Anne Rolfs © Mathias Brendel

Mit Anne Rolfs das innere Wuhling entdröseln – Teil 1

Mit »Getimed« hat AUF (nach Meinung des Autors) das Album des Jahres abgeliefert. skug widmet Anne Rolfs, der großartigen Gitarristin des Duos, daher einen zweiteiligen Schwerpunkt und hat sie zum Interview getroffen.

»Getimed« von AUF ist schon jetzt die Schallplatte des Jahres 2018! skug möchte daher die Aufmerksamkeit nutzen, um freundlich darauf hinzuweisen, dass Anne Rolfs, die über alle Maßen begabte Gitarristin des Duos, auf ein weitreichendes, spannendes Œuvre zurückblicken kann. Grund genug für eine große Würdigung, bevor Rolfs, wie zu befürchten, wieder völlig zu Unrecht im Informations- und Aufmerksamkeitsfluxus der Musiklandschaft verschwindet. Wir schauen also mittels Kurzrezensionen zurück auf mehr als 20 Jahre Musik und im Interview voraus auf hoffentlich noch mindestens doppelt so viele mehr.

skug: Obwohl mit deiner Musik ja schon so viel gesagt ist, möchte ich darüber hinaus doch das Phänomen Anne Rolfs ein wenig besser verstehen: Von Wuhling über Allroh nach AUF ist es ein Weg von einer dreiköpfigen Band hin zum Solo und wieder zurück zum Duo. Die Stücke auf Allrohs »NYM« sind beispielsweise von dir allein gespielt, eine gewaltige Ausdruckswolke, wahnsinnig ausufernd aber total stimmig. Auf der neuen Platte »Getimed« musst du wieder auf den Drummer Rücksicht nehmen. Was sind für dich die Vorteile und Nachteile des Spielens in einer Band?
Anne Rolfs: … musst du wieder auf den Drummer Rücksicht nehmen, genau. Find ich lustig, dass du es gleich so beschrieben hast. Darum geht es ja in einer Band. Und im Grunde gibt es keine Nachteile, wenn die Bandmitglieder dieselbe Auffassung teilen über das, was es zu vermitteln gilt, die Freude, sich gefunden zu haben, um miteinander spielen zu können, die Freude, sich in der Musik zu treffen, und der Horizont ihrer musikalischen Möglichkeiten, der kein Ende nimmt. Auch wenn das Solospiel seine Magie hat, ist es mit einer Band doch nicht vergleichbar, gerade weil man sich dafür in Abhängigkeit begeben muss, ist die Essenz des Zusammenspiels die höchste musikalische Form. Und der größte Vorteil überhaupt an einer Band ist, dass sie die wahre menschliche Größe anzweifeln kann.

Du scheinst, was deine Musik anbelangt, äußerst perfektionistisch und diszipliniert. Ist das so? Mich interessiert, ob du erst sammelst und dann schreibst, wenn es zu viel wird, oder machst du dir selbst Vorgaben?
Ja das stimmt. Ich bleibe solange dran, bis alles wirklich stimmig für mich ist. Bis nichts zu viel und nichts zu wenig ist. Das kann lange dauern, so ein Song. Sehr viele Variationen sind nötig, um dahin zu kommen. Mit Sammeln ist da nichts, eher mit Wegschmeißen. Es geht andauernd darum, welcher nächste Ton und Rhythmus mein Interesse erweckt, der mich dann weiter in den Song hineinführt. Da ist meistens zu viel los. Völliges Chaos, wenn der Song entsteht. Ohne das würde ich aber nicht zu ihm kommen. Den Inhalt des Songs mit allem zu treffen ist meine einzige Vorgabe.

Das, was – vor allem AUF – für mich ausmacht, ist, dass man euch beim Spielen die Freude ansieht, und selbst dann, wenn es textlich todernst ist, sieht/hört/erkennt man bei dir stets ein Lächeln. Meines Erachtens ein Anzeichen menschlicher Größe. Selbst dann, wenn’s traurig wird, haut der Brendel rein, als wäre das alles der Riesenspaß. Oder ist das eine Strategie, weil’s dann leichter fällt? Wie reagiert das Publikum darauf?
Jeder Song braucht seine bestimmte Energie, um genau diesen Ausdruck zu finden, der den Inhalt trifft, wie er genau gemeint ist. In diesem Bereich sind Brendel und ich erstaunlicherweise auf ganz natürlicher Art ähnlich. Diese Energie muss aber ausschließlich nur dem Song dienen und nichts anderem. Wenn wir Konzerte spielen, sind unsere Ohren sehr weit auf. Da beginnt das wirkliche Zusammenspiel. Und das Publikum reagiert auf alles. Es spielt mit.

AUF © Nadine Ethner

Du sagst, das Publikum spielt mit. Sprichst du von einer Intimität, die bei großen Konzerten vielleicht nicht mehr möglich ist?
Da gibt es ja die Frage, wieso war genau dieses Konzert so außergewöhnlich gut und das andere nicht, obwohl man jeden Abend die gleiche Musik spielt, selbst wenn man paar Tage im selben Laden spielt, mit demselben und auch optimalen Sound. Es ist natürlich das Publikum. Man kann nur so gut sein, wie sein Gegenüber. Vergleichbar vielleicht mit der Schauspielerei, wo der Schauspieler in einer Rolle auf seinen Partner angewiesen ist, wie er mitspielt bzw. ihm zuspielt. Da kann er noch so gut sein, er muss sich dem Niveau seines Gegenübers anpassen, um eine stimmige Szene hinzubekommen. Wenn jeder aber wirklich seine Rolle beherrscht, gibt es großes Kino.

Wie wichtig sind dir die Live-Situation und der Zufall?
Live spielen. Darum geht es ja auch beim Musik machen. Direkter und echter als auf einem Konzert kann man Musik wohl kaum erleben. Du kannst noch so viel geübt haben, es passieren immer Dinge, mit denen man nie rechnet. Man muss wirklich zusammenspielen, auch mit Zufällen und Ungereimtheiten, mag es der Sound oder eine gerissene Saite oder ein gebrochener Drumstick mitten im Song sein, Stromschlag vom Mikro, Verspielen usw. Man muss mit allem spielen können, um in der Musik zu bleiben für das Publikum. Merkwürdigerweise lassen einen die großen Bühnen mehr in Ruhe als die kleinen. Sie tragen. Auch vom Sound, da sind dann meistens gute Anlagen. Und ich kann auch gar nicht sagen, dass es unintimer wäre. Es kann im kleinen Club auch sehr unintim sein, wenn man fehl am Platz ist. Der Sound spielt natürlich eine große Rolle, wenn der katastrophal ist, bringt das beste Spielen nichts. Das Publikum und die Band kann gleich zu Hause bleiben. Egal wie groß der Club ist.

Über die Jahre hat sich dein Sound immer weiterentwickelt und wurde ganz unverkennbar dein eigener. Genreeinflüsse wie bei Wuhling sind bei Allroh nicht mehr zu erkennen. Und auch bei AUF fällt mir zumindest nichts wesentlich Vergleichbares ein. Magst du vielleicht trotzdem ein, zwei Dinge nennen, die deine Art zu denken und zu spielen über die Jahre beeinflusst und in neue Bahnen gelenkt haben?
Ja, da kann ich nur ein Ding sagen, was mich beeinflusst hat und beeinflusst. Es sind die Dinge, die passieren im Leben, und der Versuch, sie zu verstehen, die haben mich zu der Art zu denken und zu spielen, in diese Bahnen gelenkt und lenken mich. Ich fand das auch wirklich bemerkenswert, dass du die Philosophie des Yin und Yang rausgehört hast. Sie hat eine ganz andere Betrachtungsweise auf die Dinge, die sehr geholfen hat. Die Musik von Wuhling und Allroh brauchte AUF.

Diese Antwort überrascht mich nicht. Man merkt deiner Musik an, dass sie dich in verschiedenen Phasen begleitet (hat) und sich progressiv wandelt. Auf die Schwere von Allroh folgt eine gewisse Leichtigkeit bei AUF. Geht es weiter mit AUF, oder hältst du deinen Rhythmus und bewegst dich bereits auf die nächste Station zu?
Es geht weiter mit AUF.

In Teil 2 unseres Anne-Rolfs-Schwerpunkts geht’s um ihr bisheriges Schaffen.

Link: http://www.auf-music.com/