Peter Brötzmann / Schlippenbach Trio

»More Nipples« / »Pakistani Pomade«

Unheard Music Series

Für mich ist das total okay, diese europäischen Free Jazzer über amerikanischen Umweg (Label) kennen zu lernen. Denn: kein blödes Gequatsche mit renitenten Bart- und Sandalenträgern (manchmal mit Pfeife) auf Plattenbörsen ist mehr nötig, um die Highlights dieser Musik zu ergattern. Zu teuer oder unauffindbar sind die Scheiben obendrein.
»More Nipples« ist Peter Brötzmann Sextett oder Quartett mit Evan Parker, Derek Bailey, Fred van Hove, Buschi Niebergall und Han Bennink, also eine Besetzung über die man nicht mehr viele Worte zu verlieren braucht. Gut, dass sie bei den Aufnahmen (1969) so verkatert waren, sonst wären sie vermutlich früher aus dem Studio abgerissen, und wir hätten diese hier erstmals versammelten Stücke nie zu goutieren bekommen. Vielleicht sind zwar die unspektakuläreren Teile zu hören, aber allein der Nervendurchrüttler »Fat Man Walking« lohnt schon die Anschaffung.
Alexander von Schlippenbach ließ 1972 im Trio mit Evan Parker und Paul Lovens auch nichts anbrennen. Was er da am Klavier spielt ist mir schlicht zu hoch, aber ich muss ja nicht alles kapieren. Lovens und Parker sind nicht minder zimperlich. »Pakistani Pomade« war die Debütplatte des Trios; angeblich des am längsten existierenden Ensembles freier Musik Europas. Ich glaube, es ist wie bei den Drogen: Lebenslanges Hinterherjagen nach den Gefühlen des ersten und besten Highs. Die acht ursprünglichen Titel bezeugen, dass die drei bei Laune waren: »Ein Husten für Karl Valentin«, »Moonbeef« oder »Kleine Nülle, Evergreen« seien stellvertretend angeführt. Wer es noch packt, darf sich im Anschluss über vier Alternativversionen des Titelstücks freuen, 20 Minuten Extramusik für schwere Gedanken über Improvisation und Komposition.