Various Artists

»Parallelogram«

Three Lobed

»Parallelogram« versammelt auf fünf LPs zehn verschiedene Künstler bzw. Bands, pro LP-Seite eine. Auf Vinyl sind die Alben nicht einzeln erhältlich, digital schon. Es lohnt sich, »Parallelogram« in einem erweiterten Kontext zu betrachten, um die Veröffentlichung dieser LPs einzuordnen.

Im Jahr 2005 erschien mit »By The Fruits You Shall Know The Roots« auf dem einflussreichen Time-Lag Label eine Zusammenstellung von Musiker_innen, die durch das mittlerweile wieder aus der Mode geratene Gerede übers New Weird America eine zeitlang in aller Munde waren und deren musikalische Entwicklung den Hype überdauert hat. Mit Ausnahme des verstorbenen Jack Rose sind noch alle auf »By The Fruits You Shall Know The Roots« veröffentlichten Musiker_innen in verschiedenen Projekten aktiv (z. B. Christina und Tom Carter in der Combo Charalambides) und mit Ben Chasny (Six Organs Of Admittance) und Chris Corsano wenigstens zwei Musiker auf beiden Zusammenstellungen vertreten. Das mag auf den ersten Blick zu wenig Zusammenhang sein, um »Parallelogram« mit Blick auf »By The Fruits You Shall Know The Roots« zu beurteilen, dennoch lohnt sich die historische Perspektive, da beide Compilations einen Ûberblick über dasselbe musikalische Milieu geben – eben mit zehn Jahren Abstand voneinander.

»Parallelogram«, erschien Ende 2015, und dokumentiert (zumindest teilweise) eine der musikalischen Richtungen, die nicht wenige der Protagonisten des so genannten New Weid America nahmen: von ausufernden psychedelisch-experimentellen Jams/Improvisationen hin zu breitenwirksamerer Americana.

2005 wucherten die psychedelischen Improvisationen wie wild aus den Boxen. Man kam mit dem Pilze Fressen gewissermaßen nicht hinterher. Auch auf Three Lobed erschienen um diese Zeit herum haarsträubende Alben, wie beispielsweise Hassara, ein Projekt von James Jackson Toth (Wooden Wand), doch mit den Jahren – das muss man schon so sagen – haben es fast alle Beteiligten zunehmend ruhiger angehen lassen. Den Sound von Wooden Wand-Alben zeichnen heute im Eichenfass gereifte Folk- & Blues-Songs aus, und diese saloppe Formulierung trifft in der einen oder anderen Weise auch auf Steve Gunn, His Golden Messenger, William Tyler oder Kurt Vile zu, die alle auf »Parallelogram« vertreten sind und ihre Beiträge jeweils stilsicher und fehlerfrei abgeliefert haben. Doch ein wenig schlafen mir da beim Zuhören auch die Ohren bzw. Füße ein, und das sage ich nicht leichten Herzens! Es es ist viel Zeit vergangen seit 2005, the times are a-changing. Time-Lag hat vor wenigen Wochen den Betrieb eingestellt und auch wenn Three Lobed mit »Parallelogram« nicht den Schwanengesang einer Szene veröffentlicht hat, die als New Weird America immer auch eine popjournalistische Konstruktion war, so ist es doch bemerkenswert, die Veränderung festzuhalten, die (zumindest teilweise und auch nicht erst seit gestern) stattgefunden hat: von ausufernden experimentell-psychedelischen Improvisationen hin zu songorientierter Americana. Dies gilt zumindest für die bisher angesprochenen Steve Gunn, His Golden Messenger, William Tyler und Kurt Vile (wobei letztgenannter immer schon Lieder sang). Im Ergebnis ist das (wie erwähnt) nicht unbedingt schlecht und im Falle von William Tyler sogar sehr schön – aber es ist mehr als einmal auch sehr gefällig und mithin uninspiriert. (Michael Chapman fällt als Veteran und Urahn aller im subkulturellen Schatten überlebender Musiker_innen aus der Wertung raus. Sein Beitrag zu »Parallelogram« erhält gewissermaßen den »Johnny Cash Gedächtnis Preis«. File under: Altern in Würde.) Bleiben noch ein Trio bestehend aus Alan Bishop, Bill Orcutt & Chris Corsano sowie Bardo Pond, Six Organs Of Admittance, Yo La Tengo und Caught On Tape (John Moloney & Thurston Moore) übrig. Auch hier zunächst eine Enttäuschung, denn Moloney und Moore nudeln ausgehend von »Ono Soul« (von Moores »Psychic Hearts«-Album) gut zwanzig Minuten eher uninspiriert wenn auch lang anhaltend und mitunter ordentlich Krach schlagend herum. Ein schönes Beispiel dafür, wie Improvisation Langeweile bedeuten kann. Leider. Aber dann wird doch noch alles besser – viel besser! Yo La Tengo überraschen mit einer fast an Dead C gemahnenden instrumentalen Rumpelei! Bardo Pond kochen glühend heiße Gitarren-Lava auf. Das machen sie schon immer und das machen sie meistens – so auch hier – sehr gut! Auch das fernöstlich angehauchte Gitarren-Mantra von Six Organs Of Admittance haut einem ganz gut aufs dritte Auge und schließlich beinhaltet »Parallelogram« mit einer feurigen Trio-Aufnahme von Alan Bishop, Bill Orcutt & Chris Corsano noch eine gut gelaunte und aufmüpfige Aufnahme, die u. a. eine irre Aufführung von Creams »Politician« beinhaltet und für die zwischenzeitliche Singer/Songwriter-Ödnis mehr als entschädigt.

So ist »Parallelogram« im Endergebnis eine zweischneidige Angelegenheit, die – je nach Geschmack – auch genau anders herum beurteilt werden kann. Man kann die Entwicklung weg vom psychedelisch-experimentellen Jam auch als Reifeprozess der einzelnen Musiker hören. Ich aber sage: danke für den ausufernden Lärm und werde zu den teilweise etwas zu abgehangenen Liedern eher nur sporadisch zurück kehren.