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Hans Reichel

»Dalbergia Retusa«

Black Truffle

Hans Reichel hat nicht nur Gitarre gespielt – er hat sie um- und auseinandergebaut, auf seltsame Weisen neu zusammengesetzt und modifiziert und so durch seinen experimentellen Umgang auch das Klangspektrum und die Art und Weise, wie das Instrument gespielt werden kann, erneuert und erweitert. Im Begleittext zu »Dalbergia Retusa« werden zum Vergleich Derek Bailey, Fred Frith (Henry Cow) und Keith Rowe (AMM) genannt, um deutlich zu machen, dass Hans Reichel in die erste Riege frei improvisierender Gitarristen gehört, auch wenn er vielleicht nicht so bekannt ist wie seine britischen Kollegen. Ich will aber an dieser Stelle nicht den Versuch unternehmen, die Geschichte dieser musikalischen Entwicklungen, die in den 1970er-Jahren ihren Anfang nahmen, nachzuerzählen, um Reichels Werk darin einzuordnen. Zur Darstellung und Analyse von improvisierter Musik, Free Jazz und Artverwandtem, damit einhergehenden experimentellen Formen sozialer Praxis und darüber hinausgehenden kulturellen Implikationen gibt es viele lesenswerte Bücher. Die Befreiung der Klänge, das nicht so traditionelle Arrangieren und Montieren von Sound als ästhetische Praxis und Ausdruck neuer und flexibler Konstellationen, deren Gestaltungsprinzipien wenn auch nicht alle, so doch möglichst viele andere menschliche Ordnungen und den Menschen als solchen verändern sollten, diese revolutionären Gedanken und die daraus resultierenden zahllosen Ergebnisse dieser Bemühungen – das ist einerseits ein endlos faszinierendes Thema und andererseits kommt einem diese Rhetorik zu den Ohren heraus, denn heutzutage gehören solche Überlegungen als ideologisches Besteck in den Bestand jeder irgendwie experimentell gerahmten musikalischen oder anderen künstlerischen Arbeit. Kein Antrag auf Fördergelder kommt ohne entsprechende Perspektiven aus, alle abstrakte ästhetische Praxis sucht zur Legitimation und Finanzierung ihr Heil im Nachweis gesellschaftstheoretischer Annahmen und Wirkungsweisen, sodass man sich schon auch wieder fragen kann: Ist das der Auftrag der Kunst? Wie war das noch mal mit der sogenannten Zweckfreiheit? Muss jede mithin verspielte menschliche Regung ein politisches, soziales oder gar moralisches Gewissen artikulieren? Jetzt, Stichwort Kind und Bad, da muss man aufpassen, dass man der Versuchung zur einseitigen Parteinahme, die ja oft genug als Forderung im Raum steht, nicht statt- bzw. nachgibt! Die einfachen Antworten sind oft genug die falschen. Das Arbeiten am und im Widerspruch, die dialektisch geschulte Aufmerksamkeit (bitte nicht mit Opportunismus verwechseln!) – diese Tugenden sind in Zeiten des Populismus zu schulen und zu erhalten! Ich hoffe, Sie wissen, was ich meine!? Wachsam bleiben! Was hat das alles nun mit Hans Reichel zu tun? Nun, ich würde sagen, hört man Hans Reichel aktiv dabei zu, wie er auf vielen selbst erfundenen oder modifizierten Instrumenten seine oft seltsam anmutenden Klänge erzeugt, so kann man sich quasi in Geduld üben, den ästhetischen Prozess zu verfolgen. Und dies, ohne an der enttäuschenden Erwartung zu leiden, dass man weder mitsingen kann noch am Ende ein Hit dabei herausgekommen ist, sondern nur eine weitere sehr eigensinnige, aber eben doch auch ansprechende Materialprobe. Einfach gesagt: die naive Regung, die in der Frage »Was machst du da?« steckt. »Komm her, hör zu, vielleicht gefällt dir das«, lautet die einladende Antwort. 

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Text
Holger Adam

Veröffentlichung
09.04.2026

Schlagwörter

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