Veronika Kracher © Nicholas Potter

Radikalisierte Männerwelten

Seit einigen Jahren macht der Online-Zusammenschluss der »Incels« von sich reden. Hier treffen sexuelle Frustration, männliches Anspruchsdenken und Misogynie aufeinander und vernetzen sich mit Folgen sowohl in der digitalen als auch der »realen« Welt. Veronika Krachers Buch widmet sich dem Phänomen.

Der Begriff »Incel«, der als Abkürzung für »involuntary celibate« (unfreiwilliger Zölibatär) fungiert, taucht in den letzten Jahren vermehrt in der medialen Berichterstattung auf. Unter dieser Selbstbezeichnung schließen sich online hauptsächlich junge heterosexuelle Männer zusammen, die den eigenen Mangel an sexuellen Kontakten beklagen und Frauen dafür verantwortlich machen. Diesem Phänomen geht Veronika Kracher in ihrem Buch »Incels – Geschichte, Sprache und Ideologie eines Online-Kults« umfassend nach. Ursprünglich aus dem Bereich der Selbsthilfe kommend, hat sich mittlerweile ein eigener Kosmos auf Grundlage einer lose verbundenen Online-Community herausgebildet, der sich durch extreme Frauenfeindlichkeit und andere Ideologien der Ungleichheit auszeichnet. Der Kosmos der Incels hat eine eigene Weltanschauung und Sprache entwickelt, in die Veronika Kracher die Leser*innen kundig einführt. Als theoretischer Bezugsrahmen fungieren die Konzepte der Frankfurter Schule, feministischer Autor*innen wie Kate Manne sowie insbesondere die Arbeiten von Rolf Pohl und Klaus Theweleit.

Eine zentrale Rolle im Kosmos der Incels spielt die sogenannte »Red-«, »Blue-« bzw. »Blackpill«-Ideologie, die sich an den Film »Matrix« anlehnt und auch in anderen Teilen der Alt-Right eine wichtige Rolle spielt. Hierbei bedeutet das Einnehmen der »Bluepill«, das eigene Leben in erfüllender Ignoranz zu führen. Das Schlucken der roten bzw. schwarzen Pille ermöglicht es hingegen, dass die Betreffenden die wahren Zusammenhänge und Hintergründe erkennen und sich gegen die vermeintlichen Missstände zur Wehr setzen. So glauben Teile der Alt-Right, Pick-up-Artists und Männerrechtsaktivisten, mittels der »Redpill« erkannt zu haben, dass Männer in ihrer Gesamtheit gesellschaftlich vom Feminismus, ergo den Frauen, unterdrückt werden. Als eine nihilistische Weiterentwicklung dessen fungiert bei Incels die »Blackpill«, die die Vorstellung umfasst, dass Frauen niemals mit vermeintlich unattraktiven Männern eine Beziehung eingehen würden. Frauen hätten demnach nur Interesse an gutaussehenden Männern, den sogenannten »Chads«. Ein Ideal, dem die sich als extrem hässlich empfindenden Incels niemals entsprechen könnten. Nicht die eigene Persönlichkeit oder gesellschaftliche Geschlechter- und Schönheitsvorstellungen werden als ursächlich angesehen, sondern vielmehr die Schuld den Frauen an sich zugeschoben.

Von der Kränkung zum Terror
Einzelne Frauen gelten dabei nicht mehr als Individuen, es kommt zu einer Projektion von einzelnen (negativen) Erfahrungen auf das Kollektiv der Frauen als Ganzem. Gleichzeitig formulieren Incels den Anspruch, dass Frauen ihnen Sex schuldig wären. Weibliche Autonomie gilt als bewusster Affront gegenüber den Männern, die sich in einem Zugriffsrecht und Kontrollbedürfnis beschnitten sehen. Die weibliche Aufgabe wird darin gesehen, männliche Bedürfnisse umfassend zu stillen. Wenig verwunderlich ist, dass die eigene gefühlte Marginalisierung gleichzeitig auch in antisemitische, rassistische und heterosexistische Denkmuster eingebunden ist. Die vermeintlich bewusst von Frauen zugefügten Kränkungen erzeugen ein massives Strafbedürfnis, das durch die wechselseitige Zustimmung innerhalb der Incelcommunity noch weiter angeheizt wird. Frauen gelten vielfach nicht mehr als Menschen, sondern nur noch als Objekte, die den Männern die angeblich zustehende Bedürfnisbefriedigung verweigern würden. Diese Denkweise fungiert als Legitimationsbasis für Abwertung und Gewalt. Auf dieser Grundlage bildet sich ein extremer Hass auf Frauen. Dieser umfasst Internetmobbing, Vergewaltigungsdrohungen oder das sogenannte Doxxing, bei welchem persönliche Informationen wie Fotos oder die Adresse der Betroffenen online gestellt werden. Nicht nur hier zeigen sich starke Parallelen zu Kampfstrategien der Alt-Right.

Die Aggression reicht bis hin zu Attentaten. Im nordamerikanischen Raum hat Incelgewalt schon über 50 Todesopfer gefordert. Kracher zeigt, wie (virtuelle) Gewalt bis hin zum Terror als Möglichkeit fungiert, die eigene Männlichkeit zu beweisen und sich trotz Sexlosigkeit dieser zu vergewissern. Zugleich findet eine Täter-Opfer-Umkehr statt, so schreibt sie: »Incels betrachten sich im Sinne einer der pathischen Projektion innewohnenden Täter-Opfer-Umkehr als Opfer von Feminismus und jüdischen Strippenziehern. So lässt sich auch das eigene Tätersein von sich weisen: Man handelt schließlich als aufrechter Rebell gegen eine unrechtmäßige Herrschaft, die zu realisieren man andere Betroffene aufwecken muss.« (S. 162) Einem dieser Attentäter, der in der Szene als Widerstandskämpfer verehrte Elliott Rodger, widmet die Autorin ein Kapitel, in dem sie exemplarisch dessen Manifest analysiert, das als eine Blaupause für die Ideologie der Incels fungiert.

Männlichkeit(en)
Neben dem obsessiven Hass auf Frauen ist der eigene Selbsthass ein weiteres zentrales Element der Incelwelt. Anstelle sich gegenseitig Halt zu geben, verstärken diese Foren die eigene Isolation noch weiter, da sich die Mitglieder gegenseitig permanent runtermachen und die Erwähnung von positiven Erfahrungen zum Ausschluss aus den entsprechenden Gruppen führt. Innerhalb der Foren gilt das eigene Alleinsein demnach auch nicht mehr als ein potenziell veränderlicher Status, sondern vielmehr als unabänderliche Identität. Incels werden medial oftmals nur als seltsame bis irre Außenseiter dargestellt, die sich ausschließlich in ihrem eigenen Selbstmitleid suhlen. Dies greift jedoch zu kurz. Kracher arbeitet überzeugend heraus, dass die Männlichkeitsvorstellungen von Incels und deren permanente Abwertung von Frauen nicht einfach nur eine individuelle Pathologie darstellen, sondern vielmehr in gesellschaftlichen Geschlechtervorstellungen und dem herrschenden (sexuellen) Leistungsprinzip begründet liegen. Sie zeigt, dass die Konstituierung des heutigen Geschlechterverhältnisses samt Abwehr des Weiblichen als elementarer Bestandteil von männlicher Subjektbildung und die Krisenhaftigkeit von Männlichkeit per se Ursache des Incelphänomens ist.

Sexuelle Unsicherheit und das Gefühl des Versagens sind reale gesamtgesellschaftliche Probleme, wie der Imperativ der permanenten Selbstoptimierung, entfremdete Beziehungen und Vereinsamung. Incels thematisieren und analysieren die realen Missstände jedoch nicht gesellschaftskritisch, vielmehr bilden sie die affirmierte Basis für die wechselseitige Anstachelung zum Frauenhass und zum eigenen Selbsthass. Kracher nimmt die gesellschaftlichen Ursachen ernst, entlässt die Incels selbst jedoch nicht aus der Verantwortung für ihr Handeln, obgleich ein Ausstieg mitunter sehr schwierig ist. Neben der sehr erhellenden Darstellung des Incelkosmos ist es bereichernd, dass die Autorin nicht auf der reinen Analyseebene verbleibt, sondern produktive Denkanstöße dahingehend gibt, wie gegen solche Phänomene gearbeitet werden kann. Dies umfasst Ausstiegs- und Deradikalisierungsmöglichkeiten und im Zuge dessen insbesondere, welche gesamtgesellschaftlichen Veränderungen bezüglich Männlichkeitsvorstellungen dabei nötig sind. Politische Handlungsfelder, die nicht auf die Gruppe der Incels beschränkt sind.

Veronika Kracher: »Incels – Geschichte, Sprache und Ideologie eines Online-Kults«. Ventil Verlag 2020, 280 Seiten, EUR 16,00

Link: https://www.ventil-verlag.de/titel/1862/incels