Die Post-Rock-Giganten musizieren im Kreis © Thomas Metzner

Godspeed, du dunkles Tier

Die legendären franko-kanadischen Ausnahmerocker mit dem überambitionierten Namen Godspeed You! Black Emperor traten mit Support von Mette Rasmussen in der Wiener Arena auf und überzeugten – teilweise.

Ein Godspeed-Konzert ist natürlich der richtige Termin im späten November 2019. Die Wahlen in Großbritannien, die Koalitionsverhandlungen in Wien, die Erdrutsche in Österreich und der Feuersturm in Australien: Keine Frage, die Welt steht nicht mehr lang. Godspeed machen seit Jahrzehnten die passende Musik dazu. »We’re trapped in the belly of this horrible machine. And the machine is bleeding to death.« Hey, das verspricht ein netter Abend zu werden mit viel guter Laune und rock on!

Last der Geschichte
Die Band Godspeed ist aus verschieden Gründen zurecht legendär. Lange Zeit verweigerten sie sich konsequent gegenüber dem konventionellen Vertrieb von Tonträgern. Den Verkauf ihrer Alben in Chain-Stores ließen sie verbieten. Und in jenem längst vergangenen und weitgehend vergessenen Zeitalter der selbstgebrannten CD fand ihre Musik Umlauf durch rumgereichte und meist nur schlecht beschriftete Exemplare. Eine silberne Scheibe auf die irgendeine Mädchenhand das geheimnisvolle Wort »Godspeed« gekritzelt hat, reizt selbstverständlich sogleich. Für native Speaker ist das bloß eine altertümliche Art, gute Reise zu wünschen, mit Schulenglisch im Hinterkopf öffnet sich aber eine Welt wilder Assoziationen. Die schlecht beschrifteten Selbstgebrannten waren somit das perfekte Vermarktungsinstrument für Godspeed, wenn auch sicherlich kein sonderlich einträgliches.

Wenn sich die CD im Player zu drehen begann, war eine Zeit lang nicht klar, ob das Abspielgerät kaputt gegangen ist. Dann aber dämmerten aus dem schön gestalteten Lärm Rhythmen und bald traurig-schwermütige Melodien. Die Solo-Violine fiedelte noch lange im Ohr nach, wenn der Song schon längst verklungen war. Song ist nicht ganz richtig, besser die Kompositionen, die in den frühen Alben manchmal bis zu 25 Minuten dauerten, so lange wie eine Seite auf Vinyl eben hergibt. Besonders die Texte, die nicht gesungen, sondern nur gesprochen waren, hatten es in sich. Schwerbegreiflich tief wirkten sie, weil sie aus Aufnahmen dröhnten, die Found-Footage-Material entsprungen zu sein schienen. Irgendwo steht ein Obdachloser mit Fingerhandschuhen im Halbdunkel an einem brennenden Ölfass und murmelt gewisse Dinge. Zerfall, Korruption und in sich zusammenstürzende Gebäude. Das ist wirklich schön, verzweifelt, klagend, gothic and depressed. Man liebt diese Welt ja doch, wenn man so viel in ihr zum Bedauern findet. Schuberts »Winterreise« klingt demgegenüber wie Musik fürs Ringelspiel.

Mette Rasmussen bleibt ruhig im Godspeed-Sturm © Thomas Metzner

Sollen wir jetzt ein bisschen moshen?
Der typische, klagende Stromgitarrensound, den das Publikum durchleiden darf, bis die beiden Drummer den Klöppel aus dem Sack lassen, bietet live auch immer noch eine permanent spannungsgeladene Dramaturgie. Das ganze, ein wenig therapeutisch wirkende Setting überzeugt noch immer und hat dem Rock, dank Post-Rock gelabelter Bewegung, manchen faulen Zahn gezogen. Kein Einpeitscher, der auf die Bühne gerannt kommt und »Do you feel alright?« brüllt, sondern eine aufgeklärte Schar Hochschullehrer, die langsam in den Seminarraum geschlichen kommt und sich um ihre Instrumente kümmern. Klar, was sonst? Sie benutzen das Inventar des Rock und stellen ein paar Elemente um. Was Substanz hat, bleibt, was überkommen ist, wird weggelassen. Der Rock durfte sich Anfang der 1990er-Jahre erholen und da haben Godspeed mitgeholfen. Im Jahr 2019 in Wien ist aber die aufgeklärte Haltung schon ein wenig zu abgeklärt. Die neuen Platten eröffnen keine unerwarteten Klangdimensionen, sondern verwalten eher, was bereits erreicht wurde.

Die Auffrischung versuchte man sich aus Dänemark zu holen. Die als Vorgruppe eingeladene Mette Rasmussen ist eine umwerfende Saxofonistin. Sie greift sich die Bühne und bläst dem eher Rock-affinen Publikum tüchtig durch die Ohren. Ihr free-jazzig experimenteller Stil ist ganz auf Verausgabung ausgelegt. Sie überbläst die Töne und pfeift durch die Zähne. Bei ihrem letzten Stück kommen Schlagzeuger und Bassist von Godspeed dazu, denen leider nicht viel zu Rasmussen einfällt. Ihr Auftritt hingegen während des späteren Godspeed-Konzerts ist besser, da sie sich wuchtig und dennoch passend in den Klangteppich einweben kann. Immer wenn die Godspeed-Dramaturgie ihre ausgefeilten und gut inszenierten Höhepunkte erreicht, wackeln im Publikum die Köpfe. In diesen Momenten spüren alle, was Rock kann. Pete Townsend meinte einmal, da sei diese reine, pure Energie bei manchen Konzerten, die eines Tage dazu führen würde, dass die Welt zum Stilstand kommt und sich neu vereint. Godspeed lassen diese Energieladung aufblitzen, bleiben dann aber reserviert. Sie wissen, was jetzt kommt ist meist nur »Wacken« und da fliegen halt lediglich die Gliedmaßen. Die Zurückhaltung ist gut nachvollziehbar und dennoch ist an dieser Verhaltenheit etwas unbefriedigend. Alle Formen gerinnen dadurch nämlich zu einem gut komponierten, Ambient-artigen Background, dem leider eben der Vordergrund fehlt.

In den lyrischen Passagen wird über den Bass gestrichen © Thomas Metzner

Keine Worte, aber gute Bilder
Die Band weiß dies natürlich. Deswegen haben sie live etwas im Programm, für das allein schon Eintritt verlangt werden dürfte. Oberhalb des Mischpults im Konzertsaal thronen vier 8-mm-Filmprojektoren. Ein Filmvorführer liefert mit ihnen synchron zur Musik eine faszinierende Experimentalfilmshow. Was früher die geheimnisvollen, apokalyptischen Worte auf den Platten beschrieben, wird hier Bild. Eine verlorene Welt in Schwarz-Weiß. Hochhausskelette drohen, die Details erscheinen im Fadenkreuz der Sniperwaffe, Friedhöfe, kreisende Vogelschwärme und kaputte Hütten im Wald. Welcome to »The Blair Witch Project« und der damit einhergehenden Stimmung. Die Dialektik des Horrorfilms funktioniert, denn der Blick auf den bedrohlichen Untergang ist eigentümlich heimelig. Demonstrationszüge sind zu sehen und die Schläge der abgefilmten Gewaltakte sind im Takt. Die Message ist klar. Würden am Ausgang der Halle Erlebnisberichte des Publikums abgefragt, dann könnten alle wohl die politische Weltanschauung von Godspeed präzise wiedergeben, auch wenn den ganzen Abend über kein einziges Wort fiel.

Projiziert wurden die Worte schon. Einzelne, verlorene, die aussehen, als hätte sie ein Serienmörder direkt auf den Filmstreifen gekratzt: »Hope«. Okay, we get it. Die Filmvorführung ist sehr stofflich, alles ist betont analog und gegen Ende lässt der Filmvorführer den Filmstreifen in der Hitze der Projektorlampe zerlaufen. Godspeed klemmen ihre »Jammerhaken« an und verlassen die Bühne. Die Gitarrenseiten vibrieren vor sich hin und lassen das Publikum im Godspeed-Soundgebirge allein. Die Lichter auf den einsamen Verstärkertürmen blinken geruhsam vor sich hin und es wirkt, als stünden auf der Bühne eine Gruppe großer, musizierender Kühlschränke.

Link: https://brainwashed.com/godspeed/