Peter Weibel »TONSPUR_lecture « 16.2.2011 © Frank Paul
Peter Weibel »TONSPUR_lecture « 16.2.2011 © Frank Paul

In Memoriam Peter Weibel 1944–2023

Kurz vor seinem 79. Geburtstag verstarb der Künstler, Kurator und Medientheoretiker am 1. März 2023 in Karlsruhe. Wir präsentieren zum Gedenken sein Oratorium »Das Leben im 20. Jahrhundert: 225 Millionen Morde« in Zusammenarbeit mit dem Kunstverein Tonspur.

Wer in Wien in den letzten Jahrzehnten irgendwas mit Kunst gemacht hat, konnte unmöglich Peter Weibel nicht kennen. Sein Anstifter- und Ideengebertum in der kurzen und heißen Phase des Wiener Aktionismus, seine Kooperationen mit dem Who-is-Who der österreichischen Kunstszene, seine Arbeit als Kurator, sei es in Wien, Graz oder bei der Biennale in Venedig, und seine Lehre an der Universität für angewandte Kunst hinterließen viele Spuren. Nicht zu vergessen sein kurzer, aber ebenso unvergessener Ausflug als Rockmusiker mit dem Hotel Morphila Orchester (und 1983–85 Noa Noa). Der Einfall, bei der zu Recht gefeierten Nummer »Sex in der Stadt« statt der Lyrics Kontaktanzeigen vorzulesen, kann durchaus als einer der Höhepunkte österreichischen Punks gelten.

Erinnern der Namenlosen

Weibel wirkte im Leben immer etwas gehetzt. Das Übermaß an Ideen und Konzepten, das ihn antrieb, ließ ihn kaum je Ruhe finden. Im Jahr 2011 konzeptionierte er für den Kunstverein Tonspur die Arbeit »Das Leben im 20. Jahrhundert: 225 Millionen Morde. Ein Oratorium«, die er selbst so beschrieb:

Eine männliche und weibliche Stimme zitieren Jahr für Jahr, von 1900 bis 2000, die Zahl der politischen Morde, den Ort der Morde und den offiziellen Titel. Würden die 225 Millionen Toten Name für Name gesprochen und jeder Name würde eine Minute lang ausgesprochen, so würde es ca. 430 Jahre dauern, all die Namen der politisch Ermordeten im 20. Jahrhundert aufzuzählen.

In diesem Oratorium werden keine Namen genannt. Es handelt sich also um ein akustisches Monument für die Namenlosen. Denn die Opfer haben keine Namen. Nur die Sieger haben Namen, und Denkmäler. Ermordete sterben zweimal, real und symbolisch. Politisch Ermordete sterben unendlich oft, ewig, denn für sie gibt es keine Gerechtigkeit – auch nicht am Ende aller Tage. Die politisch Ermordeten existieren nur als Zahlen auf einer Liste und diese Liste interessiert niemanden. Nicht nur das Lager, auch die Liste, ist das Symptom des 20. Jahrhunderts. »Vivere no, muerte si« – steht auf allen faschistischen Denkmälern. Das 20. Jahrhundert liebte das Leben nicht, denn es war das Jahrhundert der totalitären Systeme, die heute noch bis in den Alltag hinein regieren. 225 Millionen Tote, sinnlos aus politischen Gründen ermordet, sind das Ergebnis, eine unsichtbare Nation beinahe so groß wie Amerika.

Um die Toten von hundert Jahren Name für Name aufzusagen, braucht es Jahrhunderte. Den Tod zu zählen dauert länger als der Tod. Deshalb ist der Tod unbesiegbar. Die Kultur, das Erinnern, das Archiv, der Speicher, die Schrift, die Medien sind die einzigen, wenn auch armseligen, ärmlich seligmachenden Versuche, den Triumph des Todes zu schmälern und zu relativieren. Die Unendlichkeit des Todes in wenigen Minuten zu erzählen, indem ich die Todesziffern zähle, ist die List der Kunst, dem Tod seine Totalität zu nehmen.

Zum Gedenken an Peter Weibel

In diesem Jahr wollte Peter Weibel, der im ukrainischen Odessa geboren wurde, aus Anlass des verbrecherischen Angriffskrieges Russlands in der Ukraine sein Oratorium fortschreiben und um die die politischen Morde des 21. Jahrhunderts ergänzen. Ein Vorhaben, das nun nicht mehr verwirklicht werden kann. Das unabschließbare und nie ruhende Streben Weibels wird damit in seinem Tod nun selbst thematisch. 

Georg Weckwerth, Vorstand und künstlerischer Leiter von Tonspur: Der Tod von Peter Weibel macht uns sehr betroffen. Sein Nicht-mehr-Sein reißt eine riesige Lücke. Dieser großartige Künstler und hingebungsvolle, bedingungslose Vermittler der Kunst ist nun nicht mehr. Ein größtmöglicher Verlust! Wir vermissen Peter Weibel und werden ihm stets ein ehrendes Andenken erweisen. Dieses Andenken bewahrt sich am besten durch sein Werk: TONSPUR 42 aka »Das Leben im 20. Jahrhundert: 225 Millionen Morde. Ein Oratorium.«

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