In the beginning was the word ... Neue Musik aus Ungarn

Dass im Osten Europas durch alle Musikrichtungen hindurch reges und vor allem qualitativ hochwertiges kreatives Schaffen herrscht, ist wohl bekannt. Das Budapest MusicCenter BMC versorgt uns ausreichend mit neuen Produktionen, von denen hier ein kleiner – aber sehr feiner – Anteil aus den Sparten E-Musik und Jazz erwähnt wird.

»In the beginning was the word …« – Der Auseinandersetzung mit den Komponenten Sprache und Musik und deren Verbindung entspringen in letzter Zeit einige eindrucksvolle CDs:
Lautmalerisches Auf und Ab der Instrumente, die zu einem Klangteppich verschmelzen und an Minimal Music erinnern, und wie selbstverständlich darin verwobene Stimmen: LÁSZL?? MELIS behandelt in »Mulomedicina Chironis (Mule-therapy by Chiron)« neben einem ursprünglich griechischen veterinärmedizinischen Text noch Zitate aus »Doctor Faustus« von Marlowe, den letzten Satz des sterbenden Baudelaire und eine Hölderlin-Paraphrase von G. Petri. Die Texte haben keinerlei Zusammenhang, nur die Musik schafft Verbindung.
In »The Apocalypse of Enoch« vertont Melis Worte des Propheten Enoch (2000 b.c.). Besonders fein, dass er hier dem Kammermusikensemble eine Percussion-Gruppe hinzugefügt hat. Eindringlich, fesselnd, mit Hang zu Dramatik, jedoch mit unglaublich humorvollen, lebensfrohen Momenten durchzogen, die zurück in die Realität bringen.

Dramatik ebenso wie Humor findet sich in den Werken P??TER EÖTVÖS, der die Sprache als Ausgangspunkt für Ton, Rhythmus, Intervalle und sogar die Form der Musik ansieht. Auch die Liebe zum Experiment bleibt auf dieser Platte nicht verborgen- »Harakiri« für Rezitation, Shakuhachi und Wood-Cutter; »Tale«, ein Hörspiel, das Harmonik und Melodik nur aus den Tapes der Erzähler bildet; oder »Cricketmusic« – organized naturesounds, in diesem Fall Grillengezirpe mittels Ringmodulator manipuliert. Eine wahre Fundgrube an zeitgemäßen »Vocal Works«.

»Johann Sebastian Bach – Revisited«: Die zeitlose Musik Bachs, teilweise uminstrumentiert, Oboe statt Violine, ein Fagott als Bassstimme, der anmutige Klang eines Cimbaloms, und eine Partita, gespielt auf dem Saxophon, melodisch angereichert mit Obertönen. Selbst »Die Kunst der Fuge« wurde von E. BERGEL neu orchestriert. »…it does not really matter on which instruments Bach’s music is performed…« (E. Bergel). Das Wort und die musikalische Erfüllung seiner Bedeutung findet auch in rein instrumentaler Musik immer wieder seinen Platz.

GÁBOR GAD??S??? Kompositionen für Jazzquartett (»Greetings From The Angel«) zeichnen sich durch weitläufige harmonische Fortschreitungen und lange melodische Schlangenlinien der Gitarre und des Saxophons aus und treffen zielsicher die Stimmung der ihnen zugeteilten »Taufnamen«.
Das Gleiche gilt für die Platte »Childhood’round 2000« des BLACK SMITH WORKSHOP; der man sogar noch pädagogischen Nutzen abverlangen könnte, wenn man hört, wie realitätsnah Titel wie »Monster Under The Fridge« oder »Daddy isn’t home yet« vertont werden:
Schließlich findet sich auf »Kebelen«, der vierten Platte des Saxophonisten AKOSH SZELEVENYI, auch freie Musik. Aus Bändern von Konzerten, Zirkusmusik, Studiomitschnitten und der Mitwirkung von »Live-Musikern« ist eine intensive Mischung aus traditioneller ungarischer Folklore, klassischen Suiten und Improvisation entstanden. Auch hier kommt die menschliche Stimme nicht zu kurz.