»:Rarum - Selected Recordings«

Vorweg die Tatsachen: Das in München stationierte Label ECM veröffentlichte vor allem zwischen 1975 und den späten Achtzigern Alben von Jazz-Größen u.a. Künstlern, die ein weit größeres Publikum verdient hätten.

Während die meisten spezialisierten Labels daran scheiterten mehr Liebhaber zu gewinnen, hat ECM dem fortschrittlichen zeitgenössischen Jazz die Türen in die Wohnzimmer und Autos geöffnet. Andrerseits, und das ist kein Geheimnis, sind die meisten dieser Alben einfach unglaublich. »Zum richtigen Zeitpunkt mit den richtigen Leuten beisammen sein«, heißt das oft im Filmgeschäft. »:Rarum« ist eine globale Reihe und dokumentiert viele Künstler. Also lasst uns ein paar Stücke näher betrachten:
»Rarum XVI«: PAUL MOTIAN (dr), BILL FRISELL (g), JOE LOVANO (sax), 1984: »It should have happened a long time ago«:

Ein Luft-Walzer, gespielt mit den Fingerspitzen. Dass dieses basslose Trio, eine der wichtigsten Bands dieser Periode, die Reihe eröffnet, zeugt von Reife.
»IX: PAT METHENY TRIO (feat. CHARLIE HADEN & BILLY HIGGINS) – »Lonely Woman«, 1983.

Eine von akustischen Gitarren sehr einfühlsam vorgetragene Ballade, welche an der gesamten Tradition und Konzeption des Gitarren-Jazz-Trios rüttelte. Und, falls mich mein Gedächtnis nicht im Stich gelassen hat, eines der am häufigsten gespielte Alben jener Zeit.
»XII«: JACK DE JOHNETTE (dr) feat. JOHN ABERCROMBIE (g) – »Picture 5«, 1976:
Schon fast vergessene Aspekte eines Experimentierens jenseits von Jazz kennzeichnen dieses Album. Kleinere Formate, andere Instrumentalisierungen und Formen. Im Grunde eine völlig neue Herangehensweise an Musik.
»XIV«: JOHN ABERCROMBIE QUARTET feat. Richie Beirach, George Mraz und Peter Mc Donald – »Stray«, 1979:

Es ist äußerst faszinierend wieder einmal diesen Original-Aufnahmen zu lauschen und festzustellen wie im Speziellen Abercrombie die Musik der Folge-Jahre völlig verändert hat. Auch heute beziehen wir uns noch ziemlich auf diese Ästhetik. John Abercrombie ist in meinen Ohren nach wie vor ein Meister seines Faches, der heutzutage oft unterschätzt wird.
»VII«: TERJE RYPDAL (g) – »Silver Bird Is Heading For The Sun«, 1974:

Prä, Post oder einfach über all dem? Rypdal ist fraglos ein weiterer Meister seines Faches, den wir noch nicht genügend gewürdigt haben. Zutiefst elektrisierend ist dieses Stück, das einen »Miles Davis Filmore Live«-Beigeschmack hat. Rypdals Phrasierungen zeigen sich bei jeder Kreuzung. Weder Rock, Free oder Jazz – ganz etwas anderes ist das.
Soviel erst einmal dazu, aber lasst uns nicht vergessen, dass die meisten dieser ECM-Alben quasi der Ursprung von dem sind, was später unter reiner Instrumental-Musik subsummiert wurde. Jedenfalls haben sie uns derartig beeinflusst, dass sich die Besinnung auf die Wurzeln allemal lohnt. Auch ein jüngeres Publikum vermag vielleicht in dieser Originalmusik Elemente des Post-Rocks zu entdecken.
Vertrieb: >> Lotus Records