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Homoneurotische Engelsvernichtung: Coil

Original erschienen in: skug #53, Dezember 02 – Februar 03

Ein Text aus dem Jahr 2002, als Coil im Wiener Flex ein Konzert spielten und im damals von Robert Jelinek (Sabotage) geleiteten Medienlabor Spoiler im Museumsquartier eine Lecture gaben.

Peter »Sleazy« Christopherson ist am 25. November 2010 in Bangkok im Schlaf gestorben.

 

Das Unbewusste ist beständig tätig und schafft Kombinationen seiner Materialien, die der Bestimmung der Zukunft dienen. Es produziert subliminale Kombinationen, so gut wie unser Bewusstsein; nur sind sie den bewussten Kombinationen an Feinheit und Reichweite bedeutend überlegen. Das Unbewusste kann ein Führer sondergleichen für den Menschen sein, wenn dieser der Verführung standzuhalten vermag.
C. G. Jung: »Die Psychologie der unbewussten Prozesse« (1917)

 

Mantras von der dunklen Seite der Sonne

Das Zeichenuniversum von Coil ist stets eines gewesen, das die Symptome moderner und archaischer Lebenspraxen miteinander zu verbinden wusste. Das Offensichtliche und das Codierte bedingen sich gegenseitig, setzen Coil doch auf ein Repertoire, das bewusst darauf abzielt, Fragen über das Sichtbare, das Unsichtbare und den Raum dazwischen aufzuwerfen, sich aber auch gleichzeitig ein paar diskursive Geheimtüren offen zu lassen.
Coil sind seit ihrer Gründung 1983 in London durch den Sänger und Bassisten John Balance und den Elektronikmusiker Peter »Sleazy« Christopherson wie traumwandlerische Widergänger dabei, psychische und physische Grenzsituationen erfahrbar zu machen. John Balance ist »Dr. Caligaris« Caesare, der den Zuhörer durch die brüchigen Landschaften des Ichs geleitet.

Bei ihrem Konzert im Wiener Flex Ende Oktober prangte ein großer runder Spiegel auf seiner Brust: Ein Till-Eulenspiegel-Spiegel, der nicht nur reflektiert, sondern auch transparent wird und ins Innere führt, wo er mit der Zirbeldrüse, dem magischen Dritten Auge, verbunden ist. »Wir verstehen uns als eine »Kommunikationslinie«. Eine Platte aufzunehmen oder ein Konzert zu machen, ist ein emotionaler und fordernder Prozess, nicht so sehr ein intellektueller. Es werden leere (»blank«) Situationen freigesetzt, in denen man am feststen mit seinem Innerselbst verbunden ist. Wir machen erst seit zwei oder drei Jahren Live-Shows. Davor war das Equipment nicht ausreichend genug, um die sonischen Informationen auch live zu reproduzieren«, so Christopherson auf einem vom Wiener Verein Spoiler initiierten Vortrag am nächsten Tag.

 

 

In der Zeitmaschine durch die Äonen

Die ehemaligen Industrial-Taktiken hatten durch Inspirationen wie William S. Burroughs, Brion Gysin, Aleister Crowley, Austin Osman Spare u. a. an archaische Praktiken angedockt, die sich zwischen Post-Punk und Prä-Techno metastasenartig verbreiteten. Current 93, Nurse With Wound, Soft Cell, Psychic TV und eben Coil gehören wohl zu den prominentesten Vertretern des chronologischen Quantensprungs (»Pagan Muzak«): Mit Tape-Recordern und tibetanischen Oberschenkelknochen-Flöten flutscht jede Séance. In ihrer lustvollen Pein zwischen Transzendenz und Existenz verbinden Coil die »Unknown Pleasures« von Joy Division (ein Name, der für sie wie geschaffen scheint) mit rituellen Sufi-Flöten aus Joujouka/Marokko und (sexualmagischen) Hardcore-/Tantra-Mantras, zu deren verführerischen Tönen die »Poets maudits« zusammen mit Jean Genet genussvoll träumen.
Das ab Anfang der 90-er im UK grassierende Tanzfieber wussten sich Coil zu Nutze zu machen. Die legendäre ’91er Platte »Love’s Secret Domain« thematisierte die dunklen Abgründe obsessioneller Liebe und Lust im sonischen LSD-Trip-Inferno eines William Blake. Der Raver war ein ideales Objekt für akustische Feldversuche von Trance durch Tanz und Drogen. Weitere Lieblingsthemen wie etwa die Alchemie wurde ausführlich auf der ’87er Platte »Gold Is The Metal« verhandelt. »Alchemie ist für uns eine Metapher. Durch Alchemie wird etwas vermeintlich Nutzloses zu etwas sehr Wertvollem. In der Musik sagt man wahrscheinlich Editing und Controlling dazu.« Gold ist ein Synonym für die letzte Wahrheit oder das Nirvana. Auf dieser Suche zur »Road to the Western Land« werden Coil kooperativ von Bill Laswell, Scanner oder Autechre unterstützt.

 

Lust und Qual

Die bacchanale Ûberhöhung von Sex und Tod braucht einen erweiterten Bewusstseinsbegriff: »Manche würden wahrscheinlich Trance dazu sagen«, meint Christoperson. »Coil appelliert an transformierbare Zustände. Wir kanalisieren die in uns zirkulierende Energie und versuchen, zu einem Stadium zu kommen, in dem man in der Lage ist, sich auf etwas vollständig zu konzentrieren. Es wäre fatal, einen Teil von sich selbst zu verstecken: Elend ist eine Konsequenz von Lügen.«
Der 17-minütige Track »How To Destroy Angels« fokussierte bereits 1984 auf das, wofür Coil in den nächsten Jahren bekannt werden sollten:»Ritual Music For the Accumulation of Male Sexual Energy«. Das sozusagen weibliche Gegenstück »Masturbatorium« (1987; Ash Int.) stammt von Hafler Trio. Das auch 1984 erschienene Video unter der Regie von Christopherson für die 12“ von Soft Cells »Tainted Love« zeigt Marc Almond als schwarzen Engel des Todes, der sich mit Kenneth Anger und P. P. Pasolini (der Track »Ostia« auf »Horse Rotorvator«; 1986) in guter Gesellschaft weiß.

 

Die krisenhafte Auseinandersetzung zwischen Eros/Thanatos und zwischen Homoerotisch/Homoneurotisch wird auch in der Sequenz des »Nachtportiers« von Liliana Cavani (1973) deutlich, wenn der fast nackte Balletttänzer durch ein Spalier von geifernden SS-Schergen tanzt. Mit Releases wie »The Time Machine« (1998) und »Astral Desaster« (2000) schließen sich jene Kreise kosmologisch-ritueller Klanglandschaften, die seit »Scatology« (1984) genauso ständige Wegbegleiter sind wie die Schreckenskammern menschlicher Existenz beim »Hellraiser«-Soundtrack (1987) und bei der Boyd-Rice-/Current93-/Coil-Zusammenarbeit »Nightmare Culture« (1986).
Sowohl auf der letztjährigen wie auf der aktuellen Tour haben Coil mit den beiden jungen Performern Pierce und Massimo ein Paar gefunden, das sich dem Willen der Musiker komplett unterstellt. Ob bewährt mit Kapuzen, die an den Ku-Klux-Klan erinnern und auf deren Spitze freimaurerische Symboliken prangen oder splitternackt, führen diese beiden in beinahe ungebrochener Weise die Tradition der Body-Art seit den 70ern fort. Sie sind wie gargoillienhafte Statisten in einer Bühnenästhetik, die auf den voyeuristischen Trieb des Publikums zum Hinschauen setzt.