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Norah Noizzze: Feministische Punk-Melodien unter Kakophonien

Von »Rebel Girl« von Bikini Kill bis zu »Masturbates Motel« von Norah Noizzze: Die dreiköpfige Damenkapelle Norah Noizzze überrascht und blendet mit Punk- und Eurodance-Covers und Räuberbanden-Performances. Im Februar werden Songs aufgenommen und ein Label gegründet.

In welcher Tradition seht ihr euch in Bezug auf den Feminismus?

Helga Hofbauer: Die Riot-Girrrl-Bewegung, in deren Traditionslinie ich uns sehe, kommt aus den USA und eine der Bands zu Beginn war Bikini Kill. Viele Musikerinnen deuteten den Begriff von »Girl« um, die Musik sollte von der Frauenmusik weg und hinein in den Punk gehen. Es wurde nicht mehr mit dem Begriff »Frau« operiert, weil der sich vom Feminismus her so stark auf die Mittelschicht hin orientierte. Es gab sehr viel Mainstream-Feminismus und so begannen einige damit, den Begriff »Girrrl« einzuführen und das »Riot« vorzusetzen und damit widerständige Praxen einzuführen in die Bühnenperformances und den Feminismus umzudefinieren.

Das erste Ladyfest fand in Olympia statt, wo sehr viele Bands beheimatet sind, Sleater Kinney und Bratmobile. Huggy Bear sind eine der ersten Riot-Grrrl-Bands aus London. Team Dresch und auch Tribe 8 sind Begründerinnen des Begriffs »Queercore«. Wie die Bewegung dann nach Europa geschwappt ist, hat sich das mehr in Richtung Queer-Movement entwickelt. Es gab dieses Label Mr. Lady Records, bei dem die meisten Bands organisiert waren, z. B. Le Tigre brachten dort einige ihrer CDs heraus. So viele Bands waren das gar nicht, aber die machten so gemeinsam Druck. In weiterer Folge entwickelten sich diese Girls Rock Camps, wo das Erste für Üsterreich heuer in Niederösterreich statt fand. Ich finde das ja wirklich lustig, das diese Mädels-Band vom Camp dann im rhiz auch »Rebel Girl« von Bikini Kill gecovert hat, die Band nannte sich Rentothing. Unsere Schlagzeugerin Aurora hat sie gecoacht. Das war der Ur-Riot-Girrrl-Song, den ich damals noch auf Kassette hörte! Das war für mich ambivalent, dass die diesen Song spielten, denn der ist so alt und stimmt schon gar nicht mehr, den gibt’s schon gar nicht mehr, auf der anderen Seite hat er bei mir Nostalgie ausgelöst. Er hat schon so eine Ur-Power!

Diese weiblichen Punk Bands, die es in der Ägidigasse gab, wie Potschemuh oder Piranhas beeinflussten die euch? Kanntet ihr die?

Helga Hofbauer: Ich nicht. Nur die Mädchen-Punk-Band Bloody Mary, die habe ich damals im EKH gehört.

Iris Hajicsek: Ich kenne da auch eine ganze Menge nicht (lacht). Wobei ich 1996 im Flex, bei einem ihrer letzten Auftritte in Europa, Bikini Kill gehört habe. Punk ist ein weites Feld und hat für mich sehr viel mit dem Ansatz zu tun, wie produziert man, in wieweit übernimmt man Klischees der Musikindustrie, die Produktionsmechanismen, Sound-Ästhetiken der gro&szligen Musikindustrie … inwieweit versucht man sie zu biegen und zu brechen und was setzt man dann wieder ein. Ich finde Bands ganz spannend, wie z. B. The Jesus and Mary Chain – sehr klassisch – die machen zum Teil wirkliche Kakophonien, unter denen sind ganz schöne Pop-Melodien begraben (lacht). Das finde ich sehr spannend, die zu entdecken und vom Anspruch her auch, weil sie in einem Interview meinten, sie hatten immer das Ziel, nicht in kleinen Klubs vor 30 Leuten zu spielen, sondern in Stadien Stadionrock zu machen, was sie nie geschafft haben, aber in gro&szligen Hallen spielten sie schon. Daher verbinde ich Punk nicht m it so Bands, die nie mehr als 50 Fans haben dürfen, sonst sind sie nicht mehr Underground, sondern für mich geht es um den Ansatz wie versucht man sich von einer gewissen Form von Musikindustrie zu emanzipieren und wo geht man dann doch wieder Kompromisse ein. Ich finde es lustig, alte The-Monkees-Songs zu covern, wie »I’m Not Your Steppin‘ Stone«.

Für mich persönlich war Feminismus und Punk erst getrennt, ich spielte bei der Frauenband Die Suffragetten und bei der Punk-Band Johannes Paul und die Ewigen Zweiten, dann versuchte ich das zu verbinden, denn Punk bedeutete für mich, sich aufführen zu dürfen als Frau. Gleichzeitig war Punk damals sehr männlich bestimmt, oft war ich die einzige Frau auf der Bühne. Meine nächste Frage: Ihr habt bei euren Auftritten oft einen eigenen Stil, so provokant und humorvoll, verkleidet euch – woher kommt das, was bedeutet das?

Aurora Hackl: Ich lernte das erst mit Norah Noizzze kennen, sich etwas zu überlegen, wie man auf der Bühne aussieht oder überhaupt zu performen. Ich kam dann drauf, dass Performance unter Umständen nicht weniger ausmacht als das Musikalische auf der Bühne. Ich denke viel darüber nach und bin noch nicht zum Schluss gekommen, was für mich die perfekte Performance wäre. Performance kann sehr humorvoll sein, unsere Texte sind auch sehr humorvoll und ich finde es gut, sich nicht so ernst zu nehmen. Auf der Bühne bin ich nun mal anders … dann kann ich mich maskieren, mir hilft das voll hineinzukippen …

Iris Hajicsek: Wie eine Punk-Räubersbande setzt sich auch Norah Noizzze vor der Arbeit die Masken auf …

Helga Hofbauer: Bei unseren ironischen, politischen, queeren Texten kann man nicht einfach so auf der Bühne stehen und so tun als ob das echt wäre. Das soll ambivalent rüber kommen. Wir tun ja konterkarieren.

Iris: Ich finde es langweilig, ohne Augenzwinkern zu präsentieren. Ich versuche z.B. bei dem Song ?Masturbates Motel? Stand Up Comedy zu machen.

Wegen euren eigenen Liedern …

Iris Hajicsek: Wir haben hauptsächliche eigene Lieder. Es ist immer eine gemeinsame Arbeit. Jetzt habe ich gerade Lyrics für einen Song, da geht es um eine gescheiterte Liebesbeziehung (lacht), die in Wirklichkeit noch nicht gescheitert ist, aber im Song schon – das ist ein Song, der in sich zerfällt, im Laufe dessen, dass man ihn spielt. Da trifft sich das Formale und das Inhaltliche. Es geht um eine Liebe mit Halbwertszeit, die immer mehr zerfällt und der Geigerzähler immer weniger ausschlägt … Und das ist dann wieder so dramatisch, dass ich das Gefühl habe, das muss witzig kommen.
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Helga Hofbauer: Was bedeutet Queerness für die Musikszene, dazu will ich noch was sagen: Es gab Queercore, jetzt gibt es Gender Crash mit der Verbindung zu Performance – so wie die Stefanie Surreal oder die Denise oder Gini Müller, die vom Theater kommt, zwischen Musik und Performance, die bei SV Damenkraft war – die waren sehr prägend. Die haben ein Musical im Konzerthaus, gemeinsam mit Gustav, gemacht.

Iris Hajicsek: Die Leute aus der Szene ziehen weite Kreise: Ich habe neulich Mika Vember auf Ü3 gehört. Oder Clara Luzia … Die Ladyfeste haben schon ein gewisses Klischee gefördert, dass nämlich viele Frauen mit Gitarre auf Singer/Songwriter auf der Bühne gestanden sind und das ist einfach zu produzieren, aber das war eine Art Standardstil. Ich wollte diesen Stil konterkarieren, mit einer Drei-Personen-Band auf Punk, die keine Angst vor Krach hat. Gut, es gab immer First Fatal Kiss, nicht seit dem Urknall, aber schon sehr lange, aber diese ganze Singer- und Songwriterei fand ich ein bisschen überdominant. Dann gab es Plaided, Petra und der Wolf als Crossover, wobei Clara Luzia auch als Singer/Songwriterin anfing.

Langfassung des Interviews auf »www.musicaustria.at