In The Mix: Love Is The Message & The Message Means War

Oder: »Du hast die freie Wahl, unter der Bedingung, dass du die richtige Wahl triffst.« Terre Thaemlitz& Slavoj Žižek im imaginären Zwiegespräch.
Ein politisches (Sound-)Philosophicum.

Die Ordnung [der Musik] simuliert die soziale Ordnung, ihre Dissonanzen drücken Marginalisierung aus. Jacques Attali: »Noise. A Political Economy of Music«
Data:
Terre Thaemlitz beschäftigt sich seit Jahren mit Fragen nach der (digitalen) Trans-/ Gender-Identität von (elektronischer) Technologie (sind vor dem Computer/ der Musik-maschine wirklich alle, egal ob weiß oder schwarz, männlich oder weiblich, queer oder straight, gleich oder ist das nur eine idealistische Konstruktion unter Auslassung repressiver Rahmenbedingungen), gründete 1992 in New York das Label Comatonse und das Produktionsstudio Meow, das später von Tokyo nach Kawasaki verlegt wurde. Meow ist ein Bündelungsfokus für Zukunftssignale und Prix-Ars-Electronica-ausgezeichnete Soundsoftware wie AudioSculpt (IRCAM), Hyperprism oder Csound.ppc.
Slavoj Žižek begründete in den 80er Jahren die slowenische Lacan-Schule, war mit der Band Laibach/ Neue Slowenische Kunst eng verbandelt, kandidierte 1990 bei den Präsidentschaftswahlen der Republik Slowenien und gilt zu Recht als einer der »innovativsten und originellsten Theoretiker der Gegenwart« (Suhrkamp Verlag). Gegenwärtig leitet er ein Forschungsprojekt zum Thema »Antinomien der postmodernen Vernunft«.

1. One World. One Love. One Vision.

»Love« als Leitbild, als »Herz« der »New World Order«. Als Bauchgefühl, das Hand und Hirn zusammenführt. »Love is a Battlefield«. »Liebe ist katastrophal«. Genauer: Liebe braucht ein Schlachtfeld, ein Ölfeld. Aber auch einen Körper als Feld von Möglichkeiten (ethnischen, geschlechtlichen, sexuellen, politischen, ökonomischen). Terra Incognita/Terre Blanche. Vornamen sind kein Zufälle. Der Universalismus westlicher Prägung und Dominanz als ideologisches Naturgesetz auch nicht. Deshalb fragt auch Terre Thaemlitz im Booklet zur aktuellen CD »Lovebomb« schlicht und entwaffnend: »Wenn Liebe wirklich universell sein soll, warum sind die Erwartungen der Einzelnen rund um die Partnerschaft so spezialisiert?«
Eben weil »One Love« wortwörtlich genommen »One Vision«/»Gebt mir ein Leitbild« bedeutet. Eine Diktatur im Zeichen von »Love« ist immer noch die totalitärste und am meisten bejubelte gewesen. Nicht nur weil Moral und Politik verwechselt wurden, sondern »das Gefühl«/»die Emotion« zum Primat einer Ideologie erhoben wurde, bei der Kopfweh und Bauchweh die Plätze tauschten um das Konzept »Ideologie« als »Post-Politik« zu entsorgen.
»Liebe«, so Thaemlitz, »ist weniger ein Gefühl als vielmehr eine Gleichung von kontextuell spezifischen kulturellen Variablen.« Diese Variablen gilt es nun aber zu unterscheiden. Und zwar innerhalb der jeweiligen Kultur, aber auch – wie von Walter Benjamin eingemahnt – bezüglich ihrer Funktion, ihres Funktionierens innerhalb der Kämpfe auf dem(den) Feld(ern) des Politischen. Daher insistiert Slavoj Žižek in seinem aktuellen Buch »Die Revolution steht bevor. Dreizehn Versuche über Lenin« (edition suhrkamp) auch darauf, besondere Vorsicht walten zu lassen, um »die herrschende Ideologie nicht mit der Ideologie zu verwechseln, die zu dominieren SCHEINT.«
Die herrschende Ideologie braucht ihr eigenes Phantom als dominante Scheinhege-monie, damit sie in Ruhe ihren eigentlichen Geschäften nachgehen kann. »Liebe« ist in diesem Zusammenhang dann wirklich die »größte Kraft, die alles schafft« (wie Laibach als 300.000 Verschiedene Krawalle einst sangen), wenn sie den sichtbaren Schein und das versteckte Sein hegemonialer Ideologien zur Deckung bringt. Wer im Namen der/von Liebe handelt, kann im Kern nicht Böse sein. Es sei denn, die Umstände ließen keine andere Wahl zu. Wobei es ganz klar ist, dass diese Umstände (als wortwörtliche »Fremdkörper« – Juden, Araber, Ausländer, Frauen, Schwule, Lesben, Schwarze, Aliens) immer von Außen auf das innere Gute/ die Liebe einwirken.

When fighting culture with culture you realize there’s a thin line between the elegance of poignant regurgitation and vomit. But fear brings on wrinkles, and you’re not just another mess in a dress or tomboy with no toy. You are an Amazon warrior who wears the foundation of the future on your face.
»Manifesto«, Miss Take aka Terre Thaemlitz

Wenn Thaemlitz nun sagt: »Ein Schlüsselelement der Liebe ist die Rechtfertigung der Gewalt«, geht es nicht nur um »Gewalt in/ innerhalb der Familie« (mit bezeichnenden Megaeruptionen gerade um »Das Fest der Liebe« herum). Es geht ja auch nicht um Liebe als Auslöser von Gewalt (Mord aus Leidenschaft, Eifersucht, etc.). Es geht bei Thaemlitz um Liebe als Rechtfertigungs-Ideologie/ Religion für Gewalt gegen »die anderen«. Also gegen jene, denen unterstellt wird nicht zu lieben, sondern zu hassen. Und was hassen »sie«? Klar »uns«, die selbsternannte »Achse des Guten«, auch wenn nicht alle Team-spieler die »Achse des Bösen« gleich einschätzen und beurteilen. Liebe als präventiver »First Strike« versus Liebe als Selbstmordattentat. Amerikanische Kinder mit Fahnen und George-W.-Bush-Bildern versus irakische/ palästinensische Kinder mit Fahnen und Saddam-Hussein/ Arafat-Bildern. Kultur versus Un-Kultur. Wobei »Kultur« hier (erneut) als »gesunder Menschenverstand«, als »gesundes Volksempfinden« ins Feld geführt wird. Soviel Cyberkrieger und Computertechnologie kann es gar nicht geben, dass damit nicht auch an der Humanisierung von Krieg qua Entmenschlichung der Teilnehmer gearbeitet wird. Wenn Cyberkrieger vom »sauberen Krieg« und Cyberkapitalisten wie Bill Gates vom »reibungslosen Kapitalismus« qua Cyberspace sprechen, dann meinen sie prinzipiell und strukturell das selbe. »Das wirklich Grauenhafte an dem Motto »reibungsloser Kapitalismus« [bzw. »sauberer Krieg«, Anm.]«, so Žižek, »ist die Tatsache, dass die tatsächlichen »Reibungen« (…) unsichtbar und in die Unterwelt außerhalb unseres »postmodernen« postindustriellen Universums verdrängt werden.«
Kollateralschäden heißt das dann und schließt (zufällig) mitzerbombte Infra-strukturen ebenso ein wie die Diskreditierung der Antiglobalisierungsbewegung als Teil des »internationalen Terrors« bzw. verlängerter, nomadischer Seitenarm der »Achse des Bösen«.
Nun betont Thaemlitz aber gerade die Dekonstruktion bzw. historisch-materialistische Analyse dieses »reibungslosen Kapitalismus« und des mit ihm/durch ihn verbundenen und auch so definierten Cyberspaces mittels Computersoftware. Nur eben nicht als simples gegen den Strich lesen, gegen/ ohne Gebrauchsanweisungen arbeiten. So ist auch der ganze »Genderkomplex« bei Thaemlitz nie losgelöst von dem, was Žižek »die gesellschaftliche Totalität« nennt und womit er die »Problematisierung der politischen Form des Kapitalismus (der liberalen parlamentarischen Demokratie)« meint.
Schon Thaemlitz‘ Kraftwerk-Diskurs »Die Roboter Rubato« (Mille Plateaux, 1997) ging weit über »die schwulen Aspekte bei Kraftwerk« hinaus und erweiterte den zuvor von Laibach getätigten Kraftwerk-Diskurs um Ethnizität und Nation durch Gender- wie Cyperspace-Aspekte (letztere fehlten bei Laibach ja noch total). Der Bezug auf Kraftwerk (und zwar nicht nur in der Kodwo Eshun’schen Lesart als »Mississippi Delta von Detroit Techno« hinaus) sowie Žižeks leninistische Perspektive ermöglichen nun auch Aussagen zu Techno im allgemeinen. So schreibt Žižek über die russische Avantgardekunst der späten 1920er und frühen 1930er Jahre: »Das Menschenbild bei Eisenstein, Meyerhold, in der konstruktivistischen Malerei usw. betont die Schönheit seiner/ihrer mechanischen Bewegungen, seine/ ihre radikale Depsychologisierung. Was im Westen als ultimativer Alptraum des liberalen Individualismus wahrgenommen wurde, als ideologischer Kontra-punkt zur »Taylorisierung«, zur Fordschen Fließbandarbeit, wurde in Russland als utopische Aussicht auf Befreiung gepriesen.«
Abgelöst wurde diese Ideologie durch den Stalinismus, bei dem wieder der »gesunde Menschenverstand« als (Kunst-)Kriterium etabliert wurde und der sich selber als, »Sozialismus mit menschlichem Antlitz« sah (was auch Propagandafilmaufnahmen ermöglichte, die einen vor Tränen gerührten Stalin zeigen, der Geschenke von Kindern entgegennimmt).
Und gilt nicht genau dasselbe für elektronische/ technoide Musik, die statt auf den Mensch/ Maschine-Diskurs auf den »menschlichen Faktor« (das autonome Subjekt, die menschliche, nicht-akusmatische, also mit einem konkreten Körper verbundene Stimme, etc.) setzt? Ist »Techno mit menschlichem Antlitz« nicht eine der totalitaristischsten Musiken ever? Wie faschistisch sind »Love«-Samples bzw. können sie sein, wenn die ihnen zugrunde liegende Ideologie nicht das hat, was Žižek nicht näher erläuternd »innere Größe« nennt, womit er wohl grundsätzlich Befreiungsideologien sowie ihre utopischen Momente meint?
Es verwundert daher auch nicht, wenn Thaemlitz feststellt: »Der »global dancefloor«. Was für ein unsinniger Gebietsanspruch. Wie jede andere Nation verwendet die House Nation ein Sperrfeuer von »Love«-Samples zur Übertönung von Abzockerei, faulen Geschäften, Veruntreuungen, Ausbeutung, Drogen und organisierter Kriminalität. (…) Das Streben nach befriedigenden Visionen geht einher mit einem Akt gefangen nehmender Verderbtheit. Der ohrenbetäubende Appell der Klubszene – »love one another« – kann nicht von der gedämpften Atmosphäre der Geschehnisse hinter verschlossenen Türen getrennt werden.«
Was nicht nur, die auch von Exekutive immer wieder ins Rennen geschickten, gefährlichen Clowns und bösen Leutnants im Clubland und auf den Dancefloors meint. Gerade weil Thaemlitz sozusagen von diesem Platz aus spricht (siehe auch der housige Bonustrack »chng yourlove«) meint diese Kritik einen De-facto-Totalitarismus, der (wie schon zuvor bei Disco) im Zeichen von scheinhegemonialen kosmopolitischen Race-/ Gender-Grenzauflösungen und Transformationen zum dominanten Sound eines »global dancefloor« geworden ist, der immer mehr produziert und dabei immer homogener klingt. One World. One Love. One Vision.

2. »You Gave Love A Bad Name« (Bon Jovi)

Thaemlitz: Der Prozess der Partnerfindung selbst ist nicht so sehr eine Suche nach der richtigen Person wie eine Ausschließung der Vielen.
Žižek: Ich liebe dich nicht, weil ich dein Äußeres so attraktiv finde, sondern im Gegenteil, ich finde dein Äußeres so attraktiv, weil ich dich liebe und dich daher mit einem liebevollen Blick beobachte. Folglich ist die ganze »Fülle« der positiven Merkmale, die ich in der geliebten Person bewundere, ein Platzhalter für die »Leere«, die ich tatsächlich liebe, selbst wenn du sie alle verlieren würdest (die positiven Merkmale), würde ich dich immer noch lieben.
Thaemlitz: Der Mythos der »universellen Anziehungskraft« der Shakespeare’schen Romanze liegt nicht in ihrer Preisung der Liebe, die innerhalb des Sturms blüht, sondern in der Tragödie der Freiheit, die innerhalb der kulturellen Voraussetzungen der Liebe niemals realisiert werden kann.
Žižek: Wahre Liebe ist sich selbst genug, Sex wird irrelevant durch sie, aber genau deswegen, weil er »im Grunde nicht zählt«, können wir ihn ungehemmt genießen, ohne den Druck irgendeines Über-Ichs.
Thaemlitz: Partnerschaften in der westlichen Welt – der selbsternannten Bastion des Egalitarismus – bewegen sich auch weiterhin um Ausgrenzungen aufgrund der Hautfarbe, der Klasse, des sozialen Status und – die am weitesten eingeleitete und am wenigsten hinterfragte Ausgrenzung von allen – von Gender. (…) In den meisten Kulturen stellt die Ankunft des Immigranten, wie die jedes Liebhabers oder Familienmitglieds, sowohl eine bedrohliche Zerstörung des Selbst als auch die viel versprechende Schaffung einer neuen sozialen Gruppe dar.
Žižek: Besteht das authentische Werk der Liebe nicht darin (…), dass ich am Abbau dieser Grenzen arbeite und mich unmittelbar an den ausgeschlossenen leidenden Anderen wende.
Historisch-materialistisch gesprochen: »Die verbreitete Annahme, dass Kulturen Rituale wie etwa die Heirat als Ausdruck der natürlichen Liebesfähigkeit der Menschen entwickeln, ist in Wirklichkeit eine nachträgliche Inversion der ideologischen Funktion der Liebe als Ausdruck der grundlegenden sozialen Prozesse einer Kultur.« (Thaemlitz)

3. »Love, War, Kill, Hate« (Public Image Limited)

Das Böse steckt gerade in jenem Blick, der überall um sich herum das Böse sieht. Intoleranz gegenüber dem Anderen steckt gerade in jenem Blick, der überall um sich herum intolerante aufdringliche Andere wahrnimmt.
Slavoj Žižek

Ich kann noch immer nicht hinwegkommen über die Ausschüttung von liebender Anteilnahme der US-Öffentlichkeit über Menschen, die emotional und körperlich durch die terroristischen Ereignisse eines Septembermorgens traumatisiert sind, im Kontrast zu der Missachtung des emotionalen und körperlichen Traumas, das aus langfristigen Operationen wie den nächtlichen US-amerikanischen Bombardements von Städten im Irak über Monate hinweg entsteht, durch dieselbe Öffentlichkeit.
Terre Thaemlitz

Es ist klar, dass es in einem »sauberen Krieg« nur »unsichtbare« Opfer gibt. Wie es in einem »unsichtbaren Krieg« (den die USA ja schon länger führen) gleich gar keine Opfer gibt.
Nun stellt aber Žižek die weniger blasphemisch-provokante als durchaus logische Frage: »Hätte die amerikanische Armee nach dem Anschlag von Oklahoma nicht die USA selbst bestrafen sollen, da die Vereinigten Staaten diesen Terroristen ja gewissermaßen »Zuflucht bieten««?
Die USA sind sonst auch nicht (immer) so zimperlich, wenn es darum geht im eigenen Land aufzuräumen. Da muss erst gar nicht verschwörungstheoretisch mit dem rechten Auge nach Waco geschaut werden. Hat doch die US-Nationalgarde (aber nicht nur sie) schon öfters eindringlich bewiesen, dass es kein wirklich großes (»moralisches« wie logistisches) Problem ist, etwa ganze Häuserblocks mit mutmaßlichen Black-Panther-AktivistInnen (und deren Kindern) von Hubschraubern aus zu beschießen und zu bombardieren.
Die USA haben schon immer »Kriege innerhalb der jeweiligen [ihrer] Zivilisation« (Žižek) geführt. Thematisiert auch in Filmen wie »Deliverance«, »Southern Comfort«, »2000 Manicas« oder auch »Rambo«, wo die Gefahr, »das/der absolut Andere« im eigenen Land (als Cajuns, als Südstaaten-Zombiesoldaten back from the Grave, von all den »jugendlichen« Killern im Horrorkino der 70er/80er Jahre – »Halloween«, »Friday The 13th« – sowie dem Komplex »Wir wohnen auf einem alten Indianerfriedhof« ganz zu schweigen).
Der 11. September 2001 kann und muss daher auch als radikaler Wechsel, wenn nicht sogar Bruch, zwischen phantasmatischen/ phantasierten und traumatischen/ traumati-sierenden Bildern und Images betrachtet werden. Dazu Žižek: »Das Unvorstellbare, das sich hier ereignet hat, war ein Gegenstand der Phantasie, so dass Amerika gewissermaßen genau das widerfuhr, wovon es phantasiert hatte, und genau das war das eigentlich Überraschende.«
Dazu kommt, dass sich diese Phantasie hauptsächlich aus einem Kalte-Krieg-Reservoir bediente (bis hinauf zu »Independence Day«), bei dem sämtliche Science-Fiction-Aspekte nichts mit Zukunftsutopien zu tun hatten. Ganz im Gegenteil. Fiktiv waren bei diesen »Invasions«-Filmen der 50er und 60er Jahre nur die Transportmittel der Aliens/ Invasoren. Die UFOs also. Der (humanoide) Rest war so real wie die nuklear bewaffneten USA eben waren. Soll heißen: Dieses phantasmatische Bild aus der US-amerikanischen (Kino-)Mythenlandschaft steht gleich neben dem Cowboy/ Westerner, mit dem es, wie Steven King anmerkt, durch den »Pioniergeist« auf das Engste verbunden ist.
Der Hauptgrund für den Stopp diverser (Katastrophen-)Filmstarts (wie auch für das Verbot von Songs mit Flugzeugen, Himmel, etc. als Thema) lag laut Žižek dann auch primär in der »Verdrängung des phantasmatischen Hintergrunds« dieser Katastrophe. Andererseits bezieht sich Bush, Jr. seitdem in all seinen Aussagen und Reden auf genau diesen »phantasmatischen Hintergrund«. Damit sind nicht nur Law& Order-Sprüche aus dem patriotischen Westernfilm-Fundus gemeint. Bush, Jr. muss (und das gilt auch für »sein Amerika«) »das Reale selbst,« so Žižek, »um es auszuhalten zu können, als ein alptraumhaftes irreales Gespenst wahrnehmen.«
Wie macht er das? Er macht aus Bin Laden, Saddam Hussein, etc. »irreale Gespenster« und führt das Reale wieder ins Irreale zurück. Dieses »Irreale« ist aber einer gewissen Logik verpflichtet: Hollywood. Wie schon der Vietnamkrieg als eine Art Cowboy-und-Indianer-Spiel propagiert wurde (mit jedoch radikal anderem Ausgang), so geht es im aktuellen Fall bezüglich der »Achse des Bösen« auch darum, dass seitens der USA deshalb auf Krieg gesetzt wird, weil ein »Film« sozusagen nicht in der Hälfte aufhören/ abreißen kann. Das eigentliche Problem dabei ist jedoch nicht in einem oberflächlichen Vergleich zwischen US-Politik und Hollywood-Dramaturgien zu suchen und zu finden (schon Fehlfarbens »Graue B-Filmhelden regieren bald die Welt« hatte einen schalen, allzu simplen Beigeschmack). Es scheint viel eher so, dass hier wirklich (noch) daran geglaubt wird, dass nach der Katastrophe im ersten Akt nun im dritten Akt logischerweise die »loving goodness« (Thaemlitz) der USA, allein schon aus psycho-hygienischen Gründen, siegen muss. Das Öl ist schon ein Grund, aber der radikale Wille zum Krieg hat andere (tiefere) Gründe.
Wenn Žižek schreibt: »Wesentlich schwieriger, als die Realität (oder das, was uns als solche erscheint) als Fiktion zu entlarven/ enttarnen, ist es, in der »realen« Realität den Anteil der Fiktion zu erkennen.«, dann lautet das Credo der momentanen US-Regierung unter Bush, Jr. »This is the West, Sir. When the legend becomes fact, print the legend.« Nur wird dabei die ganze tragische Dimension dieses berühmten Satzes aus John Fords »The Man Who Shot Liberty Valance« vergessen. Die besagt nämlich, dass der alte Westen schon lange tot ist und dass am Beginn des neuen (also der modernen USA) gleich eine Erbsünde, eine Bluttat begangen wurde (John Wayne erschießt Lee Marvin/ Liberty Valance aus dem Hinterhalt), die gleichzeitig aber auch zeigt, dass die Zeit für Dinosaurier wie Wayne (»Es war kaltblütiger Mord, aber ich kann damit leben.«) endgültig abgelaufen ist. Kurz: Das »Faustrecht«, »das Gesetz der Prärie« wird durch »das Gesetz« also durch »Politik« (wie immer bei John Ford auch gemeint) abgelöst. Nur ist im vorliegenden Fall Bush ein untoter, traumatisierter John Wayne (der ohne John Ford’sche Regie jedoch nichts weiter als ein Chauvinist und Rassist ist!). Ideen zu politischen Konfliktlösungen gibt es in diesem Weltbild eigentlich nicht. Auch weil »Politik« an sich (»die Leute aus dem Osten«) »den Westen« zerstört hat. Jetzt müssen sich die USA nur noch auf ihr eigenes Nibelungenlied einstimmen.

4. Lovesongs …

Die meisten Leute behaupten, dass wir Musik und Unter-haltung heute mehr als jemals zuvor brauchen, um den Menschen Liebe und Freude zu bringen. Aber andere, einschließlich mich selbst, scheinen solche Geschehnisse darauf aufmerksam zu machen, wie unwichtig und irrelevant so viel Musik und Unterhaltung ist. Noch schlimmer, im Fahrwasser patriotischer Beschwörung zeigen sie, wie viele Leute blind sind gegenüber den Gefahren der Geschäftemacherei mit Nationalismus.
Terre Thaemlitz

Wie funktioniert so was im Realen? Žižek wird bei Schuberts »Winterreise« (»Fremd bin ich eingezogen/ Fremd zieh ich wieder aus«) fündig und stellt sich die Hörsituation im Winter 1942/ 43 in deutschen Schützengräben vor Stalingrad vor. (»DAS Lied von Stalingrad« ist natürlich das »Wolgalied« [»Allein! Wieder allein! – Es steht ein Soldat am Wolgastrand«] aus Lehárs »Der Zarewitsch« [»Wenn ein Mensch verlassen ist und er klagt und er fragt/ Hast Du dort droben vergessen auf mich/ Es sehnt doch mein Herz nach Liebe sich/ Du hast im Himmel die Engel bei Dir/ Schick doch einen davon auch zu mir.«])
»Für einen deutschen Soldaten«, so Žižek, »bestand die einzige Möglichkeit, seine Situation auszuhalten, darin, jeglichen Bezug auf die konkreten gesellschaftlichen Umstände, die ihm durch Nachdenken klar geworden wären, außer acht zu lassen (…) und sich statt dessen in einem romantischen Beklagen des eigenen erbärmlichen Schicksals zu ergeben, als ob sich in der großen historischen Katastrophe lediglich das Trauma eines abgewiesenen Liebenden manifestieren würde.«
Wobei sich die deutschen Soldaten durchaus auch als »abgewiesene Liebende« verstanden haben dürften. Wollten sie nicht Russland von Kommunismus und Judentum reinigen? Heißt es nicht immer noch, dass dort (in Russland, vor Stalingrad) »die Heimat« (also Nazi-Deutschland) verteidigt wurde? Wird nicht immer ausgerechnet in der Fremde/ Ferne (Korea, Vietnam, Afghanistan) »die Heimat« (Freiheit, Liebe, Demokratie, etc.) verteidigt?
Musik fungiert im Krieg (aber nicht nur hier) als unmittelbarste, direkteste emotional-ideologische Verbindung mit der fernen Heimat. Nur greift dieser Blick zu kurz. Auch geht es nicht um mögliche subversive Beiträge qua Popmusik (das dürfte sich spätestens seit Vietnam erübrigt haben). Hingegen schlägt Žižek eine leninistische Lesart/ Perspektive vor und er fragt: »Was wäre, wenn uns die Verbindung mit dieser Katastrophe in die Lage versetzen würde, festzustellen, was an Schuberts romantischer Position selbst falsch war? Was, wenn die Position des tragischen romantischen Helden, der sich narzisstisch auf sein eigenes Leiden und seine Verzweiflung konzentriert und diese zu einer Quelle perversen Vergnügens erhebt, selbst eine Fälschung wäre, ein ideologischer Schutzschirm, der das eigentliche Trauma der umfassenderen historischen Realität kaschiert?« D.h. aber auch, dass nicht nur Lyrics, sondern auch Musik per se, das Hören von Musik ideologisch geerdet und überdeterminiert ist. »I long for audio of love’s irreconcilable differences.« (Terre Thaemlitz)

Terre Thaemlitz: »Lovebomb« (Mille Plateaux/ Ixthuluh, 2003)
>> Terre Thaemlitz
>> www.comatonse.com
>> www.sanriot.com

Slavoj Žižek: »Die Revolution steht bevor. Dreizehn Versuche über Lenin« (Edition Suhrkamp, 2002)

Text& Mix: Didi Neidhart | Assistenz& Cuts: Heinrich Deisl