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Wenn es um französische Popmusik geht, wird mittlerweile ja nicht mehr nur von den »Frogs« und ihrem angeblichem Unvermögen etwas anderes als »Röck’e’Röll« zu fabrizieren geredet. Denn trotz real existierendem, grauenhaftem »Röck’e’Röll«, ist so eine Sicht der Dinge eigentlich nichts anderes als ein dumpf anglo-amerikanisch fixierter Rockisten-Blödsinn. Was spätestens seit der Veröffentlichung des Gesamtwerks von Serge Gainsbourg auch allen hätte klar sein müssen. Mit der Sampler-Reihe »Pop à Paris« wird nun aber noch ein Paket von 110 Songs (!) nachgeschoben. Und das eignet sich so richtig schön zum Geschichte Umschreiben, muss sich doch die hier versammelte französische Popmusik aus den Sixties weder vor Swinging London noch vor Flower Power San Francisco und schon gar nicht vor dem samtenen New Yorker de-Sade-Underground verstecken. Wird hier doch auch eine Popkultur dokumentiert, die wenig später (1974) nicht nur so etwas wie Heldons »Electronic Guerilla« (mit u.a. einem gewissen Professor Gilles Deleuze an den Vocals) herausbrachte, sondern auch in den frühen 80ern (sozusagen ideologisch nachwirkend) für Alan Vegas einzige Top-Ten-Platzierungen verantwortlich war. Wobei hier (ganz wie bei der Nouvelle Vague, die sich dann ja auch soundtracktechnisch von »Pop à Paris« versorgen ließ) auch locker keine großen Unterschiede zwischen Kitsch und Avantgarde, E- und U-Musik sowie Pop und Politik gemacht werden. Dafür geht es zwischen den Songzuständen »Psyché Rock« & »C’est Bizarre« mehr als heftig zu. So zeugen nicht wenige Songs von einem extremen Intimverhältnis zwischen Surrealismus und Psychedelic-Beat. Dahinter steckt natürlich u.a. Pierre Henrys Musique-Concrète-Synthesizer-Avant-Rock-Klassiker »Psyché Rock« (hier von Les Yper-Sounds kongenial nachinterpretiert) der etwa bei Messieurs Richard De Bordeaux Et Daniel Beretta (»La Drogue«!!!), Les Fleurs De Pavot (»Hippies nous violà«!), Michel Polnareff (»Beatnik«) aber auch bei Serge Gainsbourgs Indochina-»Apocalypse Now«-Psychedelicatesse »Psychasténie« heftigste Spuren in Form von massig Electronica, extrem verzerrten Fuzz-Gitarren und dazu jeder Menge indischer (Space-)Sitars und (Elektronen-)Tablas hinterlassen hat. Wobei Gainsbourg eigentlich nur die Spitze eines Eisbergs (Maoistische Psychedelica!) darstellt, der etwa bei France Galls »Chanson indienne« gleich auch noch Sitar, Streicher, Tablas und Flöten mit Alice-Coltrane-Streichern mixt oder im Fall von Claude Channes (»L’amour pas la guerre«) und Michel Polnareff (»La Mouche«) neutönerische Zwölfton-Streicher mit Keller-Fuzzgitarren zusammenkrachen lässt (wie so was ohne Streicher klingt zeigt Johnny Hallyday mit »A tout casser« und Led Zeppelins Jimmy Page an der Gitarre). Dafür zerkugelt man sich regelrecht bei Alan Stivells »Flower Power«-Rotwein-Hippie-Kitsch, denkt bei der lasziv-göttlichen Pascale Audret (»Affole-toi Marie«) automatisch an Air und bei Anna St. Clair (»L’amour à travers et à tort«) an Lord Sinclair & Danny Wilde im LSD-Sex-Rausch. Dazu kommen schier unglaubliche Cover wie »These Boots Are Made For Walking«, »Hush« (von Johnny Hallyday als »Mal« vorgetragen, trotz cosmopolitischen Appeal wird natürlich ausschliesslich in französisch gesungen), »Paint It Black« (als »Marie douceur – Marie colère« von Marrie Laforêt) oder – kaum zu glauben – das Garagenpunk-Schlachtross »I Can Only Give You Everything« (Ronnie Bird: »Chante«).
»French Cuts 2«, der Sampler des gleichnamigen Clubs im Münchner Atomic Café ergänzt das Spektrum noch um einige unglaubliche Cover mehr (Tom Jones‘ »It’s Not Unusual«!) und wühlt unvermindert heftig zwischen French Brazil-Sleaze und trashigem Psyché-Beat herum. Kurz: Musik ohne die es Bands wie Stereo Total, Die Stars, Die Goldenen Zitronen (»Les Cactus«), Stereolab, Die Lassie Singers, etc. wahrscheinlich gar nicht geben würde. Wie heißt es bei Elsa: »C’est bizarre«. Genau!

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