Various Artists

Offshore Freq #1

div. Tape Labels

Das bereits seit Jahrzehnten beschworene Ende des Untergrunds in der elektronischen Musik mag zwar bereits vor iTunes und Juno längst besiegelt gewesen sein, an den Rändern und Abhängen des globalen Dancefloors treiben trotzdem immer noch neue, mitunter auch anachronistische Blüten – wie zum Beispiel die wieder zunehmende Verbreitung von Veröffentlichungen auf Audiokassetten. Bis heute ist kein physisches Musikmedium günstiger herzustellen und einfacher zu vertreiben. Genau das macht Kassetten vor allem für kleine Auflagen und Nischen interessant.
Wer also schnell mal ein Genre als glatt und eine Spur zu »professionell« auf dem Markt platziert empfindet, kann beispielsweise das schwedische Grafiti Tapes-Label entdecken. Dort ist eben eine Release von NUG (Grafiti Tapes, C20) erschienen, der sich dezidiert von »sassy street art« abgrenzt und stattdessen wild am Technofloor randaliert. (Wobei da natürlich erst recht wieder eine gewisse Koketterie mitschwingt, oder täusche ich mich?) Weiters muss auf das aus Milano operierende Label Gang Of Ducks hingewiesen werden, auf dem TRAAG mit »Upn 50« (Gang Of Ducks, C60) die alte Verbindung zwischen den Industriegürteln Norditaliens und dem mittleren Westen der USA aufgreift. Als Kommunikationslinien dienen stillgelegte 380kW-Leitungen zwischen aufgelassenen Kraftwerken und Trafostationen, weiter draußen dann Reste alter Unterseeleitungen, die sich ihren Weg durch die Gebirge des Atlantik bahnen.
NEBULO sitzt zweifellos an einer dieser Quellen, lauscht mit und verknüpft auf »Akzidens« (Stomoxine, C44) Italo-Detroit mit der Erinnerung an algerische Piraten oder den Hallfahnen finnischer U-Boote, die kalte Schauer über den Rücken jagen. In den weiten Ebenen auf der gegenüberliegenden Seite des Kontinents scannen sich zur gleichen Zeit DRAMA! (KHK Tapes, C25) durch die Frequenzen ihrer gemoddeten SAT-Anlage, in der Hoffnung, zwischen den Kanälen ein paar Fetzen dieser unheiligen Allianz einzufangen. Der Empfang ist jedoch meistens schlecht und zudem recht instabil – dem Ergebnis ist dies aber durchaus zuträglich.
Auch abseits von Techno bieten Tapes eine Plattform für spezialisierte Kleinstlabels, deren Miniauflagen sich mit Vinyl kaum je realisieren ließen. So gönnt sich das spannende, aber doch recht sperrige Grazer Label Ordia Muszc eine eigene Kassettenabteilung für noch sperrigere Dinge – etwa »SPSP No. 1« von R. SCHWARZ (Mudblob Tapes, C40), der seine Stubenfliegenschwärme wahlweise direkt auf uns (A-Seite) oder seinen Synthesizer (B-Seite) loslässt. Auch der »Sampler 2014« (Fettkakao, C45) erschien auf Kassette und versammelt unter anderem Dot Dash und Tirana, beide wunderbar charmant. Apropos sammeln – nach zwei Sammlungen von Spirituals aus dem Todestrakt von US-Gefängnissen, widmet sich das US-Label Death Is Not The End der wenig bekannten Blues-Sängerin SISTER O.M. TERRELL (Death Is Not The End, C30). Im Gegensatz dazu haben sich SEEKERS INTERNATIONAL mit »Reconsiders The Vampire’s Curse« (Boomarm Nation, C35) aufs Schreddern verlegt und verwandeln die stilprägende LP »Scientist Rids The World Of The Evil Curse Of The Vampires« in einen fabelhaften Dub-Soundclash.
Soundlinks auf www.twitter.com/offshore_freq

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