FKA Twigs
Gazelle Twin

»LP1« / »Unflesh«

Young Turks

Die Sounds von morgen sind thematisch allem Anschein nach an körperspezifische Motive gekoppelt. So stellt Tahliah Barnett alias FKA Twigs, die bereits seit einiger Zeit als Zukunftshoffnung gefeiert wird, auf ihrem Debütalbum »LP1« den eigenen Leib als gebrechliche Entität dar; Erfüllung suchend, jedoch Enttäuschung befürchtend. »Lights On« etwa schildert den Versuch einer körperlichen Annäherung, die durch Angstzustände erschwert wird. Fast schon zu naheliegend (und auch etwas chauvinistisch) wäre die Metapher vom scheuen Reh, wo FKA Twigs vergangenes Jahr doch speziell durch ihre digital vergrößerten Augen im Videoclip zum Song »Water Me« auffiel. Jedenfalls dominieren manische Zustände den Gefühlshaushalt von Barnetts Persona. Meist artikuliert die 26-jährige eine zittrige Sehnsucht, doch ihre Besitzfantasien rufen im Extremfall auch das Verlangen nach brutaler Verunstaltung einer sexuellen Widersacherin hervor (»Two Weeks«). »LP1« ist jedoch nicht nur inhaltlich starker Tobak, FKA Twigs gräbt auch strukturell ihrer unmittelbaren stilistischen Nachbarschaft (also im Rückblick vermutlich den prägenden Pop-Acts der 2010er Jahre) das Wasser ab. So bunt trieb es im slinky Soul/R&B, dessen erneuertes Markenzeichen die Langsamkeit ist, bisher noch niemand. FKA Twigs setzt tiefe Inzisionen, die die letzten Reste von Tanzbarkeit wie Tumore entfernen.
Gazelle Twin wiederum stellt mit »Unflesh« zwar auch den Körper in den Mittelpunkt, geht jedoch keiner Rivalin zu Leibe, sondern katalogisiert vielmehr die eigenen Psychosen und Nekrosen. Das Schlagwort lautet Dissoziation, was nicht nur das furchterregende Albumcover, sondern auch Songtitel wie »Good Death« oder »I Feel Blood« unterstreichen. Dass damit auch ein Identitätsverlust einhergeht, wird durch Fotografien der Künstlerin klar, die ihr Gesicht – wenn überhaupt – stets verzerrt oder verpixelt darstellen. Freilich unterzieht Gazelle Twin, die eigentlich Elizabeth Bernholz heißt, aber vor allem mit ihren hypnotisierenden Industrial-/Ambient Techno-Sounds die oxidierenden Gewinde der Hauntology einer Rekalibrierung straight towards zombification. Die Bild- und Ideenwelt von David Cronenbergs »Videodrome« werden mit Störsignalen von Cabaret Voltaire, Untold, Nine Inch Nails und sogar den späten Portishead verclustert. Und trotz dieser alten Namen klingt Gazelle Twin mächtig nach Future. Oder eben No Future.

FKA Twigs: »LP1«
Young Turks/XL/Beggars Group
Gazelle Twin: »Unflesh«
Anti-Ghost Moon Ray

 

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