Jlin

»Autobiography«

Planet Mu

Was folgt auf Jlins Top-2017-Album »Black Origami«? Besonderheiten noch und nöcher! Es dräut die »1st Overture (Spiritual Atom)«. Interstellares Dasein nach dem Kollaps von Planet Erde? Jedenfalls durchmisst dieser Eröffnungstrack Raum und Zeit und lässt galaktisch anmutende Soundsprengsel rieseln, ehe doch die verheißungsvolle Footwork-Futurismusroute eingeschlagen wird. Etwa auf »First Interlude (Absence of Measure)« wo zunächst geheimnisvolle Glockenklänge auf perkussives Klingeln treffen und gegen Ende Maschinengeräuschdrones, die Erinnerungen an Jlins einstigen Arbeitsplatz in einer Stahlfabrik in Gary hochkommen lassen. Diese Industriestadt im US-Bundesstaat Indiana, unweit Chicago, ist immer noch Jlins Rückzugsort, wo die Afroamerikanerin sich Zeit nimmt, atemberaubend neu klingende Sounds zu erschaffen. Diesmal hat sie die Musik für »Autobiography«, ein Werk für Wayne McGregors Dance Company, ausgeheckt. »Permutation« ist nach dem zuvor mit Timescratching erfolgten Juke-perkussiven »Mutation« ein Track, der mit tänzelnden Synthmelodien überrascht. Überhaupt sind die exzellenten Drumrolls eine Spezialität von Jlin. Gleichsam eine perkussive Armada in »Kundalini«, wo sich reduzierte Brasssamples ebenso dazugesellen wie kurze, breitwandig aufmuckende Synthflächen. Der Musik ist anzumerken, dass es sich um eine Auftragskomposition handelt, und wieder einmal hebt Jerrylinn Patton ihre Sounds auf eine neue Ebene. Diesmal auf eine hochkulturelle. Messianʼsche Vogelgeräusche zeugen von Gestaltungskraft, denn »Anamnesis (Part1)« klingt schon eher nach zeitgenössischer E-Musik, auch wenn im darauffolgenden »Blue i« doch wieder die Kurve in die Zukunft von Footwork gekratzt wird. Die Richtung ist offen. In diesem Fall fühlt der Hörer sich an Jungle bzw. DrumʼnʼBass-Sounds erinnert, die mit Leichtigkeit in sich schwerelos ziemende galaktische Bahnen abheben. »Second Interlude (The Choosing)« ist das finale Outro und gesellt bedächtig gesetzten Pianotupfern eine gespenstische, industrialized Soundkulisse bei, wo sich dank traurig-schöner Streicherarrangements eine prächtige Zukunft auftut. Oh, es wurde noch gar nicht erwähnt, dass »The Abyss of Doubt« der beklemmendste Footwork-Track 2018 ist. Die Bässe und Geräusche geraten außer Rand und Band und eine weibliche Angststimme und Schreie verkörpern eindringlich den horriblen »Abgrund des Zweifels«! Hard to dance to!

Die »Autobiography«-Performances der Company des britischen Choreographen Wayne McGregor waren bereits in Berlin und Hamburg zu erleben. Im Oktober performt Jlin live am Unsound Festival in Krakau. Das Donaufestival oder die Wiener Festwochen sollten den Anschluss an internationalen State of the Art nicht verlieren!