Maschinen und ihre Menschen - Kraftwerk live © YouTube
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Fun, Fun, Fun auf der Autobahn!

Mit der kürzlich im C. W. Leske Verlag erschienen Textsammlung »Mensch Maschinen Musik« von Uwe Schütte bekommt der Mythos Kraftwerk neuen Zunder. Runter von der Autobahn und rein in die Zukunft der Vergangenheit!

Vor einigen Jahren fanden im englischen Birmingham einige der wichtigsten Kulturtheoretiker*innen unserer Zeit zusammen, um über ein einziges Thema zu reden: das Gesamtkunstwerk Kraftwerk und dessen Einfluss auf Musik, Kultur und Gesellschaft. Ein Symposium in akademischen Kreisen, veranstaltet, um dem Wirken und Werk einer der wichtigsten Bands der Neuzeit zu huldigen sowie dieses mit neuen Ansätzen zu erörtern und geflissentlich zu erweitern. Das nun vorliegende, von Uwe Schütte im C. W. Leske Verlag herausgegebene Buch »Mensch Maschinen Musik« basiert zu einem wesentlichen Teil auf den Erkenntnissen und Vorträgen dieser Konferenz und bietet einen überraschend niederschwelligen Einstieg in das bis heute andauernde Phänomen Kraftwerk.

Uwe Schütte (Hrsg.): »Mensch Maschinen Musik« © C. W. Leske Verlag

»Wir spielen die Maschinen und die Maschinen spielen uns«
Kraftwerk, das ist heute vor allem ein Mythos. Irgendwie und irgendwo hat jede*r schon einmal die unverkennbar futuristisch anmutenden Synthesizer-Sounds von »Trans Europa Express« gehört, ist mit Karacho über die »Autobahn« gedonnert oder bekam den eingängigen Chorus von »Das Modell« nicht mehr wieder aus dem Kopf. Das alles ist Kraftwerk und auch wieder nicht. Denn seit ihren großen und rückwirkend gleichermaßen als Hauptwerk bezeichneten Alben verging, nun ja, ein bisserl Zeit. 40 Jahre und mehr sind jedenfalls kein Fliegenschiss und selbst unter Robotern eine halbe Ewigkeit. In dieser Hinsicht ist es hilfreich, dass sich die Beiträge im neu erschienen Buch dem Gesamtkunstwerk als solches widmen und sich an der umfassenden, bis heute andauernden Band-Chronologie orientieren. Sie zeichnen das einstige (und immer noch verleugnete) frühe Schaffen von Ralf Hütter und Florian Schneider nach, analysieren die von Düsseldorf ausgehende Entstehungsgeschichte im Kontext des amerikanisierten Nachkriegsdeutschlands und ordnen den Beginn von Kraftwerk im Hinblick auf die (nicht nur) in Deutschland ausgebliebene Aufarbeitung des Nazismus als sinnstiftende Identitätsfindung ein.

Der Fokus liegt dabei primär auf der Diskografie der Düsseldorfer Band und ihrer historischen Kontextualisierung. Allerdings wird auch der zunehmenden Umstrukturierung und Musealisierung des Gesamtkunstwerks Kraftwerk Platz geboten. Die eigentliche Distanzierung in Raum und Zeit ermöglichte nämlich erst, diese in einem derartig erweiterten Rahmen zu beleuchten. Ausgehend von einer frühen Suche nach der eigenen Identität – für Ralf Hütter war das Entwickeln einer solchen eng mit der Abgrenzung von der Nazi-Vergangenheit Deutschlands verbunden – und der damit zusammenhängenden Definition ihres Sounds wird der sich anbahnende Prozess der Internationalisierung hin zu einer Abkehr von konventionellen Identitätskonstruktionen und der technisch unterstützten Entpersonalisierung nachgezeichnet. Dies geschieht teils mit akribischer Genauigkeit, teils mit deutlichem Hang zur eigenen Faszination der Autor*innen, ohne dabei aber jemals eine tendenziöse Unschärfe anzudeuten. Manche Beiträge sind offenkundig mitreißend und mit unzähligen Anekdoten und Beobachtungen gespickt. Andere arbeiten sich hermeneutisch an der Musik, den Songtexten und der Performance ab. Das Buch bietet dementsprechend interdisziplinäre wie stilistische Freiräume an, innerhalb derer die Autor*innen durchaus experimentierfreudig agieren dürfen. Unveröffentlichte Interviews und Ausschnitte aus dem Drehbuch für einen Kraftwerk-Film, der nie gedreht wurde, sorgen zudem dafür, dass die Abfolge an analytischen Texten merklich aufgelockert wird.

Uwe Schütte (Hrsg.): »Mensch Maschinen Musik« © C. W. Leske Verlag

»Wir fahr’n, fahr’n fahr’n auf der Autobahn«
Kraftwerk steht für digitale Musik in einer prädigitalen Welt. Die Düsseldorfer träumten stets hoffnungsvoll und fasziniert von einer Zukunft, die sie selbst in gewisser Weise mitprägen sollten. Autoren wie Ex-skug-Chefredakteur Didi Neidhart und Uwe Schütte, der ebenfalls skug-Autor war, betonen deshalb diesen der Gruppe immer inhärenten und quasi-konstitutiven Fortschrittsgedanken, auch wenn sie gleichermaßen darauf hinweisen, dass die Musik stets im zeitlichen Kontext ihrer Entstehung betrachtet werden muss. Utopien waren denkbar, Veränderungen möglich, die Zeit war ganz einfach eine andere, als sie es heute ist. Diese Einordnung in die Geschichte der Popkultur ist es letztlich auch, was die einzelnen Texte so zugänglich macht. Außerdem fließt der nicht unwesentliche Beitrag von Kraftwerk zur Kulturgeschichte und der damit zusammenhängende, stilbildende Einfluss auf nachfolgende Bands und Musikrichtungen mit in die Analyse ein. Dass dabei die diskursiven Grenzen des besprochenen Mythos nicht verschoben werden, sondern eher ihrer eigenen Reproduktion unterliegen, soll hier einmal außen vor bleiben. Als besonders interessant stellt sich in diesem Zusammenhang der abschließende Beitrag von Johannes Ullmaier heraus, der noch einmal explizit hervorgehoben sein soll. Dessen Text steht nämlich ostentativ als desillusionierende Antithese zum lebenden Mythos Kraftwerk, zu dem in den vorangegangenen Texten wiederum einiges mehr beigetragen werden konnte.

Der ausdrücklichen Empfehlung für »Mensch Maschine Musik« tut dies jedenfalls keinen Abbruch. Die Anthologie verbindet akademische Analyse mit popkultureller Leichtigkeit, bleibt dabei durchgehend lesbar und dürfte generelle Anknüpfungsmöglichkeiten sowohl für ausgewiesene Kenner*innen und Fans von Kraftwerk als auch für interessierte Neueinsteiger*innen bieten. Ein hervorragender Einstieg und eine fundierte Vertiefung, um die einstige Musik der Zukunft wieder neu zu entdecken.

Uwe Schütte (Hrsg.): »Mensch Maschinen Musik – Das Gesamtkunstwerk Kraftwerk«, 368 Seiten gebunden, erschienen 2018 im C. W. Leske Verlag.

Link: https://cwleske.de/buecher/mensch-maschinen-musik/

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