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Imarhan

»Essam«

Wedge/City Slang

»Essam«, das bereits vierte Album der Tuareg-Band Imarhan aus Tamanrasset (Südalgeriens größte Oase, auf 1.400 Metern am Rand des Ahaggar-Gebirges gelegen), ist brillant. Was auch die erste Single-Auskopplung »Derhan N’Oulhine« veranschaulicht. Elsa Pennachios auf 8-mm-Bolex gedrehtes Schwarz-Weiß-Video zeigt nicht nur die hybride Schönheit der Sahara, sondern versinnbildlicht auch die aus der kargen Wüstenlandschaft geschöpfte Widerstandskraft der Tuareg gegen Zentralmächte. »Téllait«, der dritte Song, ist so was von lässig geraten! Über einem Reggae-Offbeat, gedrechselt von Abdelkader Ourzig (g), Tahar Khaldi (b, voc, claps, bg voc), Hicham Bouhasse (perc, g, bg voc) und Haibullah Akhamouk (perc, bg voc), dröhnt die unfassbar breitwandige E-Gitarre von Iyad Moussa Ben Abderrahmane aka Sadam, der obendrein mit durchdringenden Lead Vocals zu betören vermag. Sadam kann aber auch zärtlichst singen, in der intimen Ballade »Tamiditin«, die bezeugt, dass ein flirrendes Wüstenspektrum auch mithilfe von Akustikgitarren verstärkt werden kann, mit geradezu lieblichem Reverb-Modular-Synth-Fadeout. Auch darin wie in allen weiteren Songs offenkundig: Elektronische Texturen, welche Produzent Maxime Kosinetz (synths) und Emile Papandreou (synths, e-bow, g, sound treatments), letzterer bekannt vom Duo UTO, beisteuern, sorgen für den wüstenhaften Sound. Ockerfarben könnte man diesen nennen, um diese Art von Desert Blues in psychedelischen Farben zu umschreiben. Handclaps betonen dazu auf Songs wie »Azaman Amoutay« oder »Tin Ayrath« eine rockigere Note. Das Aboogi Studio im Zentrum von Tamanrasset zieht auch Talente an, in herzzerreißenden Background Vocals von Tatwrit, Fatma Wallet Bilal, Nounou Kaola und weiteren Vokalgäst*innen zu genießen, etwa in »Tinfoussen«, »Adounia Tochal« oder dem Opener »Ahitmanin«. Besonders stark auch »Assagasswar«, das instrumentale Höhenflüge, Klatschen und gemeinsames Singen im Chor in ein höheres Etwas zusammenführt, um dann umso schöner langsam auszufließen, im Wüstensand zu verhallen, doch es bleibt ein nachhaltiger Eindruck. Imarhan beglücken mit einem nahezu poppigen Desert-Rock-Album am Puls der Zeit.

Home / Rezensionen

Text
Alfred Pranzl

Veröffentlichung
17.02.2026

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