Letzte Autobahnausfahrt vor Ungarn: Nickelsdorf. Letzte Bahnstation vor Hegyeshalom: Nickelsdorf. Letztes Free-Improv-Himmelfahrtskommando: Konfrontationen Nickelsdorf. Die 46. Ausgabe könnte die letzte sein und ist Hans Falb aka »Hauna«, dem Gründer des international renommierten Festivals, gewidmet. Für Kontroversen sorgten im sommerlichen Scheunen-Ambiente des Gasthauses Falb, das zwanglose Begegnungen von Besucher*innen und Musiker*innen ermöglichte und mit exzellenter Küche aufwartete, die Auftritte von Acts des Wiener Elektronik-Avantgarde-Labels Mego und Artverwandten, die Leben ins etwas verkrustete heimische Whole-Lotta-Improv-Geschehen brachten. Auch weben sich Legenden um Auftritte des Sun Ra Arkestra in Nickelsdorf, wovon ein opulenter Mehrfach-LP-Release auf Trost Records zeugt. Doch darum soll es nicht gehen, sondern um eine kurze Vorschau samt Interview mit Hans Falbs Bruder Manfred, der wie andere Vereinsmitglieder von IMPRO2000 verdienstvoll im Hintergrund werkt und wirkt.
Das Line-up ist heuer wie immer großartig und birgt schlaue alte Füchse in der Formation The Bridge: Rodrigo Amado (sax), Alexander von Schlippenbach (p), Ingebrigt Håker Flaten (b) und Gerry Hemingway (dr). Somit muss gleich der Duo-Name Xenofox fallen, in dem Olaf Rupp (g) und Rudi Fischerlehner (dr) rumoren. Müßig wäre es, alle Acts anzuführen, deshalb seien nur die recht zahlreichen Formationen mit Frauenanteil hervorgehoben: Die auch am und im präparierten Klavier gewiefte Jordina Millà taktet mit dieb13 (el) und Mats Gustafsson (sax, fl), dessen Wahlheimatort übrigens Nickelsdorf ist, die Konfrontationen auf. Im Trio Acutance trifft die Bratschistin Laura Strobl auf Georg Graewe (p) und Mark Sanders (dr) und die Pianistin Sylvie Courvoisier neben ihrem Solo-Gig auf Hamid Drake (dr, perc) und Ned Rothenberg (sax), wogegen Hamid Drake sich mit Tanja Feichtmair (sax) duelliert. Großartig verspricht auch das Gipfeltreffen von Anthea Caddy, Judith Hamann, Laura Pudelek und Noid zu werden: Das Quartett firmiert unter Sociedad Internacional de Cellismo Experimental, womit sich die Klammernennung der Instrumente erübrigt. Den Festivalausklang besorgt eine weitere Cellistin: Tomeka Reid im Trio mit Angelika Niescier (sax) und Eliza Salem (dr). Einzige noch unerwähnte Musikerin im Konfrontationen-2026-Universum ist Agnes Hvizdalek (voc), die im Duo mit Jakob Schneidewind (el) auf ihre norwegische Wahlheimat verweist: PNØ heißt es und damit sind wir beim feierlichen sonntäglichen Gottesdienst der etwas anderen Art angelangt: Die Himmelfahrt des Hans Falb darf gern ein bissl verklärt werden und wird am Sonntag, dem 26. Juli ab 15:00 Uhr in der evangelischen Kirche in der Unteren Hauptstraße 9 bei freiem Eintritt stark ins Gedächtnis gerufen. Franz Hautzinger trompetet nach PNØ »Hymns for Hans« ins Jenseits. Um 17:00 Uhr gibt es noch ein da capo im Salzer Stadl (neben dem Kugel-Heurigen) mit einem Salut auf Hans Falbs segensreiche Tätigkeiten mit der 45-minütigen Doku »Sketches of Nickelsdorf« aus dem Jahr 2013.
So, nun aber erteilen wir das Wort Hans’ Bruder Manfred Falb, zuständig für Finanzen und Organisation der Konfrontationen, per E-Mail-Interview.

skug: Hans »Hauna« Falb hat leider keine Nachfolge für das Festival aufgebaut. Was waren deiner Meinung nach die Hauptgründe dafür? Das Jazzatelier Ulrichsberg oder der Echoraum haben rechtzeitig übergeben und das Erbe wird seither erfolgreich weitergeführt. Werden die In-Memoriam-Hans-Falb-Konfrontationen 2026 die letzten sein? Du warst ja von Anfang an bei den Konfrontationen dabei.
Manfred Falb: Hans ist immer seinen eigenen Weg gegangen. Wenn er sich etwas in den Kopf gesetzt hat, dann hat das so passieren müssen. Im Guten wie manchmal im weniger Guten. Die Frage der Nachfolge hat sich nie gestellt, solange Hans die künstlerische Leitung innehatte. Ich bin 2007 nach dem ersten Konkurs eingesprungen, um eine Sanierung der maroden Festivalfinanzen zu ermöglichen. Das ist mir auch gelungen, bis im Jahr 2020 Covid kam. In Folge wurde es schwieriger: Ehemalige Weggefährten und Mitarbeiter*innen des Festivals haben sich aus unterschiedlichen Gründen zurückgezogen, Hans wollte weitermachen. Die Planung und Organisation liefen chaotisch ab, letztendlich haben wir es aber doch immer wieder hinbekommen, ein Festival auf die Beine zu stellen. Die Planung ist jetzt mal so, dass das heurige Festival ein Abschluss sein soll. Ich werde mich de facto nächstes Jahr aus der Verantwortung für das Festival zurückziehen. Es gab auch im Vorfeld schon Bestrebungen, heuer kein Festival mehr zu machen, so quasi unter dem Motto »Ohne Hauna gibt es kein Festival«. Im Verein Jazzgalerie IMPRO2000 gab es größere Unstimmigkeiten. Des jetzigen Kurators Reinhard Stöger und mein Bestreben war es, Hans Falbs Lebenswerk noch einmal gebührend mit einem letzten Festival zu ehren. Momentan würde ich sagen, die Chancen stehen 1:9 dagegen, dass es ein weiteres Festival unter dem Titel »Konfrontationen« geben wird.
Könnte die Jazzgalerie auf ähnliche Weise weiterbestehen wie das Jazzatelier Ulrichsberg, das auch als Programmkino tätig ist? Hin und wieder erlesene Kinoaufführungen und Konzerte? Oder ist das lokale Publikum in Nickelsdorf nicht groß genug für solche Konzepte? Wie wird es mit dem legendären Gasthaus Falb weitergehen?
Die Jazzgalerie wird so nicht weiterbestehen können. Man kann das auch nicht mit Ulrichsberg vergleichen. Die Voraussetzungen sind ganz andere. Das Gasthaus Falb wird derzeit als Pop-up-Gasthaus (unter dem Namen Wirtshaus zum dritten Tage) geführt. Die Option für einen Verkauf an den derzeitigen Betreiber besteht. Doch gibt es sehr viele behördliche und bauliche Hindernisse.

Ein Problem haben und hatten das Kaleidophon und die Konfrontationen gemeinsam: Das Publikum ist gealtert und die Jugend folgt kaum bis gar nicht nach. In der österreichischen wie internationalen Free-Impro-Szene gibt es eine Menge an talentierten Musiker*innen und auch an Publikum mangelt es nicht. Woran liegt es?
Wir hatten bei den letztjährigen Festivals auch einen guten Teil an jungen Besuchern. Wobei natürlich der Anteil an älterem Stammpublikum überwiegt. Die improvisierte Musik war und ist ein Produkt abseits des Mainstreams und ist für ein junges Publikum nicht immer leicht zugänglich. Ich denke, dass man sich den Zugang zu dieser Art von Musik erst langsam aneignen muss.
Nickelsdorf liegt hart an der Grenze zu Ungarn. Wie hoch liegt eigentlich der Anteil des Publikums aus Südost- bzw. Osteuropa? Hat sich das über die Jahre verändert?
Der Anteil an Gästen aus Osteuropa liegt bei 10 bis 15 %. Wir haben Gäste aus Rumänien, Ungarn, der Slowakei, Tschechien und Slowenien. Vor 2015 waren auch einige Leute aus der russischen Impro-Szene immer wieder beim Festival. Hans hatte auch gute Verbindungen zum Festival in Cerkno (Slowenien).
Themenwechsel. Friedrichshof: Otto Mühl hat patriarchal geherrscht und nicht wenige Menschenleben zerstört. Gab es Konfrontationen mit den Friedrichshof-Kommunard*innen, im doppelten Sinne? Wenn ja, welche Berührungspunkte bzw. Gegensätze gab es?
In den 1980er-Jahren gab es hin und wieder Kontakte zu der Friedrichshof-Kommune. Der Künstler Otmar Bauer war häufig zu Gast beim »Hauna« und hat auch einige künstlerische Beiträge geschaffen. Der Kontakt verlor sich dann in den 1990er-Jahren schön langsam.
Um bei sektenähnlichen Institutionen zu bleiben: Wie oft und ab wann wurden Aufführungen in sakralen Räumen einbezogen?
Die Konzerte in der evangelischen Pfarrkirche Nickelsdorf gab es bereits in den 1980er-Jahren, eigentlich fast jedes Jahr. Zweimal wurden auch in der römisch-katholischen Kirche Konzerte aufgeführt.
Es weben sich Legenden um den Auftritt des Sun Ra Arkestra in Nickelsdorf. Auch gibt es einen opulenten Mehrfach-LP-Release auf Trost Records. Was waren deine Erfahrungen und Erlebnisse mit Sun Ra?
Dazu kann ich leider nur so viel sagen, dass ich beim ersten Auftritt vom Sun Ra Arkestra dabei war. Zur Legendenbildung und zum Trost-Records-Release weiß Kurator Reinhard Stöger sicher mehr.
Danke für das Interview.

Link: www.konfrontationen.at











