Hardcore über Jungle bis hin zu Drum???n???Bass, hatte immer, von Beginn an, eines quasi eingebaut: die Fähigkeit zur Evolution, die Vermeidung der Sackgasse, die eine Umkehr unmöglich macht. Denn das ist es, was diese Musik auszeichnet: ihre Absorptionsfähigkeit. Diese Szene betreibt Selbstreflexion, aber nicht in Worten oder über Medien, das auch, aber immer primär über die Musik selbst. All die Hipster, die den Stillstand beklagen, kennen einfach die Geschichte dieses Sounds zu wenig. Reinforced werden wieder an der Spitze sein. 1989 to 1999 and beyond.

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