Friedrich Achleitner zweifelt auf der Bühne an der Wirklichkeit, inmitten verstaubter Bücher © Redaktion skug

In memoriam Friedrich Achleitner

Friedrich Achleitner verstarb am 27. März 2019 in Wien. Nun ist skug nicht unbedingt eine Architekturzeitschrift, aber Achleitner war auch nicht unbedingt nur Architekt und Architekturhistoriker. Wir erinnern an sein quasi Hauptwerk.

Ein wenig spät mag es gewesen sein, 1958/59 mit Dada auf die Bühne zu hopsen. Aber war das überhaupt Dada, was das 1. literarische cabaret (friedrich achleitner, conrad bayer, gerhard rühm und oswald wiener) im biederen Wien der Nachkriegsjahre den Leuten vor den Kopf knallte? Achleitner trank auf der Bühne Bier und tat genau nur dies. Die Gruppe hatte tiefgehende Zweifel, was die Repräsentation der Welt in Sprache betrifft. Dennoch sagt Achleitner am Ende des Biersketches das Entscheidende: »scheiss schwechata.« Wir verstehen oder meinen zu verstehen. Die Gruppe hatten damals eben Wirklichkeitsbedenken, wie Achleitner in seiner Nummer »der zweifel« klar artikulierte, indem er nicht-artikulierte:

gibt es in der welt wirklich eine erkenntnis

schatzi, was meinst
schatzi, was meinst du
gibt es das wirklich

Kann man nicht sagen. Die Wiener Gruppe schmiss Wien ihre Avantgarde hin und wusste dann nur bedingt weiter mit den Wirklichkeitszweifeln. Achleitner folgte zeitweilig seinen Kollegen nach Berlin und freute sich, dass man dort die ganze Nacht »Mensch ärgere dich nicht« spielen konnte. Seine Interessen waren aber unstillbar konkret, aus Stein und Beton sozusagen. Damit entzog er sich jenen intellektuellen Widersprüchen, denen andere der Gruppe innerhalb von Kunst und Literatur kaum entkommen konnten. Achleitner wanderte durch die Welt und schaute sich sehr genau an, was diese an Architektur hervorgebracht hat. Nicht nur die großer Architekt*innen, sondern auch jene von Schafhirten in Griechenland. Deren Architektur ließ der Professor Achleitner seine Student*innen aufzeichnen, damit diese den architektonischen Weltbestand und die unzähligen darin verborgenen ästhetischen und moralischen Entscheidungen entschlüsseln konnten. Achleitners ursprünglicher Wirklichkeitszweifel wurde produktiv und führte zum beinahe obsessiven Erfassen von Gebäuden.

Irgendwann kam er auf den Einfall, die Häuser Wiens sorgfältig zu porträtieren, in dem fünf Bände umfassenden Standardwerk unter dem Titel »Österreichische Architektur im 20. Jahrhundert«, dessen fünften und letzten Band Doris Hutterer 2011 für skug rezensierte: »In einem Zeitraum von über vierzig Jahren durchlief der Architekturkritiker Tausende Kilometer von Gassen und Straßenzügen«, so Hutterer. »Mehr als 15.000 Einträge legen nun Zeugnis ab über eine Stadt, die sich beim Lesen im Buch zunehmend als eine Unbekannte erweist. « In den zum Teil literarischen Beschreibungen würde Sachwissen auf unakademische Weise vermittelt, wodurch sich Verständnis für Objekte einstelle, die man zuvor nicht wahrgenommen habe, analysiert die Autorin. Gerade scheinbar Marginales wie Buswartehäuschen oder Wasserbehälter fänden Platz, denn, so Achleitner selbst: »Je mehr man über etwas weiß, desto mehr schätzt man es. Also schee oder schiach – auf das Thema lass’ ich mich überhaupt nicht mehr ein.«

Mit Friedrich Achleitner verliert die Kunst-, Literatur- und Architekturszene Wiens und dieser Welt eine große und höchst eigenständige Erscheinung.

Link: https://skug.at/weder-schee-noch-schiach/