Ken Burns Jazz

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In erster Linie geht es bei dieser neuen Dokumentationsreihe (10 Teile) und den dazugehörenden CDs um ein uramerikanisches Anliegen: Jazz soll erfolgreich auf die Vermarktbarkeit eines Cheeseburgers gebracht werden. Wynton Marsalis dazu: »Jazz objectifies America.« So wenig, wie man diese Aussage stehen lassen kann, so nahe lag für die Leute von General Motors der Trugschluss, dass Jazz ein Objekt sei. Der GM Vehicle Manager fährt fort: »We are proud to present these documentaries that share the American experience.« Burns weiter: »It’s an art form that can give us a painless way of understanding ourselves
Fakt ist, dass in Amerika Jazz lange genug tot ist, um solche Scheiße unreflektiert vom Stapel lassen zu können. Wäre Charles Mingus noch am Leben, würden hier wohl Köpfe rollen. Exemplifiziert wird die Todesstarre durch die Aufnahmedaten; die 80er sind gerade noch zwei mal vertreten: Herbie Hancock mit »Rockit« (Pfui!) und Miles Davis mit »Tutu«; für die Repräsentation der 70er müssen die zwei flinken Paradigmenwechsler ebenfalls beinahe alleinig herhalten. Die Rezeptionsgeschwindigkeit in Jazzkreisen veranschaulicht folgendes Zitat zu »Tutu«: »In fact the jury is still out on his 1986 funk album.« Also bitte, vielleicht wieder einmal Leroi Jones lesen. Sein Essay »Jazz und der weiße Kritiker« aus 1963 hat noch nichts an Aktualität eingebüßt.
Die insgesamt 22 CDs sind für das, was sie sind weitgehend fehlerlos. Erstmals ist es durch den Verbund der zwei größten Jazzanbieter Verve und Columbia gelungen, bei der Auswahl der Stücke aus den Archiven nahezu aller wichtigen Labels zu schöpfen. Schwierigkeiten, bei Musikern wie Miles Davis, alle Schaffensperioden auf einer CD von 70 Minuten Spielzeit draufzupappen verstehen sich von selbst. Immerhin ergibt das ein dermaßen eklektisches Bild von Davis, das es ihm schon wieder fast gerecht wird. Bei den Klassikern wie Louis Armstrong, Fletcher Henderson, Duke Ellington oder Sidney Bechet wurde nach der Devise »wer zuerst kommt, mahlt zuerst« vorgegangen und hauptsächlich Material aus den Anfangsperioden dieser Musiker gesammelt. Ist natürlich kein Fehler und macht sich als kleiner Geschichtsunterricht in Sachen Jazz sehr patent aus. Die zwei wohl größten (nicht nur) Vokalistinnen Billie Holiday und Ella Fitzgerald sind auch ganz würdig vertreten. Als Überleitung zum Be Bop steht Tenorkoloß Coleman Hawkins, dann geht es mit Dizzy Gillespie und Charlie Parker und dem damals leider Geheimtipp gebliebenen Thelonious Monk so richtig zur Sache. Bei letzterem haben die Kompilatoren total danebengegriffen. Teile seiner ersten Blue Note-Aufnahmen sind verständlicherweise vertreten, aber aus seiner Riverside-Zeit nur ein Stück zu bringen, das nicht von dem einen erhaltenen Konzert stammt, bei dem John Coltrane sein Saxophonist war (miese Aufnahme zudem), ist schlichtweg eine Frechheit. Es war seine kreativste Zeit; die von diversen Produzenten glattgebügelten, späten Dates für Columbia sind dagegen fast zu vernachlässigbar, hier aber üppig vertreten. Ganz so objektiv geben sich die Industrieriesen in manchen Fällen halt doch nicht. Was kann man machen?
Als Weißbrot werden Benny Goodman und Dave Brubeck gereicht; bon appetit!
Einiges Kopfzerbrechen ist auch bei John Coltrane, Charles Mingus und Ornette Coleman angesagt. Bei Coltrane hat man die radikale Endphase bis auf ein Stück von »Interstellar Space« ausgeblendet, Coleman wird bei »Skies Of America« ärgerlich editiert und Mingus wird ein bischen arg auf seine Impulse-Zeit fixiert. Die Jury braucht wohl auch hier noch ein Weilchen. Verwurschtung funktioniert vielleicht doch nicht immer und überall. Vegetarier entscheiden bitte selber. Im Text nicht erwähnt: Sarah Vaughan, Art Blakey, Count Basie, Lester Young, Sonny Rollins.

Alle CDs: Columbia/Sony oder Verve/Universal

P.S.: Wer waren eigentlich Sun Ra, Cecil Taylor, Pharoah Sanders, Albert Ayler …?