Skadedyr

»Kongekrabbe«

Hubro Music

In der modernen Klassik war es vor vielen Jahren ein absolutes No-Go, und auch heute noch schielt man einen Komponisten schief an, wenn er Kraut und Rüben aus der Musikgeschichte in einen Trichter schmeißt und sich dann rausholt, was ihm gerade in den Sinn oder ins argumentativ untermauerte Prinzip passt. Im Jazz war das eigentlich durchaus ähnlich, wer Dixieland neben Hardbop oder Fusion stellt, der muss für den Spott meist nicht extra sorgen. Umgekehrt kann es ja manchmal perfekt passen, und wo das gelingt, da fliegen gerne auch Rosen auf die Bühne. Vor ein paar Jahren etwa hat Max Nagl gemeinsam mit Stephen Bernstein, Noël Akchoté und Bradley Jones unter dem Ensemblenamen Big Four eine grandiose Hommage an Sydney Bechet eingespielt. Aber was das 12-köpfige norwegische Ensemble Skadedyr auf der CD »Kongekrabbe« (Königskrabbe) einspielt, das hat mit einer entgrenzenden Hommage nicht mehr viel gemein, das ist eher anarchistischer Raubbau im großen Stil. Heimtückisch überqueren die Norweger auf ihrem Debut heilige Genregrenzen und mixen Folklore mit freier Improvisation, Bob Dylan mit Astor Piazzolla, Prodigy mit Fats Waller. Das ergibt aber eben nicht, wie so oft bei ähnlich gelagerten Versuchen, ein großes Gewabbere, sondern das nimmt sich die Zeit, zwischendurch ausufernd sphärisch zu relaxen, dann wieder mit kratzbürstigen Akkordeons Noise im Impro-Stil zu produzieren, dann wieder deutet ein ausgebeultes Jazzensemble ein paar Takte Dixieland an – und schon geht es knietief in einen Richtung Spacerock gedeuteten Northern Folk. Herrlich, wie da die Schubladen auf- und zuknallen – am explizitesten auf dem Track »Partylus«, der im Grunde keine Fragen mehr offen lässt. So unbekümmert, so übermütig, so rotzfrech hat schon lange keine Band mehr Genres ausgeschlachtet, ohne sich einen Dreck um irgendwelche Innovationsgebote zu scheren. Dafür gibt es absolute Höchstnoten von allen Punkterichtern, nur der grauhaarige Typ aus der Konzertvereinsgewerkschaft schaut finster drein. Sein Pech. Geniale Sache!