Various Artists

»Only 4 U - Twenty Years Of House Classics On Cajual Records«

Strut

Mit Cajmeres Cajual Records widmet sich das verdienstvolle Strut-Label einem der wichtigsten House-Flagschiffe der letzten 20 Jahre. Zwar gab es schon in den späten 1990ern mit dem zweiteiligen Sampler »The Future Sound of Chicago« etwas ähnliches (einmal mit Cajual-Stuff im Derrick Carter-Mix, einmal mit dem technoideren Output des Schwesterlabels Reflex im Cajmere & DJ Sneak-Mix), aber angesichts dessen, was momentan nicht nur in den USA als »Electronic Dance Music« gehandelt wird, ist jetzt genau der richtige Zeitpunkt, um zu zeigen, dass das nicht alles per se Kirmes-Rave bedeuten muss (und wenn, dann mit bösen Clowns). Neben Cajmere-Hits wie dem unvergleichlichen »Percolator« (House als »Naked Lunch«-Dancefloor im »Nova Express«), »Dream States« (gro&szligartiger, zusammen mit Derrick Carter entworfender Cosmic-Soul) sowie jeder Menge Underground-Disco als Future (mal ekstatisch bei »Feelin‘ Kinda High« mit Terence FM, mal von einem funky radical dance chic geprägt wie bei »Midnight« mit Walter Philips) zeigt diese Zusammenstellung auch, was die »Many Shades of Cajual« im einzelnen Ausmachen. Es ist ein mannigfaltiges Kaleidoskop zwischen hypernervösem Aufmerksamkeitsdefizit-Techno und himmlischen House-Hymnen mit ultra-technoider Grundierung. Hier kommen Disco und Gospel (ebenso wie die dazugehörenden Diven-Stimmen) ebenso in einer 909 zusammen (etwa beim unwiderstehlichen »People Everyday« von Braxton Holmes presents John Redman) wie sich daraus auch eine House Illogicalness ableiten lässt, die mal bei Juke/Footwork landen musste (Adams psychotronische Groovevermantschung »Moments In Time«). Cajuals House-Visionen verweigern sich dabei selbst in ihren clubbigsten Momenten (Dajaes »Get Up Off Me«, oder Glenn Undergrounds »Beyond«) dem gängigen Wohlfühlterror und setzen stattdessen auf eine ekstatische Maschinen-Extravaganza, die in Detroit zu Recht einfach »Techno« genannt werden würde.
Zusammen mit Chicago-House der Marke Wax Trax/DJ International (dem u. a. Gemini mit »If You Got To Believe In Something« Referenz erweisen) und Underground Resistance bildet Cajual (zusammen mit der eigenen Technowerkstatt Reflex) quasi ein Dreieck technoider House-Visionen. Das reicht bis Theo Parrish und bedient sich dabei immer noch gerne auch bei der lasziven Sexyness des Prince-auf-Acid-House-Klassikers »Baby Let Me Ride« von Frankie Knuckles. Hier spielt die »Beat Science« so was von »In The House«, dass Cajual-Platten aus jedem Set sofort herausstechen. Naheliegenderweise kann hier auch vieles als Booty/Ghetto/Tech-House gelesen werden. Denn die Four-To-The-Floor-Patterns sind nicht nur extrem funky programmiert, sondern immer auch etwas neben der Spur. Hier werden die obligatorischen 120 Bpm wie ein Gummiband gedehnt und scheint die Bassdrum immer etwas leicht schleppend hinterherzuhinken. Diese psychotisch-paranoiden (mitunter auch klaustrophobischen) und im Grunde für House per se völlig untypischen Momente kennen wir ja vor allem von Cajmeres Alter Ego Green Velvet, das hier zusammen mit Jamie Principal bei »LaLaLaLaLa (Inside My Mind)« vorführt wie es wohl sein mag wenn der Joker nach einem geglückten Ausbruch aus dem Arkham Asylum noch vor dem Showdown mit Batman kurz in die Disco geht. So gesehen ist das auch P-Funk als Paradox-House in Form von Abhandlungen zum Thema »Schizophrenie und Dancefloor« (bzw. Gospel und Psychiatrie). Da verwundert es auch nicht, dass wohl bekannte Disco-Schmähs (kurz vor dem Schluss alles, bis aufs Nötigste zurückfahren, um dann nochmals mit aller Kraft loszulegen) bis zum Extrem angewandt werden. Nur passiert das hier weniger unter nostalgischen denn unter den jeweils aktuellen Bedingungen des elektronischen Dancefloors, was in der Regel zu quälend langen Aufpeitschparts führt, bis dann endlich mal die HiHats oder ein elektronisches Tamburin das Tempo noch mal anziehen. Wie weit sich Cajuals »Black Secret House Technologies« dabei auch bei ganz anderen Musiken bedienen zeigt ja auch ein Track wie »Let’s Dance« von Cajmere & Russoul, wo Funk und Electro auf Euro-Dance (europäisierte Vocal-Akzente!), Disco (Moroder, Patrick Cowley), New Wave und Post-Punk treffen. Bleibt zum Abschluss nur noch eines zu sagen: »Let The Music Take Control!«