Chaos © Chaos

»Just for Fun«

Die Geschichte des Punk in Österreich kann nicht ohne die Vorarlberger Band Chaos und ihre Ausläufer geschrieben werden. Eine wilde Achterbahnfahrt, aus der leider nicht jeder der Mitwirkenden wieder unbeschadet aussteigen konnte.

In Feldkirch im Vorarlberg steht bis heute das älteste Jugendhaus Österreichs, das Graf Hugo, dies aber seit 2019 an einem neuen Standort. In einem der Räume probten schon 1977 Chy an der Gitarre und Galle auf einem improvisierten Schlagzeug ihre ersten Songs. Sie spielten dort ihr erstes Konzert, nicht im üblichen Sinne, nur zirka 10 Minuten, und Galle verwendete Bongos anstatt eines Schlagzeuges. Bei so einer Probe schaute auch mal der Franz rein, ihm gefiel das so gut, dass er sich eine Gitarre kaufte und auch dazu stieß. Im Februar darauf spielten sie unter dem Namen The Gay mit Kurt Bass, Galle Gesang, Chy Gitarre, Gerd Schlagzeug und Franz Gitarre bereits ihr erstes richtiges Konzert im Graf Hugo. Laut Franz spielten sie über einen Hiwatt-200-Bass und einen DIY-HiFi-Verstärker und haben nur Krach gemacht, dies im Dachstock des Gebäudes. Galle und Slaughter absolvierten beim selben Arbeitgeber eine Lehre als Technische Zeichner und so kam Slaughter am Bass als fixes Mitglied neu hinzu. Sie benannten sich in den kommenden Monaten stetig neu; zuerst The Fear, danach The Knicks, Lobotomy oder Mass Production, zeitweise waren auch Kurt am Bass und der Gerd wieder am Schlagzeug mit dabei. Die Plakate zu diesen Gigs wurden meistens von Galle und Slaughter gestaltet und auf den Druckmaschinen ihres Arbeitgebers ausgedruckt.

Ihr erstes Konzert unter dem Namen Chaos fand am 9. September 1978 im Graf Hugo mit Galle Schlagzeug, Franz Gitarre/Gesang, Chy Gitarre und Slaughter am Bass statt. In dieser Formation und mit ihrem Slogan »Just for Fun« sollten sie in den kommenden knapp zwei Jahren einem breiteren Punk-Publikum ein Begriff werden. Nach weiteren Konzerten im Ländle, sprich Bregenz, Hohenems, Dornbirn und etliche Male im Graf Hugo, folgten die ersten beiden Auftritte in der Schweiz. Dafür gingen Franz und Slaughter ins Niederdörfli nach Zürich und übergaben dort Urs Steiger ein Demo-Tape, das bei einem Gig im Dezember im Graf Hugo entstanden war. So kam es zum ersten Schweizer Gig, oder wie Franz sich erinnern mag … Er hat sich bei Urs Steiger, dem Macher des »No Fun« Fanzines, telefonisch gemeldet und so eine Einladung erhalten. Wie auch immer … Auch erschien umgehend ein kleiner Artikel im »No Fun« No. 14 (Anfang 1979) über Chaos, von Urs Steiger geschrieben.

Chaos-Plakat © Chaos/Lurker Grand

Dä Wahnsinn!
Das erste der beiden Konzerte war am 17. März 1979 mit TNT und Mother’s Ruin im Drahtschmidli, Zürich. Nach dem Konzert wurden sie von Martin Byland angesprochen, ob sie an einer Schallplattenproduktion interessiert wären, ebenso lud er sie ein, bei sich zu übernachten. O-Ton Chy: »Rudolph Dietrich und Martin waren sehr begeistert, wir übernachteten dann auch bei Martin. Am nächsten Morgen telefonierte er mit Etienne Conod vom Sunrise Studio und machte einen Termin für die Aufnahmen klar. Wir fuhren überglücklich nach Hause, praktisch mit einem ›Plattenvertrag‹ und einer ›Gage‹ für einen Gig, die erste Gage, dä Wahnsinn.«

Auf diesem Konzert hat auch der Schreiber dieser Zeilen sie zum ersten Mal getroffen. Ich war auf jeden Fall von den Vieren so begeistert, dass ich sie noch viele Jahre begleiten sollte. Auch bin ich bis heute noch sporadisch mit ihnen im Kontakt geblieben. Kurz darauf spielten sie bei den Roten Steinen im Riethüsli in St. Gallen. Oberhalb der Stadt wohnten die Mitglieder dieser am ganz linken Rand des Spektrums agierenden Kommune in einem Bauernhof mit dazugehörendem Hanffeld. Dort gab es weder Tag noch Nacht, und so traten sie erst nach Mitternacht auf und auch einige Mitglieder von TNT aus Zürich schauten vorbei. Schon an Ostern wurden die drei Songs »Day Doult«, »Get Out Of My Pocket« und »I Don’t Know What You Want« im Sunrise Studio in Kirchberg, St. Gallen an einem Tag eingespielt und am nächsten Tag entstand der Rohmix. Für die finale Abmischung kamen sie nochmals für einen Tag ins Studio. Dies geschah alles unter der Regie von Tonmeister und Studioinhaber Etienne Conod. Die Band hatte schnell gemerkt, wo ihre musikalischen Grenzen liegen. Es war nicht einfach für sie, da sie natürlich ihre Instrumente nicht wirklich beherrschten, doch das Resultat ließ sich hören und es sollte nie mehr bessere Aufnahmen von ihnen geben.

Im Juni erschien dann die Split 12″. Auf der einen Seite Chaos mit den beiden Songs »Day Doult« und »Get Out Of My Pocket« und auf der anderen Seite zwei Songs von der Band The Sick aus Uster, Zürich. Laut Peter Wittwer, einem der beiden Gründer von Off Course, hatte aber der Lastwagenfahrer bei der Ankunft der Lieferung sein Gefährt in der Sonne stehen lassen, somit war ein Großteil der Auflage verbogen und jede Scheibe musste von Hand einzeln kontrolliert werden, viele davon waren natürlich nicht mehr zu gebrauchen.

Kurz darauf spielten die beiden Bands am 6. Juli mit Ratz und Act 1 in der Roten Fabrik in Zürich. Diese beiden Bands sind hier ebenfalls im linken Spektrum und im Dunstkreis der Roten Steine einzuordnen und Chaos erschienen kurz vor zwei Uhr morgens als letzte auf der Bühne und wurden nach zwei, drei Songs aufgefordert, Schluss zu machen. Dies missfiel dem Publikum und natürlich der Band und somit wurde die Bühne besetzt und weitergespielt, bis ihnen der Strom abgedreht wurde (sollte abermals im kommenden Jahr am gleichen Ort passieren). Ein weiterer Gig mit Chaos am 27. Oktober in der Reithalle Oberriet bei St. Gallen blieb mir bis heute in Erinnerung. Das Ganze wurde als Rock-Show angesagt, mit dabei auch eine lokale Rockband mit dem Namen Forum. Im Backstage-Bereich fanden wir für das große Finale des Abends ein bereitstehendes Feuerwerk. Wie nicht anders zu erwarten, konnten wir die Finger nicht davon lassen und mussten danach umgehend und fluchtartig den Ort des Geschehens verlassen.

Festival-Plakat © Lurker Grand

Wechselspiel
Am 2. und 3. November fand das Swiss Punk Now Festival im Gersag Chäller in Emmen bei Luzern statt. Dort traten fast alle Schweizer Punkbands mit Rang und Namen auf. Chaos waren am zweiten Tag dran, aber nur noch zu dritt (Chy machte Dienst für das Vaterland). Die Nacht davor war für Galle zu wild und ihr Auftritt war kurz und grottenschlecht. Franz sollte kurz darauf als Erster aussteigen und im Februar 1980 seine neue Band Le Passepartout mit Paul am Schlagzeug, Mike am Bass und Ralph an der Gitarre gründen. Er konnte seine musikalischen Ideen zu wenig umsetzten, sprich, für ihn stagnierte die Band musikalisch und stetige Reibereien mit Slaughter waren da auch nicht eben hilfreich. In der Zeit von Herbst 1979 bis in den Frühling 1980 hinein sollten sich fast alle hiesigen Punkbands der ersten Stunde auflösen oder mit veränderter Besetzung (teilweise auch Bandnamen) neu orientieren. Die Zeit von Punk war für sie nun vorbei, eine neue Epoche in der Musik und in ihrem Leben sollte beginnen. Nicht aber für Galle und Slaughter, das Duo Infernale, für sie ging es jetzt erst richtig los. Sie sollten ihrem Namen noch viel Ru(h)m erweisen.

Ich brachte mich bei der Band immer mehr ein. Chy war beruflich in einer Druckerei tätig und somit mehrheitlich bis anhin für den visuellen Auftritt der Band zuständig (unter anderem auch für die Beilage bei der 12″). Er übergab mir nun einiges an verschiedenen Bandlogos und gerasterten Fotos. Am 7. April 1980 organisierte ich im Klub Zabi in St. Gallen ein Punk-Festival, dieses mit einem der ersten Auftritte von Grauzone (Ex Glueams) und dem ersten Konzert von Le Passepartout. Des Weiteren spielten KIE-13 aus Basel für Mace aus Dornbirn, die für ihren ersten Auftritt noch nicht bereit waren, Crazy aus Luzern und Chaos als Headliner. Slaughter hatte eine Piratenklappe auf, dies wegen einer Bindehautentzündung im linken Auge, und hatte sichtlich Mühe, so die richtigen Griffe zu finden. Auch die Bullen kamen mehrmals vorbei. Dies wegen Belästigungen unbescholtener Nachbarn, Lärmklagen und auch in einen nahgelegenen Keller wurde eingebrochen. Viel später wurde aus meiner Fiche ersichtlich, dass sie auch an eine Veranstaltung von Anarchisten glaubten. Na ja, waren wir das?

Für Chy, der ein ruhiger und besonnener Zeitgenosse war, war dies nun zu viel des Guten und er stieg bei Chaos als Zweiter aus. Ich meine mich zu erinnern, dass er mir mal gesagt hat, er will einfach überleben und das sei, wenn er bei Chaos bleibe, nicht möglich (irgendwie sollte er recht behalten). Den Gesang übernahm daraufhin Galle und am Schlagzeug stieß ein (noch) ruhiger, schüchterner junger Punk mit dem Namen Uwe neu dazu.

Gerd und Uwe © Chaos

Anarchy in V
Auch an ein Hippie-Festival im Sommer in Dornbirn, wo Chaos aufspielten, kann ich mich schwach erinnern. Die friedliebenden Hippies saßen alle weit entfernt von der Bühne und gingen in keiner Art und Weise auf das Dargebotene von Chaos ein. Gerd Pröll, später bei Mace, heute bei John Peel Club, macht hier seine erste Live-Erfahrung als Sänger bei Chaos und Hedley warf eine Flasche Bier ins Publikum und traf dabei ein Baby am Kopf. Wir mussten da natürlich alle umgehend abhauen, da sich die Hippies aus dem Publikum und die Hells, die als Ordner engagiert waren, in Kampfmaschinen verwandelten, und Chaos waren von nun an im Ländle gebrandmarkt.

Dann am 31. Dezember im Hirschen in Dornbirn. Ich kam mit gut einem Dutzend Punks aus Luzern, Zürich und Güllen dort an. Wir mussten da länger warten, bis Chaos endlich anfangen konnten zu spielen und wir waren dementsprechend genervt. Kurz nachdem sie anfingen zu spielen, machte Slaughter die Ansage, wir sollten den Laden auseinandernehmen. Was wir umgehend auch taten, doch aus einem Nebenraum kam eine Gruppe von Hells Angels, die uns einsammelten und aus dem Lokal warfen. Dieses war in einem oberen Stock und eine Treppe führte nach unten, wo wir dann auch alle landeten. Dies entging natürlich auch nicht den lokalen Bullen und sie waren mit zwei Mercedes-Einsatzfahrzeugen schnell vor Ort, was dazu führte, dass sie ihre Sterne sofort verlieren sollten (bei den beiden Autos) und uns zur Ruhe mahnten, da sie merkten, dass sie stark in Unterzahl waren. Die ganze Nacht durchstreiften nun kleine Gruppen von Punks den Ort und da sollte noch einiges in die Brüche gehen. Ich wurde in der Nacht noch von den Bullen in der Wohnung meiner damaligen Freundin in Dornbirn gesucht. Dort gab es ein Deckenzimmer, wo ich mich mit etlichen anderen Punks versteckt hielt, bis sie erfolglos wieder abzogen.

Anfang 1981 organisierten wir auch ein Punk-Festival im Arbeiterkammersaal direkt neben dem Graf Hugo. Mit dabei zum ersten und auch einzigen Male zwei Punk-Bands aus Wien. Im Schlepptau von Panza waren die Mitglieder von Pöbel mit ihrem Bassisten Lörkas. Pöbel hatten ihre erste und einzige Single »Es lebe hoch die Perversion« mit dabei, die gerade auf Panzas Label erschienen war, und sollten sich kurz darauf auflösen. Lörkas, mein Namensvetter, stieg dann bei den Dead Nittels ein. Chaos, jetzt wieder mit Kurt am Bass, waren natürlich auch dabei. Axel vom Bro Records nahm auf jeden Fall einige der Bands über die PA auf und zwei, drei Songs von Pöbel und Chaos schafften es kurz darauf auf unseren »Attack!«-Sampler.

Chaos ex machina
Aus irgendeinem bescheuerten Grund nannten sich Chaos jetzt neu Ex Chaos. Auch bei Kurt gab es eine Veränderung, er war jetzt auf harten Drogen. Trotz allem oder genau darum wurde weiter zusammen gerauft, gesoffen, geliebt, gespielt und wir organisierten am 14. März mit Le Passepartout, jetzt mit Chy am Bass, Ex Chaos, The Mess (einer weiteren neuen Punkband aus dem Ländle) und F.D.P. aus Zürich zusammen im Jugendhaus Graf Hugo ein weiteres Festival. Mit der Neubesetzung durch Kurt am Bass und Uwe am Schlagzeug näherte sich die Band dem kompletten Chaos und Wahnsinn. Ihren zweifelhaften Ruf im Ländle hatten sie bereits so zementiert, dass er ihnen bis nach Zürich vorausgeeilt war. Ex Chaos konnten jeden Konzertveranstalter schon mit ihrer physischen Erscheinung abschrecken, sodass sie nie und nimmer mehr gebucht wurden.

Am 5. April 1981 gastierten Poison Girls (UK), Little Annie (US) und F.D.P. in der Roten Fabrik in Zürich. Organisiert wurde der Abend von RecRec und Jamarico. Ich sprang nur zu gerne für die Ex Chaos in die Bresche und vermittelte sie ebenfalls für diesen Abend, auch mit dem schelmischen Hintergedanken, die »Hippies in Schwarz«, wie wir Punks die Leute in der Roten Fabrik nannten, mal echt auf die Probe zu stellen. Und wie bringt man genau solche Leute, damals wie heute, so richtig auf die Palme? Mit faschistischen Symbolen, welche schon die Punks 1976 in England verwendeten und damit gehörig provozierten. Nun waren Ex Chaos dran, es ihnen gleichzutun. Das Ganze in der Frühphase der »Roten« Fabrik und als Vorgruppe von den Poison Girls, einer Band aus dem Anarchisten-Umfeld von Crass. Das war den Jungs von Ex Chaos aber sowas von egal. Kurt trug an dem Abend ein rotes Hakenkreuz-T-Shirt wie einst Sid Vicious, während sich Galle als Frontmann eine Armbinde umgebunden hatte. Alles in allem sicher nicht gerade originell, aber im Sinne von Ex Chaos halt sehr effektiv. Denn kaum waren sie auf der Bühne, schwappte ihnen eine gehörige Hasstriade von einem Teil des Publikums entgegen. Als Antwort ließ Galle kurz die Hosen runter, exponierte seinen Penis und schrie in seiner gewohnten Manier einfach zurück. Dies machte die Mehrheit der Zuschauer für einen kurzen Moment mundtot und sie legten los. Es dauerte aber nicht lange und der Veranstalter beschloss, ihnen den Strom abzustellen, womit es von »unserer« Seite bereits vorbei war. Doch die Lunte brannte und der Anlass sollte seinen unseligen weiteren Verlauf nehmen.

Ex Chaos hatten sich zwischenzeitlich aufgelöst. Laut Slaughter ging es für ihn einfach nicht mehr. Er hatte die Schnauze komplett voll. Zuerst ging er nach Wien, hatte nach zwei Wochen aber da schon wieder genug, dann für eine Zeit nach Zürich, wo er im AJZ auf einem schlechten Trip hängen blieb. Er war danach drei Monate in der Valduna (Nervenheilanstalt) in Rankweil. Galle gründete jetzt Null Komma Nichts (NKN). Weiter mit dabei Uwe und neu Skok an der Gitarre und Doc Pille am Bass, zwei Punks aus Rankweil, die seit Kurzem in der Szene waren. Das nächste Punk-Festival im Graf Hugo wurde am 30. Jänner 1982 organisiert. Aus dem Ländle waren die frisch gegründeten NKN und Einbahn aufgeboten, aus der Schweiz R.A.K, C.I.A. und Dogs of War. Galle lief zu Hochform auf, er war der Star des Abends, mit schwarzem Zylinder und in weißen Long Johns. Zum ersten Mal spielten sie ihre neuen Songs vor einem dankbaren, wild pogenden Publikum. Laut Disco war auch ein weiterer Auftritt von NKN sehr lustig, dies bei einem Talentwettbewerb in der Diskothek Sender in Lustenau: »Wir begleiteten die Band mit einer stattlichen Abordnung, als NKN an der Reihe waren, ging es gut ab in der Disco. In der Jury war unter anderem auch der ehemalige österreichische Skifahrer Werner Grissmann, den Galle zwischen den Songs ständig als Werner Wixmann derb beschimpfte. Umgehend nach dem Auftritt wurden wir alle rausgeworfen. NKN sind beim Talentwettbewerb leider ausgeschieden.«

Attack!
Axel, seit 1973 Geschäftsführer beim unabhängigen Schallplatten Laden Bro Records in St. Gallen, und ich gründeten jetzt Teufelskraut Ltd. mit dem Ziel, einen Punk-Sampler zu veröffentlichen und weiter Konzerte zu veranstalten. Sein Laden war schon länger samstags DER Treffpunkt der Güllner und Vorarlberger Punks schlechthin und ich arbeitete für eine kurze Zeit auch bei ihm samstags im Laden. Zuerst kam 1982 die Platte: Der »Attack!«-Sampler mit der Beteiligung von Schweizer und Österreichischen Punkbands. Bands, welche wollten, konnten nun im Mai ihre Songs live in einem Studio einspielen. NKN machten dies in einem Take im Studio in Niederteufen bei Viktor Waldburger. Davon wurden vier Songs auf dem Sampler verewigt: »Dokument«, »Der Weisse Rum«, »Vorspiel«, Schamlos« und »Tätärätätä«. Ebenso schafften es auch noch zwei ältere Live-Songs von Chaos, »Typenreiniger Blues« und »Töten macht Spaß«, auf den Sampler.

Wir organisierten nun weitere Konzerte, dies meistens mit Beteiligung von NKN, z. B. spielten am 12. September unter dem Motto »Live Punk From Five Countries« in der Kulturfabrik Wetzikon: Insane aus Wigan/England, Napalm aus Hamburg, Micky und die Mäuse aus dem Raum Zürich, sprich Entenhausen, Negativ aus dem Raum Basel und NKN. Oder unvergesslich am letzten August-Sonntag (28.) 1983 das absolut verrückte Punk-Festival mit den beiden St. Gallener Bands Adonaï und Wir Kinder vom Bahnhof Klo auf dem Gelände der noch nicht fertig gestellten Stadtautobahn in Güllen.

Hierzu gibt eine Vorgeschichte von meiner Seite. Tunnels faszinieren mich, und eines Abends ging ich mit einigen Punk-Kumpels auf das Gelände der Baustelle. Dort stand auch ein Bauwagen und in diesen brachen wir ein und fanden den Schlüssel für das Eingangsportal. Mit herumliegenden Baulatten, die wir mit Plastikabdeckung umwickelten und so zu Fackeln umfunktionierten, stießen wir von ganz im Osten der Stadt bis zum Westen vor. So entstand die Idee, am Ostportal ein Punk-Festival zu organisieren. Axel kümmerte sich um die Bewilligung von Vater Staat und unter dem Slogan »Surfin’« vor dem Tunnel Eingangsportal Ost wurde es Realität. Mit dabei waren abermals Insane aus England, Nichtsnutze und NKN. Laut Gary von Abgas (Kreuzlingen/Konstanz) dauerte es ewig, bis die Anlage bereitstand, und sie spielten als erste Band in der prallen Sonne schon am Nachmittag, dies vor fast keinem Publikum. Dieses bestand mehrheitlich aus Freaks und unterschiedlichen Punk-Fraktionen und es kam während des Festivals zu etlichen bösen Schlägereien, doch alle Bands konnten ihr Set zu Ende spielen. Die Bands wurden von Tom abgemischt/aufgenommen und Galle veröffentlichte vermutlich diese Aufnahmen (obwohl September 1983 auf seiner Kassette vermerkt), die kompletten Live-Studioaufnahmen von 1982 von Niederteufen und noch einer Live-Version vom Song »Der Weisse Rum« vom Gig im Jänner 1982 im selben Jahr als Kassette mit 23 Songs.

Chaos © Chaos

Das Ende
Was danach mit den einzelnen Bandmitgliedern passierte, kann ich alles zeitlich nicht mehr so richtig einordnen. Auch verließ ich die Schweiz 1984 nach New York und war nun nur noch ab und zu in CH oder Vorarlberg. Laut Disco ist das passiert, was sich mehrheitlich auch in der Schweiz abspielte: »Ab 1983/84 bekamen wir dank Lilo (der Wirtin) im Café Neustadt (in diesen Jahren eine heiße Rotlichtkneipe) unser neues Hauptquartier. Zuerst hatten wir nur unseren großen Tisch im Lokal, weil wir immer mehr wurden, stellte uns Lilo einen angrenzenden Raum mit eigener Musikbox zur Verfügung. Als dann das Heroin 1985/86 immer mehr meiner Kumpels zu Zombies machte, war das nicht mehr meine Sache. Ich habe zeitgleich Hardcore für mich entdeckt, aber das ist eine ganz andere Geschichte.«

Galle hat irgendwann NKN aufgelöst. Er (wieder Schlagzeug) und Slaughter (neu Gitarre) gründeten danach die Boyfriends, dies zuerst mit Bernd (Bruder von Slaughter) am Bass. Dieser blieb aber nicht lange und ging nach Südkorea und wurde nun von Huri am Bass ersetzt. Wir von Teufelskraut (war für eine kurze Zeit wieder in der Schweiz) organisierten mit Disco am Samstag 31. Mai 1986 das große Punk-und-Rock’a’Billy-Festival in der Remise in Bregenz. Neben den Boyfriends und Trixy Chicken, beide aus dem Ländle, spielten auch Jolly Roger und abermals Normahl (schon im Jahr davor in der Grabenhalle) aus der BRD. Headliner war die Neo-Rock’a’Billy-Band Batmobile aus Holland (eine Videokassette mit Live-Ausschnitten von Batmobile erschien bei Teufelskraut). Laut Axel gingen wir mit unseren Kräften an die Grenzen des Möglichen. Fix und fertig sind wir um fünf Uhr morgens mit der ganzen Kohle von den Eintritten in die Schweiz zurückgekehrt.

Im Frühling 1987 war ich abermals für eine kurze Zeit zurück in der Schweiz und stieg bei Micky und die Mäuse aus Zürich als Sänger ein. Wir nannten uns dann neu Geekstompers und probten in einem von uns besetzten Raum hinter dem Tresen in der Aktionshalle in der Roten Fabrik. Am 15. Mai dann das absolute Highlight, Bad Brains aus Washington D.C. waren wieder auf Tour (am 28. Mai 1983 waren sie zum ersten Mal in der Schweiz und spielten mit R.A.K und Micky und die Mäuse in der Roten Fabrik einen hammermäßigen Gig) und gaben jetzt je einen weiteren Gig in Zürich im Z33 und in der Grabenhöhle. Wir plakatierten rund um den Bodensee riesige selbstgedruckte Siebdruckplakate. Die Kraft, die diese Band umgab, fuhr uns schon bei Ankunft der Roadcrew in die Knochen. Sie brachten eigene Boxentürme, beim Soundcheck flattern uns die Hosenbeine. Die Halle war so voll, dass die Leute eingeklemmt waren und sich kaum bewegen konnten. Die Glatzen (Skinheads) Belästigungen nahmen stetig zu. Die Konzerte wurden trotz vielen Besuchern immer defizitärer. Die Motivation der führenden Leute sank ab und das Ganze verlief sich.

Slaughter 2019 vor dem Musikladen, Feldkirch © Karl Müllner

Was bleibt
Vor der Gründung der Boyfriends hatte Galle sich bei der Bahnhofstraße in Feldkirch (im Suff) auf die Straße gelegt und wurde von einem Motorrad in der Halsgegend überfahren. Er überlebte und ich hab’ ihn später noch ab und zu total hinüber mit einer Goofy-Hut-Maske (kein Scheiß) da und dort in Vorarlberg angetroffen. Zum Schluss war er noch Sänger bei der Band 1996 Tears, dann starb er 1998 im Krankenhaus, wo Michael, ihr Schlagzeuger, arbeitete. Uwe (Mutter aus Feldkirch, Vater Holländer) wurde wegen irgendwelcher Delikte aus Österreich ausgewiesen, ich glaub’, er hatte keinen österreichischen Pass, sondern einen holländischen. Tauchte dann in der Szene von Haarlem wieder auf. Disco hat Uwe zweimal in seiner geerbten Wohnung in Haarlem besucht, einige Jahre vor seinem Tod im Jahr 2006, gab er noch ein Konzert mit seiner holländischen Band Teenage Tits im JUZ Between in Bregenz. Er hinterließ eine Tochter (Ivy). Kurt und Pille haben sich unabhängig voneinander vor den Zug geworfen. Slaughter gibt es bis heute noch. Er lebt noch immer in seinem Geburtshaus, wo sich im Keller natürlich ein improvisierter Übungsraum befindet. Er hat sich über längere Zeit (in den 2000ern) als Geschäftsinhaber von Hanfland Shops in Dornbirn und Feldkirch in Vorarlberg einen »Namen« gemacht (da gehen wir jetzt nicht genauer darauf ein). Er taucht ab und zu mal wieder in der Grabenhöhle in St. Gallen, im Sedel in Luzern oder Dynamo in Zürich auf einem »Oldschool« Punk Gig auf, sprich, sicher bei jedem von UK Subs.

Im Juni 1982 erschien bei Off Course noch das Le-Passepartout-Album »Paradoxa«. Ich verzeichne noch einen Gig am 7. Jänner 1983 mit Eiger Nordwand im Houdini im Theater/Kino Walche in Zürich. Auch spielten sie laut Chy als Vorgruppe von Andreas Dorau im Volkshaus, Zürich. Danach tauchte Franz bis heute in Wien auf (er selbst weiß nicht mehr genau, ab wann) und machte mit Le Passepartout weiter. Anfangs abermals dabei Paul Winter, ihr Keyboarder, der nun ebenfalls in Wien studierte, und einem neuen Line-up. Später noch mit FM4-Mitbegründer Fritz Ostermayer am Keyboard. Sie gaben im Raum Wien noch etliche Konzerte und 1987 veröffentlichten sie ein Live- Album. Bis heute ist er der einzige von allen Chaos Mitgliedern, der konsequent bei der Musik geblieben ist, seit Längerem mit seiner aktuellen Band Ich Bin Zu Dritt. Chy spielte danach eine kurze Zeit abwechselnd als zweiter Bassist oder Gitarrist bei Billion Bob aus Dornbirn. Danach gründete er seine eigene Band The Yeomen (da gibt es zwei Songs auf dem Vorarlberger Sampler »Here They Come« aus dem Jahr 1988) und deren vier Konzerte, eines als Vorgruppe von Miracle Workers im Spielboden in Dornbirn, bevor er seine Bandbiographie (fast) beendete. Seit gut zehn Jahren lebt er in der Nähe von Stuttgart. Und das alte Graf Hugo? Dies musste Ende 2018 an seinem Standort schließen und tat dies mit einer Ausstellung unter dem Titel »45 Jahre Graf Hugo – Punk und Pädagogik«. Ja, genau! Punk und Pädagogik!

Im Jahr 2010 veröffentlichte Panza auf seiner ultimativen Box »De Guade Oide Zeit« in einer Auflage von 1.200 Exemplaren den nie veröffentlichten Studiosong von Chaos »I Don’t Know What You Want« (leider war das Band leicht beschädigt) und 2019 Elmar von Bachelor Records die beiden Songs »Day Doult« und »Get Out Of My Pocket« abermals in einer 7″-Vinyl Auflage von 300 Exemplaren. Im Frühling 2021 kommt diese abermals in einer Zweitauflage wegen großer Nachfrage. Im Nachhinein gab es kaum ein Konzert, das die Bandmitglieder von Chaos, danach auch bei Galle und Slaughters Nachfolgebands, je ganz zu Ende spielten, manchmal sind sie nicht mal aufgetaucht, haben sich auch gegenseitig auf der Bühne angemacht und verprügelt. Chaos war einfach Programm, für etliche ihrer Mitglieder führte dies zu einem frühen Tod. Ihr Slogan »Just for Fun« ist mir bis heute in den Ohren geblieben.

Lurker Grand steht für Punk seit 1977. Sänger bei Nitro und Geekstomers. Macher des Fanzines »Rofä«. Bis heute Konzert-, Ausstellungs- und Event-Veranstalter, Labelinhaber (Teufelskraut damals und Swisspunk heute) und Buchautor, unter anderem der beiden Standardwerke »Hot Love – Swiss Punk & Wave 1976–1980« und »Heute und Danach – The Swiss Underground Music Scene of the 80’s«. Begleitete die Mitglieder von Chaos von 1979 bis 1984 und pflegt bis heute die Swiss-Austrian-Punk-Freundschaft.

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