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New (Psychedelia) Rock

Im skug-Archiv ZONE SIX gefunden und fühle mich sogleich im Mushroom-Frühlingsregen. Die Songs auf »Live Wired 2004« (Nasoni Records) dauern meist über 10 Minuten und »Beach Comber« gar eine LP-Seite lang. Prophezeihe die Wiederkunft des psychedelischen Rock, mit alienartigen Bühnenshows. Back into Sixties und doch im Heute mit tonnenschwerer Acidgitarre, Spacebass, kosmischem Synthesizer, Drums und Djembe. Jawohl, afrikanische Erdung hat die Berliner Combo auch noch. Space is the Place, umso mehr bei den DRAGONTEARS. Auf »2000 Micrograms From Home« (www.badafro.dk/Cargo) steigen gleich astrale Spiralnebel auf, wwwow! Ersparen Sie sich Drogen, ziehen Sie sich diese Cosmic-Lysergsäure-Psychelia rein. Sie werden allein damit glücklich! Geloopte Sounds, haufenweise Fuzz- und Wahwahgitarren, Farisaorgeln, der jenseitigere Doors-Bass. Noch dazu haben die vier Dänen die lässigeren Pseudonyme: Puzz Daddy (dr, org), The Hobbit (g, swoops, bubbles), The Moody Guru (b, g, glockenspiel, voc), Lorenzo Woodrose (g, voc, perc), Aron (g, voices), Ralph A. Rjeily (banjo, audio halluncination!). Im Stroboskopnebel verlieren sich auch ECTOGRAM. Unter den Produzentenfittichen von Hans-Joachim Irmler (Faust-Mastermind) wird Schicht um Schicht die Stimme der Sängerin in höhere Sphären getrieben und endlich wieder darf man in Flanger- und Delay-Seen baden. »Fluff On A Faraway Hill« (Klangbad) weiß zwar um Shoegazer-Sounds, ist aber zutiefst in 70er Acid verwurzelt, was den Psychedelic Rock der Waliser um einiges zeitloser macht. Harmloser und nett elegant sind MASERATI, die sich aus Mitliedern von !!!, Turing Machine und Now It’s Overhead rekrutieren. Auf »Inventions For The New Season« (www.goldenantenna.com) summen die Gitarren eher postrockig beschaulich mit etwas Krautrockeinschlag. Statt einem Sportwagen entspräche die Bandbenennung besser dem eines japanischen Mittelklasseautomarke, auch wenn sich die Gitarren doch in psychedelische Höhen wagen. 60er Jahre Garage Rock und Surfsounds haben THE HORRORS »Strange House« (Polydor/Universal) drauf und klingen auch einigermaßen spooky, weil sie sich Meuchelmörder, Dorian Gray oder Boris the Spider zum Vorbild genommen haben. Klingt spooky, einzig die Tokio-Hotel-Schminke der Jungs will so gar nicht zum Fuzztones-Stil passen. Überzeugender: THE DEFECTORS sind auf »Bruised and Satisfied« (www.badafro.dk/Cargo) garstiger und machen zunächst auf Horror-Graveyard-Punk, ehe sie nach der blutrünstigen Vampirballade »I Want Blood« einen Zahn zulegen. High Energy Farfisa Garage Punk at it’s best aus Dänemark. Von der punkig-garagigen Aufmachung her entspricht das Cover von »Cutouts, Patchworks & Ripoffs« (www.pale-music.com) von THE SCANDALS jenem des blutigeren der Defectors. Das Berliner DJ-Duo knöpft sich anfangs das crampsige »Summer Deviation« von den Prager The Nihilists vor, mengt also R’n’R-Elemente mit New Wave & Electro. Doch sind die Scandals meist auf dem lahm geziemenden Holzweg, wenn sie sich über Boy George, Miss Yetti oder S-Express hermachen, weil alles bald nach dem gleichen Schmäh klingt und krachige Rockgitarren zu sehr in den Hintergrund gemischt wirken.
120 DAYS (s/t) gehen gar den umgekehrten Weg und klingen ziemlich nach Manchester Acid, Spacemen 3 und NEU! in einem. Lindstroms Vision ist gar nicht so weit von seinen norwegischen Landsmännern entfernt. Die selbstbetitelte satt-epische Synthrock-Produktion ist sowas wie Post Punk Neo Wave, ohne Gitarren und trotzdem megapsychedelisch.
Zurück zur Stromgitarre. Altbewährt sind THE SCIENTISTS, die von den Grunge-Mitbereitern Mudhoney 2006 zu einem von Mudhoney kuratierten All Tomorrows Parties-Abend geladen wurden. Daraus entstand die Live-CD »Sedition« (ATP Recordings), die die Band um Kim Salmon in ganz guter Form zeigt. Klarerweise sind alle Klassiker vorhanden und verströmen jetzt noch den Odeur der Jugend, die sich mit Alkohol, Drogen und Autocruising aus dem australischen Alltag katapultiert. Dirty Rock’n’Roll never dies, also kicken Spooky Swamp Rocker ebenso wie gitarristisch ausfransende Rebel Songs. Einmal mehr ist es ein Vergnügen, diese verzerrten, gewürgten E-Gitarren im Feedbackfeuer schmoren zu hören. Den Spagat zwischen Stoner, Spacemen-3-Psychedelic und 70er Heavy Rock schaffen die Australier WOLF & CLUB auf »Vessels« (4AD/Edel). Ein Schuss Blues Rock ist auch noch dabei, was nun in dieser Machart doch neu und aufregend klingt, weil auch ein hypnotischer Krautrockbeat mitschwingt. Zwei Schlagwerker bereiten mit Bassisten den Boden für Joel Byrne, der mit megadistorted Gitarre und Keyboardfills abhebt. Noch wüstenhafter gelagert: Nach Kyuss und Fu Manchu hat sich Brant Bjork ein beachtliche Soloreputation erarbeitet. Nach vier Solo-Alben existiert seit 2005 seine Band BRANT BJORK & THE BROS. Auf dem vermutlich zweiten Bros.-Album »Somera Sól« (Duna Records/Cargo) glänzt er mit Mario Lalli (voc, g), Dylan Roche (b), Cortez (g) und Ex-Kyuss/Queens of The Stoneage-Drummer Alfredo Hernandez wie in alten Zeiten. Staubtrockener Desert Stoner Rock, swingt, hat Groove und Dynamik!
Abschließend noch was zum Abgewöhnen. Wohl auch eine Geschmacksfrage, doch steht SPOUT’S »We’Re Goin‘ Straight To Hell« (Pate/Edel) für den auch in Österreich oft begangenen Irrweg zwischen schnellerem Metal und hardrockigen Melodien. Auch wenn sich der Sänger die Seele aus dem Leib schreit und zwingend gerockt wird, fehlen dem Ganzen die scharfen Ecken und Kanten.

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Text
Alfred Pranzl

Veröffentlichung
22.05.2007

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