Anflug auf Schwechat © Illustration: Pe Tee

Reise für das Leben

Dank dem unermüdlichen Engagement von Aktivist*innen beiderseits des Atlantiks ist es möglich geworden, dass eine große Delegation von Zapatistas aus Mexiko in Wien eintreffen wird. Berthold Molden vom Netzwerk Zapalotta gibt einen Ausblick.

skug hat bereits ausführlich über die Reise der Zapatistas berichtet, die 500 Jahre nach der Besetzung Amerikas durch die spanischen Konquistadoren heute den umgekehrten Weg über das Meer machen. Umgekehrt im doppelten Sinn, denn es geht diesmal nicht nur geografisch von West nach Ost, sondern es geht auch weltpolitisch umgekehrt nicht um Eroberung und Ausbeutung, sondern um den gemeinsamen Kampf für ein besseres Leben aller Erdenbewohner*innen. Einfach wird das alles nicht. Über die Bewältigung der Schwierigkeiten und hoffnungsfrohen Aussichten informiert Berthold Molden von Zapalotta.

Zunächst einmal vielen Dank, dass ihr Wien nun ein wenig zum weltpolitischen Nabel der Welt gemacht habt! Welche Schwierigkeiten gab es im Vorfeld zu überwinden?

Die Organisation der Covid-Vorsorge und die Frage der ungehinderten Einreise haben uns sehr beschäftigt. Die lange Unsicherheit des tatsächlichen Reisedatums hat natürlich die Planung kompliziert. Die Koordinierung verschiedener Gruppen und Individuen ist eigentlich sehr gut gelaufen.

Bei der anstehenden 26. UN-Klimakonferenz in Glasgow zeigt sich, dass sich durch Covid die Ausschließungsprozesse noch einmal verschärft haben. Viele Delegierten aus dem globalen Süden können aufgrund der für sie unmöglich zu erfüllenden Pandemie-Bestimmungen nicht anreisen. Eine Mauer aus Covid-Regeln wird da gerade errichtet.

Ja, das ist richtig – deshalb kommen ja die Delegierten über Wien nach Europa, weil sie – obwohl »politisch willkommen« – wegen der neuen Sanitärregeln nicht in Frankreich einreisen durften. Insbesondere südamerikanische und afrikanische Menschen, die eventuell sogar geimpft sind (aber mit chinesischen, russischen oder kubanischen Impfstoffen), werden von der Reisefreiheit ausgeschlossen. Dies ist durchaus im Sinne einer selektiven Globalität, wie sie Friedrich Hayek und andere Neoliberale als ideale Weltregierung erdacht haben: dem System gefährliche Akteur*innen von der Bewegungsfreiheit auszuschließen.

Aktuell hat Afghanistan gerade das Interesse der Weltöffentlichkeit gebannt. Die eigentlich naheliegende Schlussfolgerung wird kaum gezogen, dass eine militärische und gewaltsame »Befreiung« aus dem globalen Norden fürchterlich gescheitert ist. Wie wird das von den Zapatistas wahrgenommen und diskutiert.

Hierzu liegt zumindest mir keine Erklärung vor, aber die Thematik wird zum Beispiel auf der Facebook-Seite der EZLN durchaus aufgegriffen, insbesondere aber unter dem Aspekt des bewaffneten Widerstands von Frauen.

Die Zapatistas waren in den 1990er-Jahren durchaus ein Medienphänomen, mit all den Vor- und Nachteilen, die dies mit sich bringt. Heute wird ihre beeindruckende Reise von Mainstream-Medien kaum aufgegriffen. Warum ist dies so und was bedeutet dies für eure Arbeit?

Das hat mit der Transformation globaler Aufmerksamkeitsökonomie zu tun. In den 1990er-Jahren war die Neuordnung der Weltpolitik nach dem Ende des Kalten Krieges auch im atlantischen Norden ein Thema, periphere Akteur*innen wurden verstärkt wahrgenommen. Der Widerstand gegen die neoliberale Weltordnung und ihre seit den 1970ern konstruierte Hegemonie formierte sich gerade, die NAFTA wurde zu Recht als Verkörperung dieser Hegemonie verstanden und Widerstand dagegen solidarisch begrüßt. In Lateinamerika endeten sukzessive seit den 1980er-Jahren die rechten Diktaturen des Kalten Krieges, die gerade in Mexikos Nachbarland Guatemala einen Genozid gegen die Maya-Bevölkerung gezeitigt hatte. Zehntausende guatemaltekische Flüchtlinge waren in Chiapas gewesen. Rigoberta Menchú hatte 1992 den Friedensnobelpreis erhalten. Indigene Identitätsfragen waren in akademischen und medialen Debatten wichtig.

Diese Aufmerksamkeit hat sich in den letzten drei Jahrzehnten extrem verringert, unter anderem wegen der Vielfalt von Herausforderungen, denen sich der globalisierungskritische Widerstand zu stellen hatte. Die globale Vernetzung – etwa von der EZLN inspiriert im Weltsozialforum – verlor an Schwung. Eine institutionalisierte Linke als Allianzpartnerin stand nicht zur Verfügung, weil die Sozialdemokratie und ihr analoge Parteien außerhalb Europas fast immer Teil der neoliberalen Hegemonie waren. Gleichzeitig veränderte sich auch die Position der Zapatistas, die sich weniger auf die globale Allianzbildung und mehr auf den Aufbau der eigenen autonomen Strukturen konzentrierten. Die universalen Ansprüche ihrer Revolution wurden zwar keineswegs aufgegeben, traten aber teilweise auch hinter innigen-bäuerliche und lokal ausgerichtete Identitätsdimensionen des Widerstands zurück.

Vor diesem Hintergrund ist die Reise für uns sehr bedeutungsvoll. Es hat das Potenzial für eine echte Zeitenwende – einen »Game Changer« –, dass die vielleicht wichtigsten und ikonischen Akteur*innen des globalisierungskritischen Widerstands der letzten Jahrzehnte ihren zentralen Handlungsraum in Mexiko verlassen und sich auf eine Reise in eines der Zentren des globalen Nordens aufmachen, um neue Allianzen zu bilden. An einem solchen »historischen Moment« mitzuarbeiten, motiviert uns ungemein.

Was wird nun praktisch gebraucht und wie können Aktivist*innen helfen?

In Österreich, aber wohl auch an allen Orten, die von der Delegation besucht werden, sind vor allem mehrsprachige Betreuer*innen gefragt, die den Zapatistas während ihrer Wege zur Seite stehen.

Welche konkreten Aktionen sind geplant?

Anlässlich der Ankunft der Zapatistas in Schwechat am Dienstag, dem 14. September 2021 um 11:30 Uhr lädt das österreichische Netzwerk Zapalotta zu einem festlichen Empfang und zur Pressekonferenz in der Ankunftshalle des Flughafens. Dabei werden Vertreter*innen der Delegation sowie ihre österreichischen Gastgeber*innen über die Ziele und Inhalte dieser historischen Reise berichten. Nach ihrem Wienbesuch wird die Delegation, die mehrheitlich aus Frauen besteht, zum Austausch mit Aktivist*innen in die österreichischen Bundesländer und die Länder der EU weiterreisen. Zu diesem Ereignis wird es auch einen Livestream geben. Weitere regelmäßig aktualisierte Informationen finden sich auf der Homepage unter www.zapalotta.org.

Wie erlebt ihr die Stimmung im Organisationsteam?

Extrem optimistisch, wenn auch zunehmend schlaflos.

Link: http://www.zapalotta.org/