© Unknown author, Wikimedia Commons, Public Domain
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Das Leben ist ein abgesagter Selbstmord

Der Guggolz-Verlag veröffentlicht eine Neuübersetzung von Stig Dagermans »Gebranntes Kind«. Es ist die tiefgehende Analyse der Düsternis menschlicher Beziehungen, zwischen Wut und Sehnsucht, Lust und Verlorensein.

Stig Dagerman kam 1923 in Uppsala, Schweden, als Sohn eines Sprengmeisters und einer Telefonistin zur Welt, also am Schnittpunkt von Zerstörung und Kommunikation. Sein Großvater wurde von einem Psychopathen ermordet, ein Freund beim gemeinsamen Urlaub von einer Lawine getötet und seine Ehe, mit Kindern, ging in die Brüche. Die Karriere als Schriftsteller begann zwar rasant, war jedoch geprägt von existenziellen Krisen, Aufs und Abs, und schlussendlich nahm er sich 1954 mit 31 Jahren das Leben. Bekannt wurde Dagerman im deutschsprachigen Raum vor allem durch seinen Roman »Die schwedische Hochzeitsnacht«. Im Guggolz-Verlag erschienen von ihm bereits »Deutscher Herbst«, eine Sammlung ebenso von Paul Berf neu übersetzter Reportagen über Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg, das der 23 Jahre junge Dagerman als Journalist bereiste. Sein Leben war kurz, aber offensichtlich intensiv. 

Intensiv ist auch die Erfahrungswelt des jungen Bengt, Hauptfigur von »Gebranntes Kind«. Der verliert, noch nicht ganz »erwachsen«, überraschend seine Mutter – und kommt mit dieser neuen Situation nicht wirklich gut zurecht. Da macht es nicht besser, dass sein Vater eine Neue hat, und das nicht erst seit gestern. Bengt selbst hat eine Freundin, die seines Vaters kennt er auch bereits aus dem Kino. Man ahnt, was passiert (siehe Projektion, Ödipuskomplex usw.). Die jugendliche Wut, Sinnsuche, Einsamkeit, Verwirrung, Verirrungen steigern sich ins Unendliche. Bengts Gedanken kreisen vor allem um den Tod, der mit allem irgendwie zu tun zu haben scheint. Weil er nach dem soeben erlittenen Trauma niemandem als sich selbst vertrauen kann, ist das Erkunden des eigenen Selbst umso wichtiger. Man dürfe sich nicht hinters Licht führen. Die Gedanken changieren zwischen intellektueller Analyse und Wahn, oftmals sind sie jedoch gar nicht mehr voneinander zu unterscheiden. Während er die Spielregeln des gesellschaftlichen Lebens erforscht, sind seine Überzeugungen stets ohne jeden Zweifel, und im nächsten Moment überwirft er sie, übermannt von den eigenen Gefühlen, die stärker sind und einen gerade geliebten Menschen zum Objekt des Hasses werden lassen.

Spitze, kurze, eindringliche Sätze, kafkaesk anmutendes Kreisen der Gedanken, das dem Leben Ausgeliefertsein existenzialistisch, in Gefühlsstärke krass expressionistisch, in der Symbolik der Reinheit und der Mutterfiguren ganz offensichtlich beeinflusst von den Ideen der Psychoanalyse … Je reicher die Begriffe werden, die man sich macht, desto nuancierter ist das Bild der Wirklichkeit, und doch ist keine exakte Bestimmung des Begriffs möglich. In Bezug auf die Liebe, so wird empfohlen, solle man auch gar nicht so genau nachforschen, den Begriff nicht suchen, denn meist gebe es gar keinen wirklichen Grund in der Tiefe, und aus der Tiefe wird eine Leere, und wenn die Leere, die alles umschließt, entdeckt ist, ist dann auch Schluss mit dem Gefühl, das Ausgangspunkt des Gedankengangs war. »Trauer ist das Wissen über die Leere, die der Tod hinterlässt. Der Tod ist ein großes Loch und Trauer bedeutet zu wissen, wie leer dieses Loch ist.« Solche und ähnliche Sätze springen den Leser*innen nahezu auf jeder Seite entgegen. Das Lesen ist aufwühlend, mitunter quälend, doch sprüht es vor Vitalität und Ausdruckskraft. Ständig knallt es. Als hätte man Wittgenstein, Kafka und Denton Welch in einen Blender geworfen. Und abgedrückt.

Stig Dagerman: »Gebranntes Kind« (Guggolz)

Link: https://guggolz-verlag.de/buecher/gebranntes-kind  

Home / Kultur / Readable

Text
Lutz Vössing

Veröffentlichung
22.03.2024

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