Mia Zabelka

»Myasmo«

Setola di Maiale

Live-Zeugnisse einer weltreisenden Improvisateurin. Mia Zabelka sammelte auf »Myasmo« ganz besondere Ausschnitte aus Solokonzerten. »London«, eingespielt im dort situierten Horse Music Club, gefällt mit Violine pur, schluchzend, kreischend, den Raum durchschneidend. Stets kratzbürstig und doch von bewegender, dissonanter Schönheit. Sogleich stößt sie in »Le Havre« in Gefilde vor, wo sich zunächst ihre an Artists aus Tuva gemahnende Stimme mit den teils gezupften Geigenseiten reibt. Another mood und einmal mehr abwechslungsreich, ab Minute 6:45 geht’s tieftönig auch mal Richtung Harmonie, was Zabelka aber gleich mit einer gewissen Dissonanz konterkariert. Und fröhlich geht die Schramm- und Schrummelei weiter, ehe sie als Lokalmatadorin ins Café Korb einkehrt. »Vienna« ist das kürzeste Stück auf »Myasmo« – wohl eine Verdichtung, dargebracht im Rahmen des Festivals Wien Modern. Frau kann auch mal was prägnanter auf den Punkt bringen, ohne deswegen kurzatmig zu werden. Einen für die Klänge Zabelkas symptomatischen Titel hat das Festival im norwegischen Tønsberg: Nonfigurativ Musikk. Auf »Tønsberg«, dem abschließenden, über 18-minütigen Stück, zeigt sie wunderbar sämtliche Facetten ihres Spiels, das besondere Driften zwischen abstrakter Lautmalerei, dem wuchtigen experimentellen Spiel mit den Tönen selbst, aber auch kurzen harmonischen Sequenzen. Es ist tatsächlich »nur« Mia Zabelka solo zu hören auf den vier Live-Aufnahmen, die in den erwähnten vier europäischen Städten zwischen November 2018 und August 2019 entstanden. Sie improvisiert, das muss man wissen, gleichzeitig auf der Violine und mit ihrer Stimme. Und weil sie das kann, ist es ihr möglich, mit diesen beiden Instrumenten Stücke zu spielen, die auf eine Weise wie eine nach außen getragene, innere Assoziationskette wirken. In den vier Improvisationen kann man ihr dabei zuhören, wie sie bei Ideen anhält, die Ideen weiterdenkt, verwirft und weiterspringt. Abstrakt, aber stets sehr gefühlvoll. Wenn die Idee vorbei ist, dann ist sie vorbei, entweder nach 8 oder 18 Minuten. Manchmal hat das kurze Anklänge von Kammermusik, dann wieder benutzt Zabelka die Violine wie auch ihre Kehle als Instrumente, um Bewegungen oder kurze Lauteindrücke zu geben, es driftet ab ins Noisige, wird mitunter äußerst harsch. Im einen Moment scheint die Luft wie zum Bersten geladen, im nächsten Moment explodiert es. Über das Wissen und Können darüber verfügt auch der Weltklassemusiker Lasse Marhaug – Jazkamer, Origami Replika, Kollaborationen über Improv hinaus mit Merzbow oder Sunn O))) –, der in Tønsberg das Live-Recording betreute und alle Tracks dieses Albums mischte und auch das Mastering kongenial besorgte.