Federico »Pico Be« Sánchez © Mio Michaela Obernosterer

Poesie mit Kassettenrekorder, UKW-Mittelwelle und Diktiergerät

Federico »Pico Be« Sánchez überzeugt am 17. März im Wiener AU mit einer von skug präsentierten Performance, die Oldschool-Instrumente poetische Ausführungen transportieren ließ. Unter anderem werden nicht gesühnte Verbrechen des Franco-Regimes schlaglichtartig anskizziert – Anlass für eine Unterhaltung.

Das literarisch klug die Wirkung von Politik auf menschliche Ereignisse schildernde Werk »MK Ultra Soft Maschine«, aus dem Sánchez las, zitiert ein CIA-Projekt, das mittels Psychodrogen Menschen für Aussagen gefügig machte. Tiefer im Text geht es um hegemoniale Kontinuitäten. Ludwig Abraham hat in seinem poetischen Text über das Schaffen von Federico Sánchez [https://skug.at/die-unschuld-aus-muenchen/] darauf hingewiesen, dass der Blick auf die Gegenwart nicht ohne das Mitdenken der Vergangenheit erfolgen soll. Gut also, dass sich am Rande von Sánchez’ Präsentation der »Spanischen Skizzen«, so der für Wien gewählte Subtitel von »MK Ultra Soft Maschine«, im Wiener AU die Gelegenheit ergab, mehr auf die politischen Hintergründe einzugehen. Die Schatten der Vergangenheit und Fehlentwicklungen des neoliberalen Kapitalismus lasten nicht nur auf Spanien. Die Klassenfrage ist aktueller denn je.

skug: Es geht in »MK Ultra Soft Maschine« auch um die schwierige Geburt der Demokratie im Spanien der 1970er-Jahre. Waren deine Großeltern Anhänger der Demokratie?
Federico »Pico Be« Sánchez: Meine Großeltern waren stoische kastilische Bauern, die über Politik nie ein Wort verloren haben und brav in die Kirche gegangen sind. Linke oder Anarchisten hat es in dem Dorf nicht gegeben, Faschisten angeblich auch nicht. Das fand alles woanders statt. Mein Vater hat sich im deutschen Gastarbeiter-Exil im Umfeld von Sozialisten und Sozialdemokraten bewegt, aber irgendwie waren nach der Transición und in den 1980ern ja alle Sozialisten.

Es ist wirklich arg, dass Verbrecher des Franco-Regimes immer noch nicht verurteilt wurden und der spanische Staat nach wie vor alles dagegen unternimmt.
Es ist vor allem dann keine gute Perspektive, wenn Akteure von damals immer noch was zu melden haben. Die Stammsuppe der PP (Partido Popular, spanische Volkspartei) war ein regelrechtes Auffangbecken für Ex-Franco-Minister. Aber ich finde speziell die internationalen Verflechtungen, hier mit Akteuren des alten Deutschland, bemerkenswert unaufgearbeitet. Das Auswärtige Amt war zumindest bis in die 1970er eine Waschküche für richtige Nazis. Interpol übrigens auch. Die Liste der Nazis, die nach dem Krieg in Spanien untertauchen konnten, ist lang.

© Mio Michaela Obernosterer

Verzeihen und Versöhnen – ist das möglich? Wie mit Verletzungen weiterleben?
Eigentlich mag ich mich da nicht allzu sehr reinversteigen. Es geht mir vielmehr darum, Politik durch Poesie zu ersetzen – und nebenbei die Klassenfrage zu stellen. Weil das was Konkretes ist, was jeden betrifft. Was ist Arbeit, und wer arbeitet für wen? Was ist unsichtbar, und was ist Wegschauen?

Aktuell erleben wir in Österreich das Aufkochen des Burschenschafter-Rassismus. Söhne von Nazi-Vätern sind an die Schaltstellen des Staates gelangt.
Und da sind wir auch wieder bei der Klassenfrage, die eine total tabuisierte Frage ist. Solange es Tabu ist, diese zu stellen, wird uns die Wiederkehr von Faschismus überraschen, dabei handelt es sich um verdeckte Kontinuitäten. Ich stelle gerade jetzt, da die spanische/katalanische Staatskrise so verzwickt ist, fest, dass relativ wenig an Geschichten aus Politik, Kultur und Alltagsleben übersetzt/importiert wurden. Wahrscheinlich, weil wenig Leute Interesse daran hatten und haben, das alte Image der spanischen Sonne zu relativieren. Diese Textstrecke ist für mich auch nur ein erstes Andocken an ein paar Bilder, es ist ja mehr so eine Allegorie und ein paar Farbtöne, mehr nicht.

Federico »Pico Be« Sánchez: »MK Ultra Soft Maschine«
Hörposter, ab 9. März 2018 im Verlag Cosima Pitz erhältlich:
http://cosimapitz.de/