Last und Lust der kuratierten Rückschau: »Punk 45«

Soul Jazz Records lädt mit dem Doppelrelease »Punk 45« zum Nachdenken über das Medium Punk 7″ ein.

Die Londoner Soul Jazz Records sind ein solides Rückblicks- und Reissue-Label, das sich nicht nur durch seinen bestechenden Katalog, sondern auch durch viel Liebe zur Sache, die sonisch, optisch wie haptisch ansprechende Wiederaufbereitung des Materials und eine dezidierte Jung-DJ-Freundlichkeit auszeichnet: Themen-Compilations sind einigermaßen Budget, kommen aber sehr aufregend und meistens wirklich ohne Füller. Das kann man schon mal laufen lassen, sollte man sich als Plattenverantwortliche während eines Sets länger zum Klo anstellen müssen. »Punk 45: Kill the Hippies! Kill Yourself!« ist ein Werk ganz in der Tradition des Labels: einundzwanzig Kracher zwischen 1973 und 1980 (mit deutlichem Schwerpunkt auf die späten 1970er), dickes Hochglanz-Booklet mit pädagogisch wertvollen Linernotes und vielen schönen Bildern, und einem klar abgesteckten Fokus auf unkommerziellen Punk aus lokalen Szenen abseits des Zentrums New York City. Sehr pointiert, sehr gut.

Jon_Savage_Stuart_Baker_Punk_45_The_Singles_Cover_Art_Of_Punk_1976_80.jpgWeniger gelungen ist der große Schwesternrelease, den Soul Jazz gleichzeitig mit dem Tonträger ins Weihnachtsgeschäft abfeuert: »Punk 45: The Singles Cover Art of Punk 1976–80«, ein orangefarbenes Zwei-Kilo-Ungetüm, welches auf über vierhundert Seiten gleichzeitig Art Book und Auskenner-Bibel sein möchte. Während die Veröffentlichung dem Art-Book-Auftrag durchaus Genüge tut – der Band reproduziert Hunderte 7″ Frontcover in Farbe und im Maßstab 1:1 – geht der Auskennerpart ein bisschen in die Hose. Wo die Musik-Compilation durch elegante Verknappung und präzise lokale Verortung glänzt, will das Buch Punk, Pubrock, Post-Punk und Hardcore-Punk als Großes, Ganzes, Globales abbilden.

Das Ergebnis ist zwangsläufig Kraut und Rüben mit einem Ûberhang an US und UK Releases (MC5 meets Crass meets Stiff Records), den eine Handvoll (in Zahlen: 11) offensichtlich nach dem Zufallsprinzip ausgewählten Produktionen aus Kontinentaleuropa, Kanada, Australien und Neuseeland irgendwie unglücksselig aufpeppen soll. Erzählt wird nämlich die übliche Große Geschichte von Punk als Bewegung, die als Konkurrenzveranstaltung zwischen nordamerikanischen und britischen Protagonist_innen, und hier wiederum binnendifferenziert zwischen Kunstis und Rüpeln, ausgetragen wurde. Die Frage der Entwicklungen außerhalb dieser Epizentren, die sich durch die zumindest andeutungsweise Inklusion von Bands wie Kleenex eigentlich aufdrängt, wird durch die fehlende textliche Kontextualisierung von Nicht-UK/Nicht-US Punkplattenproduktionen erst gar nicht gestellt. Blöd. Eine weitere vergebene Chance ist das Einleitungs-Essay von John Savage, der den an sich spannenden Versuch unternimmt, Punk als eine (auch materielle) Geschichte von Plattenproduktion und Plattencovers zu fassen, dabei aber kaum über absatzlange, absolut spaßfeindliche Bildbeschreibungen hinauskommt. Auskennermäßig punkten kann das Buch allenfalls noch mit den immer wieder eingestreuten Interviews mit wichtigen Menschen aus Musik und Produktion, wobei hier auch oft der Eindruck entsteht, dass irgendwelche einsilbigen, über Emailaustausch geführten Null-Gespräche abgedruckt wurden, um Seiten zu füllen. Die Herausgeber Jon Savage und Stuart Baker hinterlassen uns hier ein klassisches Coffee-Table-Buch: schwer, schön anzuschauen, und ein bisschen fad. Ob dem Medium der Punk 7″ damit unbedingt gedient ist, sei dahingestellt.

»Punk 45: Kill the Hippies! Kill Yourself! The American Nation Destroys Its Young. Underground Punk in the United States of America, Vol. 1. 1973–1980« (Soul Jazz Records/Trost)

»Punk 45: The Singles Cover Art of Punk 1976–1980«. Edited by Jon Savage and Stuart Baker (Soul Jazz Books/Trost)