Manassero & reConvert

»Amoeba«

Total Silence

Iannis Xenakis hätte ja in diesem Jahr seinen hundertsten Geburtstag gefeiert, und über elektroakustische Kompositionen, deren Organisationsprinzipien und Funktion kann man sich immer noch den Kopf zerbrechen. Ungefähr so: Vordergründig betrachtet ließe sich behaupten, dass es früher exklusiver, akademischer und weitgehend unter Ausschluss einer breiteren und (potenziell)interessierten Öffentlichkeit zuging – aber da habe ich meine Zweifel. Ich weiß zwar nicht, wie viele Personen bei der Uraufführung von »Diamorphoses« (1958) zugegen waren und welche Auflagenhöhe spätere Veröffentlichungen der Komposition auf Tonträgern erreichten, aber es wird sich beides in überschaubarem Rahmen gehalten haben bzw. halten. Aber nur, weil heute qua Logarithmus Nutzer*innen von Streamingdiensten quasi per Zufall Bekanntschaft mit elektroakustischen Kompositionen machen könnten, heißt das ja nicht, dass sie dann auch zuhören. Aber was sagt uns das und worauf will ich eigentlich hinaus? Gestern wie heute gilt: Elektroakustische Kompositionen sind zunächst ein Nischenthema, wenn auch Aufführungspraxis und Rezeptionszusammenhänge näher an Clubs und akustisch ertüchtigte Ausstellungsräume herangerückt sein mögen und Festivals für zeitgenössische Musik (wie das Meakusma-Festival im belgischen Eupen) potenziell ein (vorwiegend jüngeres und/oder auch nicht unbedingt so akademisch informiertes) Publikum mit offenen Ohren für sperrige elektronische Musik erreichen können. Das sind aber wahrscheinlich insgesamt auch nicht mehr Ohren als damals im Pavillon zur Weltausstellung 1958, wo »Concret PH« von Xenakis in den Gehörgängen der Ausstellungsbesucher*innen knisterte. Hinzu kommt noch ein Gedanke, aber dann ist es gut: Elektroakustische Kompositionen sind nicht selten an spezifische Rahmenbedingungen geknüpft, die Aufführungspraxis sieht in der Regel eine spezifische Verbindung von Architektur und Klang, von Raum und Zeit vor; siehe Pavillon.

Die Schallplatte als Gebrauchsgegenstand entkoppelt dieses spezifische Verhältnis. Man kann sich – zu welcher Gelegenheit auch immer – Xenakiszuhause auflegen. Oder man greift zu »Amoeba«, einer elektroakustischen Arbeit, die der argentinische Komponist Fernando Manassero in Zusammenarbeit mit dem Performance- und Perkussions-Duo reConvert bereits ein paar Mal live realisiert hatte, bevor das Kölner Label Total Silence die Musiker dazu einlud, eine Version zur Veröffentlichung auf Tonträger zu erstellen. So umständlich muss man das schon formulieren, denn die vorliegende Schallplatte beinhaltet sozusagen nur eine und nicht unbedingt die definitive Studioversion einer ihrer endgültigen Gestalt nach nicht fixierten Komposition. (Amöben à la Wikipedia: »große, vielgestaltige Gruppe von Einzellern, die keine feste Körperform besitzen«.) Aber das muss man alles nicht wissen … man muss sich über all das nicht den Kopf zerbrechen. Man kann sich den ganzen akademisch-historischen Sums auch schenken. Man kann »Amoeba« (und eben auch Xenakis) als Gebrauchsmusik, als Soundtrack hören; als oft unheimlich anmutende, von kosmischer Kälte durchzogene elektronische Musik. Ambient-Musik nicht als »Music for Airports«, sondern beispielsweise als »Music for Abandoned Spaceships«, die durchs Weltall einem schwarzen Loch entgegendriften. Oder – umgekehrte Richtung – Musik zur Reise zum Mittelpunkt der Erde – ganz nach Belieben. Voraussetzung: Man muss sich schon drauf einlassen. Easy-Listening ist »Amoeba« nicht. Überlässt man sich dem Schleifen, Piepsen, Knarren, Pluckern, Knattern, Rauschen, Zischen, Rascheln, Klopfen, Dröhnen und Brummen, setzt man sich der Erfahrung dieser zunächst narrativ wenig bis gar nicht gerichteten Klänge aus, so entsteht – automatisch – früher oder später die eigene Story dazu im Kopf. Das ist eine vielleicht unterbewertete Qualität elektroakustischer Kompositionen, die allzu oft reduziert auf ihre naturwissenschaftlich orientierten Organisationsprinzipien erscheinen, viel ist dann von Physik (Quantentheorie) und Mathematik (Spieltheorie, Stochastik) die Rede – analytische Perspektiven werden herausgestellt, man gibt sich betont nüchtern. Das ist auch schön und gut, aber lassen wir doch nicht unter den Tisch fallen, dass es auch der Fantasie bedarf, Musik zu komponieren, die dann dazu geeignet ist, in den Hörer*innen Fantasiereisen anzuregen.