Beyoncé

»Lemonade«

Parkwood

Mainstream klingt bisweilen spannender als Musik aus Indiehausen. Berichte zu Beyoncés »Lemonade« (digitale VÖ 23. 4., physische 6. 5. 2016) gibt es unzählige, nicht nur weil sie ein Star ist, sondern soziokulturell Haltung zeigt und musikalisch vorn dabei bleibt. Auch mit Vokalduetten, die man nicht unbedingt erwartet hat. Wie jenes mit James Blake, dessen überkandidelte Leidensvocals schon mal auf die Nerven gehen können. Weitaus kickender ist »Freedom«, die Kollaboration mit Kendrick Lamar, ein strahlender Aufbruch aus dem Selbstmitleid, mit harten Bässen, vorwärts marschierenden Trommeln, heulender Orgel, und jubilierendem Chor. Bombastische Dramatik, gipfelnd im von Hattie White gesprochenen Outro: »I had my ups and downs, but I always find the inner strength to pull myself up / I was served lemons, but I made lemonade.« Damit bringt Beyoncé Knowles endlich, nach neun Songs, ihre Aufarbeitung von Beziehungsproblemen – die vielen Popmusikern eigen ist – mit ihrem gleichfalls berühmten Mann Jay Z ins Finale. Ein Song aus einem Guss ist auch das darauf folgende »All Night«, wo die Postitiveness der Wiedervereinigung ebenfalls mit Vorwärtsdrang samt Bläsern und Streichern himmelwärts gehoben wird.
Ûbrigens datiert das vor »Lemonade« erschienene Album aus dem Dezember 2013. Auch »Beyoncé« enthielt wie das nun vorliegende ein Visual Album, wo zunächst eine narzistische Inszenierung die Befindlichkeit des Stars in überladener Bildpracht betont. Grace Jones wäre da wohl souveräner hätte sie das Alter von Beyoncé. Und würde sich vermutlich in weniger vulgäre Outfits werfen. Die Obszönität hat aber ihre Berechtigung. Die gebürtige Texanerin zelebriert das Empowerment eines afroamerikanischen weiblichen Selbstbewusstseins, mit Feedback auf die machosexualisierte Rapwelt.
Im zentralen »Formation« gibt ein knallhartes, wortloses Vocal-Loop eine kompromisslose Linie vor. »My daddy Alabama, Momma Louisiana / You mix that negro with that Creole make a Texas banner / I like my baby hair, with baby hair and afros / I like my negro nose with Jackson Five maestros / Earned all his money but they never take the country … « Beyoncés Sozialisation auf dem Land ist genauso wenig aus ihr herauszukriegen wie Credibility wahrende Ghettovocals sowie hellwaches politisches Bewusstsein: »Okay ladies, now letʼs get in formation, cause I slay / Who to me you got some coordination / Slay trick, or you get eliminated.« Die Tänzerinnen sind gekleidet wie Mitglieder der Black Panther Party, einer Bewegung, die als Reaktion auf die Ermordung von Malcolm X 1966 zur Selbstverteidigung und den Kampf gegen die Unterdrückung der Black Americans gegründet wurde. »Formation« verurteilt die auf rassistischen Motiven basierenden Polizistenmorde an unschuldigen Afroamerikanern eindringlich. Beyoncé zitiert eingangs den Kleidungstil Michael Jacksons, dann aber Designermode, die an französische Kolonialherren in Louisiana erinnert, während Negroes in Trauerkleidung auf einer Veranda verharren. Das von Melina Matsoukas inszenierte Video ist dadurch ein noch drastischeres politisches Statement mit noch höherer Strahlkraft als der ohnehin fantastische Song »Formation«.