© Roland Pohl

Künstler müssen nicht diplomatisch sein – Teil 2

Bekanntlich ist Konstantin Wecker bei skug ein äußerst gern gesehener Gesprächspartner, weil er etwas geschafft hat, das in der deutschsprachigen Musiklandschaft kaum jemandem gelang: Die Verbindung von glaubwürdiger Counterculture und Stardom.

Der zweite Teil unseres Interviews behandelt die Ballade, Opernmusik und wie wichtig es ist, zu lesen, spricht über Zauberhasen, den Pazifismus der Sophie Scholl und über das Zahlen von Steuern. Hier geht’s zu Teil 1 und Teil 3.

skug: Das Stück »Willi« ist wieder im Programm der aktuellen Tournee. Wegen dem sind manche alten Wecker-Platten schwer anzuhören, weil dieses Stück die Platte sprengt. Der Text suggeriert Momenteinfälle, aber die scheinbar zufälligen Erinnerungen sind wohlkomponiert und schnüren zu wie der Verlauf einer klassischen Ballade. Am Ende von »Willi« ist man erledigt, das ist wirklich keine Gebrauchsmusik mehr. Diese Wirkung hat die aktuelle Version nicht mehr, sondern dient jetzt eher der Agitation …
Konstantin Wecker: Ja, ich nutze es für ein Statement. Dadurch habe ich die Möglichkeit, dass ich mir ganz viele andere Sachen erspare. Ich stelle zu Beginn des Konzerts einiges klar und dann gibt es sicher einige, die sich ärgern, aber das ist nun mal so. Aber das muss klargestellt sein. Es gab auch sehr viele positive Reaktionen von Leuten, die sagten, sie wollten so etwas endlich mal hören. Dann mach ich mein Programm und versuche, zu erklären, wie wichtig Poesie ist, und kann dann mit aller Freude meinen »Leiermann« singen, ohne noch erklären zu müssen, dass das auch ein politisches Lied ist. Oder ich singe eben Liebeslieder. Der »Willi« in seiner Urform war ja keine Erfindung, der ist mir geschenkt worden. Ich kannte nicht mal diesen Typus, des Talking Blues. Vielleicht hatte ich das mal irgendwo gehört, aber ich kann viel zu wenig Englisch, um das verstanden zu haben. Ich weiß ganz genau noch, wie dieses Lied entstanden ist, das war bei einer Probe und wir hatten Pause. Im Nebenraum stand ein altes Klavier und ich hatte immer die Zeile im Kopf »Gestern haben’s den Willi erschlag’n und heut wird er begrab’n.« Ich wusste nicht einmal, ob das ein lustiges Lied wird. Ich hatte nur die Zeile. Dann kam ich nach zehn Minuten zurück und hatte das Lied in Echtzeit geschrieben und habe es meinen Musikern vorgespielt. Ich frage sie, wie findet ihr das, und die waren geplättet. Ich werde dann immer gefragt, ist das alles so passiert? Ja, aber wie das eben bei Poesie so ist …

… war es nicht »eins zu eins« so.
Nicht genau eins zu eins und nicht in dieser Reihenfolge. Aber es fasst zusammen, was mir in den Jahren zuvor widerfahren ist, mir und meinem Freund Günther. Auf den Gedanken mit der Ballade bin ich nicht gekommen. Ich war ein großer Balladenleser. Ich unterrichte ja manchmal in Würzburg die Songwriting-Studenten und 90 % von denen muss ich klar machen, dass wer schreiben will, auch lesen muss. Die sind begabte und frische, leidenschaftliche Menschen, aber die lesen nicht. Die haben kaum Kontakt zu Gedichten. Ich frage sie: »Warum schreibst du?« Und sie sagen: »Naja, ich schreibe, was aus mir rauskommt.« Das ist schön, aber irgendwo muss man es auch lernen. Unter den jungen Kollegen auf meinem Label, da ist der junge Berliner Roger Stein, der ist grandios. Man merkt all seinen Texten an, dass er ein großer Leser ist. Da ist alles zu spüren, zwischen Brecht, Kästner und Beat-Poetry. Der klaut nichts, aber der kann sich ausdrücken. Das ist schon einfach wichtig, dass man sich von den Meistern etwas zeigen lässt. Oft denke ich, meine glühende Verehrung für die Dichter war sehr wichtig und für die Komponisten ohnehin.

Ein häufiges Motiv in Ihrem Werk behandelt eine Art Generationendialog. Sie haben viel über ihre Eltern geschrieben (die dabei übrigens ziemlich gut wegkommen, das sind Porträts auf Goldgrund) und das Glück, dass Sie mit diesem antiautoritären Elternhaus gehabt haben. Sie haben aber auch die bange Sorge zum Ausdruck gebracht, was passiert, wenn Ideologie zwischen Menschen in einer Familie tritt, wie beispielsweise in dem Stück »Vaterland«. Was fällt Ihnen heute zur »Generation Abliefern« ein? Es ist ja meist so, wenn 68er sich an ihre Jugend erinnern, dann meist nur daran, wie sie wochenlang bekifft in der Ecke rumlagen. Heute hingegen haben alle dauernd viel zu tun …
Ich hab’ hier ein bisschen ein Problem, über die Generation zu reden, der ich nicht angehöre, weil ich sie ja in ihrer Gesamtheit nicht kenne. Ich kenne meine Kinder und die Freunde meiner Kinder und die sind untypisch für die Abliefern-Generation. Die wenigen jungen Leute, die bei mir ins Konzert kommen, die kommen meistens über die Eltern. Allerdings, viele meiner Freunde sind Taxifahrer, und die erzählen mir Dinge über die jungen Unternehmensberater, da sage ich mal, das sind harte Urteile. Die lassen teilweise ganz bewusst die Sau raus, damit der Taxifahrer merken soll, was er für ein Untermensch ist im Gegensatz zu den Reichen, Jungen, Aufstrebenden. Aber man bemerkt auch die Angst, die sie untereinander haben. Dauernd wird sich ein Bild aufgebaut: »Wir schaffen es nach oben.« Dadurch entsteht permanent die Angst, zu verlieren. Es fällt mir aber schwer, darauf eine Antwort zu geben.

Das ist bereits eine. Viele Ihrer Songs behandeln ja einzelne Beobachtungen und keine Analyse repräsentativer Gesellschaftsquerschnitte.
Ich möchte an dieser Stelle nochmals betonen, dass meine Eltern völlig untypisch für die Generation der Eltern eines 70-Jährigen waren. Dies erwähne ich ganz bewusst immer wieder. Wenn ich in meinem Lied schreib: »Ich habe ein großes Herz für die Träumer und Versager«, dann meine ich damit schon auch meinen Vater. Weil der ja in gesellschaftlichem und finanziellem Sinn ein Versager war. Was er sicherlich nicht gern gehört hätte. Aber was für ein wunderbarer, warmherziger und weiser Mann ist er geworden. Wir müssen den Worten mehr auf den Grund gehen. Versager heißt, ich versage mir etwas. (lacht) Hat doch was, oder? Ich versage mir, teure Markenkleidung zu tragen, ich versage mir, andere auszubeuten, und ich versage mir euren Quatsch mitzudenken. Ich bin ein Versager.

Vor wenigen Tagen gab es eine Präsentation des Kärntner Dichters und Aphoristikers Joško Gallob, der es auch im Leben zu nichts gebracht hat – wenn man das so ausdrücken will. Er ist bereits vor zwanzig Jahren gestorben und jetzt wurde ein kleines Bändchen über ihn herausgegeben. Gallob war ein ziemlich anarchistischer Typ und das ganze Dorf hat sich immer aufgeregt, dass er bis Mittag im Bett lag.
(lacht) Ja, Wahnsinn! Sehr gut.

Von Ihnen stammt der Satz: Die Weisheit der Kinder wird gestört durch Erwachsene. Als konsequente erkenntnistheoretische Anarchisten müssen wir uns die Frage stellen, die Sie gestellt haben, ob nämlich die Fantasiefreunde der Kinder vielleicht gar nicht bloß erfunden sind.
Ganz genau.

Ich halte das für einen guten Ansatz. Bei meinem kleinen Sohn habe ich beobachtet, dass seine Zauberhasenbande an eine Struktur stößt. Was diesen seltsamen Wesen passiert, ist nicht beliebig.
Wie alt ist der?

Fünf. Weiß der Himmel, wer die sind, und man sollte natürlich skeptisch sein, was deren Zauberkräfte betrifft, aber die Welt dieser Hasengesellen scheint wie eine Art Sphäre vorhanden zu sein. Wie biegt man es hin, dass man den kleinen Leuten nicht ihre poetische Größe nimmt?
(Pause) Indem man sie ernst nimmt. Und zwar von Herzen ernst nimmt. Es gibt diese zwei Arten von Ernstnehmen. Es gibt das Ernstnehmen der tollen Erwachsenen, die alles natürlich wissen und die dann sagen: »Na klar, hast du schon Recht, Bub.« Aber es gibt auch andere Erwachsene – und hier muss ich leider nochmals zu meinem Vater kommen. Der konnte bis ins hohe Alter staunen. Der hätte auch über meine Zauberhasen gestaunt. Der hätte nie sofort gesagt: »Ach, das gibt es nicht«, oder es sich selbst gesagt. Manchmal habe ich sogar das Gefühl, es ist sogar Neid. Unbewusster Neid, dass wir das alles nicht mehr haben. Deswegen wollen wir die Kinder immer gleich zu etwas »ganz Wichtigem« anhalten. Zum Zimmeraufräumen, Hausaufgabenmachen. Wir glauben also, zu wissen, was Kinder tun müssen, anstatt von ihnen zu lernen, anstatt das mit ihnen auszuleben. Nils Bohr hat einmal gesagt, Materie sei kondensiertes Licht und mein Freund Hans Peter Dürr sagte schlicht, Materie gibt es eigentlich gar nicht. Auch die Zauberhasen sind, genau wie das, womit wir die Welt erklären, Symbole. Worte sind Symbole. Die Worte und Bilder können Symbole sein für etwas, das Kinder spüren. An Bedrohung zum Beispiel, oder dass sie eine Präsenz dessen spüren, was wir verloren haben, nämlich die des unerklärlichen Wunderbaren. Vermutlich kommen sie ja von dort. Aus jener Welt, die gerade noch Rilke ansprechen konnte. Ein kecker Satz, sicherlich. Aber Rilke war in der Lage, Ebenen und Räume anzusprechen, die sich nur erahnen lassen. Rilke und so viele andere Dichterinnen und Dichter, die konnten das. Wenn mein Sohn was zu Grabe getragen hat, weil ein Fantasiefreund gestorben ist, dann ist da auch etwas gestorben. Diese unglaubliche Fähigkeit von kleinen Kindern – wenn wir sie ihnen lassen – im Jetzt zu sein. Also da beneide ich jeden, der kleine Kinder hat. Das war so eine schöne Zeit, als meine Kinder klein waren. Heute ist es auch schön. Aber das war damals die glücklichste Zeit in meinem Leben.

Sie haben einmal gesagt, sie hätten so ein besonderes Gefühl gegenüber Dieter Hildebrandt gehabt, weil der immer alles gewusst und alles richtig gemacht habe. Und das habe eine durchaus einschüchternde Wirkung auf sie gehabt.
(lacht) Nein, eingeschüchtert hat es mich nie. Das wurde falsch kolportiert oder ich habe es falsch gesagt. Eingeschüchtert hat er mich nie. Es hat mich allenfalls nur in einem Punkt etwas gehemmt: Wenn Dieter Hildebrandt bei mir im Konzert war, dann habe ich mich nicht getraut, witzig zu sein, weil ich dachte, das kann einfach nur der Dieter. So gut wie er kann ich es nie machen. Ich habe es ihm dann mal erzählt und er hat sich totgelacht. Ansonsten aber, es stimmt schon, ich habe mich wahnsinnig gefreut, als ich, zehn Jahre nachdem er mich gefördert hatte im Scheibenwischer, ihn endlich gefragt habe: »Sag mal, magst du eigentlich meine Lieder?«

Eine mutige Frage.
Ja. Und dann hat er mich in seiner typischen Art lächelnd angeschaut und gesagt: »Konstantin, ›Genug ist nicht genug‹, da tanze ich, wenn ich das höre, im Wohnzimmer herum.« Da war ich erleichtert. Er war eine intellektuelle Größe, weil er ja nie angegeben hat und nie belehrend war. Während meiner Drogengeschichte hat er ein großes Herz gehabt und sagte zu mir: »Dass sie dich verurteilen, ist okay, denn andere werden auch verurteilt, warum sollst du nicht verurteilt werden als Prominenter.« Aber dann sagte er und wiederholte das auch im Fernsehen: »Durch den Knast verliert man keinen Freund.« Ich sollte ja beim Scheibenwischer auftreten und bin einen Tag vorher verhaftet worden. Dieter sagte dann, eigentlich wäre der Connie Wecker da – Riesengelächter natürlich, weil alle wussten, dass ich verhaftet war – und dann sagte er das. Später hat er sich mit 80 Jahren zu seiner Alkoholsucht bekannt und einen Entzug gemacht. Das war ein mutiger Schritt.

Sie sagten einmal, sie haben siebzig Jahre in Deutschland gelebt und durften in dieser Zeit Frieden erleben und dieses große Geschenk verpflichte sie dazu, zumindest die Möglichkeit zum Pazifismus zu erwägen.
Ja.

Wie lässt sich einem solchen Vorsatz folgen und ihm gerade jetzt treu bleiben, wo die Öffentlichkeit immer stärker militarisiert wird? Auf dem Wiener Donauinselfest, wo sie vor Kurzem gespielt haben, patrouillierten Polizisten mit Maschinengewehren. Wer mit der Bahn die Grenze von Italien nach Österreich überquert, bekommt den Eindruck, in einem Endzeitfilm zu sein, weil so viele Polizisten und Soldaten dort stehen. Und bei den G20-Protesten in Hamburg hat sich gezeigt, es wird vornehmlich mit autoritären Maßnahmen auf Proteste reagiert.
Die Jugend darf nicht mehr rebellieren. Ich muss in solchen Momenten immer wieder das Beispiel von der Sophie Scholl erwähnen. Wohlwissend, wie schwierig alles ist. Ich habe bei der Hörbuchaufnahme den Polizisten gesprochen, der sie verhört hat. Für das Buch wurden die Originalprotokolle verwendet. Während wir die Aufnahme gemacht haben, musste ich manchmal unterbrechen, weil es mich zerlegt hat. Die Frau hat so unglaublich klug und offen und aufrichtig argumentiert. Die war damals gerade 21 Jahre alt. Sie hat genau gewusst, dass sie mit ihrer Aktion und ihrer Aufrichtigkeit das Hitlerreich nicht wird stürzen können oder den Weltkrieg verhindern. Sie konnte nicht anders und hat es einfach gemacht. So ist es mit dem Pazifismus. Wenn man von tiefstem Herzen weiß, dass die ersehnte Welt nur ohne Gewalt und Krieg sein kann, dann finde ich, muss man dazu stehen. Es gibt jetzt sicherlich Hunderte, die sagen würden: »Ja, wir sind ja auch dafür, aber auf dem Weg dahin muss man …« und dann kommt wieder das Argument, wie wäre denn Hitler ohne Krieg besiegt worden? Da hat der kompetente Pazifist Eugen Drewermann treffend und klug gesagt: Natürlich konnte man Hitler nur durch Krieg besiegen, aber man hätte ihn nie bewaffnen dürfen. Es geht immer irgendwann los. Wann fangen wir an, anzufangen, solche Entwicklungen zu verhindern? Ich habe in dem Buch mit Margot Käßmann über den Pazifismus nicht behauptet, dass der Pazifismus etwas ist, das man als Ideologie anderen überstülpen kann. Das ist etwas, das man für sich allein entscheiden muss. Eines kann man aber schon sagen, dass man beim Militär menschlich versaut wird. Dass man zu einem Instrument erzogen wird und dass einem jeder letzte Rest an Mitgefühl ausgetrieben wird. Es geht um Empathie und es ist glücklicherweise anders als 1933, weil es gibt Journalisten, Wissenschaftler und andere, die immer wieder betonen, dass die Empathie unteilbar sei und die größte Errungenschaft des Homo sapiens ist. Wichtiger als sein logischer Verstand. Das Militär ist eine Institution, die einem genau dies austreibt, weil sie dich erzieht, bedingungslos zu gehorchen.

Wir haben jetzt viel von innerem Wuchs und individueller Entscheidung geredet. Hier scheint aber noch ein weiterer Aspekt zu sein. Poesie ist ja auch Einstehen für das Wort. Die Worte eines Gedichts können nicht einfach ausgetauscht werden.
Ja, das stimmt.

Dieses »Steh zu deinem Wort« ist im Kern eine Rechtssicherheit und die scheint verloren zu gehen. Für Arme und Schwache gelten kaum mehr Gesetze, die sie schützen. Was sich immer wieder zeigt: Für Arme ist es schwer, sich an Gesetzte zu halten, und Reiche müssen es nicht.
(lacht) Dabei könnten es die Reichen.

Durch Liberalisierung verschwindet viel Rechtssicherheit aus bloßen wirtschaftlichen Gründen, weil Umwelt- und Arbeitnehmer*innenschutz »Investitionshemmnis« ist. Noch deutlicher sieht man es bei den Flüchtlingen, für die kaum mehr Gesetze zu gelten scheinen. Ständig wird verschärft und erschwert und es werden neue Hürden für sie errichtet. Es scheint, als würden unsere politischen Eliten nicht mehr verstehen, was ein Gesetz ist. Der Witz wäre nämlich, dass man sich dran hält, wenn es schwierig ist.
Ja, sobald es zu schwierig wird, will man es als Machthaber ändern. Die Beobachtung mit dem Zum-Wort-Stehen ist richtig. Gerald Hüther meint, es gehe darum, die eigene Würde zu entdecken. Wenn ich die eigene entdecke, erkenne ich sogleich auch die des anderen. Jeder Mensch hat Würde. Zum Wort, insbesondere zum dichterischen Wort zu stehen, heißt auch, man hat ein Wort, das man sich nicht ausgedacht hat, sondern das man geschenkt bekommen hat. Das kam von wo anders her. Bei Melodien fällt es den Menschen leichter, das zu glauben, weil das eine non-rationale Sprache ist. Bei Melodien kann man sich gut vorstellen, dass man sich die nicht ausdenkt. Kann man schon versuchen, wird aber meistens nix. Man steht ja nicht nur zu dem Wort, sondern auch dazu, wie das Wort in einem gewachsen ist. Dass man es nicht einfach verwendet hat, um eine neue Machtposition für sich zu schaffen. Das scheint mir der Unterschied zum politischen Verwenden des Wortes zu sein. Das ist dann der Unterschied zum Framing. Die Linguistin Elisabeth Wehling hat ein Buch mit dem Titel »Framing« geschrieben. Sie ist die Worte durchgegangen, wie »Willkommenskultur« oder »Flüchtlingswelle«. Was mir besonders gefiel war, dass sie in ihrem Buch auch über »Steuer« schrieb. Beim heutigen Framing wird diese immer als Last dargestellt. Anstatt zu sagen, Steuer ist etwas Gutes, weil in einer Gemeinschaft ich etwas abgebe, damit Kindergärten gebaut werden können. Ich war letztens mit dem Max Uthoff von der Anstalt essen. Er war dran, uns einzuladen und ich sagte dann: »Warum lässt du dir keine Quittung geben?« Er meinte: »Das war doch keine Geschäftsbesprechung.« Dieter Hildebrandt war ähnlich. Ohne jede Frage werden alle Steuern korrekt abgeführt, auch wenn man weiß, dass Steuergelder für Mist gebraucht werden, zu Militär und ähnlichem. Ich finde diese Haltung toll und absolut nachahmenswert.

Man sagt, dass sei eine Münchner Krankheit. Sonntags beim Griechen zu sitzen und sich die Rechnung auf Montag ausstellen zu lassen.
Ehrlich. (lacht) Das sagt man? Könnte stimmen. Dem Hildebrandt habe ich mal in den 1990ern gesagt: »Mensch da gibt es ja jetzt nach der Wende Steuermodelle, die sind so toll.« Ich habe das aber nur gesagt, weil mir das einer erzählt hat. Ich selbst habe mich da nicht drum bemüht und bin auch nicht der Typ dafür. Da sagte mir der Dieter: »Konstantin, ich verdiene sehr viel Geld und ich brauch kein Steuermodell, denn ich will meine Steuern zahlen.« Das hat mir sehr zu denken gegeben.