Vampire Weekend

»Modern Vampires Of The City«

XL Recordings

Es wird Zeit sich mal den Begriff »intelligente Popmusik« vorzuknöpfen, also so richtig. In einer dunklen Seitengasse lauern ihr eine verkiffte 1960er-Jahre-Single (irgendein Sonny-und-Cher-Song), eine bullige Punksingle mit zerkratzten Rillen (von The Damned) und eine 1980er-Jahre-Maxisingle (z. B. »25 Years« von The Catch) auf. Die intelligente Popmusik weiß gar nicht wie ihr geschieht, schon rempelt sie die The-Damned-Single in eine Ecke und die The-Catch-Single meckert in ihrer Falsett-Stimme: »Soll das heißen, wir sind unintelligente Popmusik also, dämliche Popmusik also, hä?« Die intelligente Popmusik beteuert, dass das nicht so gemeint wäre. Und überhaupt: Was kann denn ein Begriff dafür, der irgendwann von einem Musikjournalisten erfunden wurde. »Von so einem Rolling-Stone-Fatzke vermutlich«, sagt die intelligente Popmusik ohne zu erröten. Die Sonny-und-Cher-Single bastelt inzwischen eine Tüte (Haschisch! Huch!) und sagt genüsslich: »Also ich verstehe echt nicht den Wind, der um die neue Vampire Weekend gemacht wird.« – »Genau!«, pflichtet die intelligente Popmusik bei. »Was kann ich dafür, dass ich diesen New Yorker Collegeboys dauernd um den Nacken gewickelt werde?!« Die Punksingle kennt sich nicht mehr aus. Warum wird hier plötzlich von Vampire Weekend geschwafelt? »Weil wir hier knietief durch eine Rezension waten«, antwortet The Catch genervt. »Rezension up my ass«, bellt The Damned zurück. »Wann haben Musikjournalisten je etwas geschnallt? Musik ist gelebter Widerstand!« Wodurch die Sonny-und-Cher-Single aus ihrer Haschisch-Seligkeit geweckt wird und so weiter. Jedenfalls, die Geschichte geht so. Die drei Singles fangen miteinander zu streiten an, worum es in der Musik geht und warum auch drei Riffs durchaus etwas mit Intelligenz zu tun haben, warum man verflucht nochmal nicht endlos mit musikhistorischen Referenzen herumschmeißen muss, und warum es eine Frechheit ist, dass im Feuilleton immer nur Musik bejubelt wird, die halbwissenden Musikjournalisten eben dieses endlos entlockt. Im Ernst, diese drei Beispiele vernachlässigenswerter Musikkultur steigern sich derart in Rage, dass die intelligente Popmusik inzwischen durch einen kleinen Spalt entschlüpft, sich entlang einer Mauer drückt, auf der vergilbte Konzertplakate von Paul Simon, Peter Gabriel und ein Festival für New-Wave-Punk-Reggae-Afrobeat hängen. Ein Passant geht vorbei, grüßt fröhlich und sagt: »Hey, cool! Nette CD, auch wenn kein »Campus« und kein »A-Punk« dabei ist.« Die intelligente Popmusik brummelt in sich hinein, etwas später biegt sie auf die Hauptstraße und pfeift: »A gardener told me some plants move but I could not believe it.« Oder: »The harpsichord is broken and the television’s fried.« Bald hat sie den Hinterhalt in der Rezensionssackgasse vergessen und ist wieder gut gelaunt. Und denkt sich: »Ihr könnt herumjammern was ihr wollt, eine Popmusik ist dann gut, wenn sie gute Songs schreibt. Selbst wenn sie nicht mehr zu überraschen vermag. Gute Musik hat immer auch mit Handwerk und Kreativität zu tun … ja, ich weiß das, denn ich bin die intelligente Popmusik.« Und dann löst sich der Begriff wieder in einen Hauch lauwarmer Luft auf, der sich den Burschen von Vampire Weekend behutsam um den Nacken wickelt. Und dort macht er sich echt ganz gut.