Erkrankung durch Musik

Dietmar Bruckmayr – der kleine hyperaktive Arsch schreibt seine Rezensionen jetzt schon im Zug oder in schweißigen Künstlergarderoben! Das kann nichts mehr werden!

»The Absolute Supper« (Cold Meat Industries): Bei Nichterwähnung dieser gewaltigen Sammlung heidnisch-mechanischen Musikschaffens wurde mir vom zuständigen Promotor mein Tod in Aussicht gestellt. Diese Gefahr ist nun abgewendet! Es besteht die Möglichkeit, sich wesentlich entspannter mit gemeinen Trollen, lüsternen Zwergen, fleischfressenden Riesen, Bocksfüßigen und Wikingergöttern in finsteren skandinavischen Schrebergärten herumzutreiben. In Slaughter Natives, Ordo Equilibrio, Deutsch Nepal, Mortiis und finstere Konsorten zelebrieren das musikalische Heidentum bei Erfindung der Maschine. Neowagnerianer, Schlichtromantiker, Krachmaschinisten und Deppen aus dem Hotel Mama liefern eine schön aufgemachte unterhaltsame Sammlung musikalischer Obscura, die aufgrund Urheber und Verleger immer hart an der Grenze des politisch und intellektuell Verträglichen dahinmarschieren, im stillen dämmrigen Kämmerlein jedoch gut unterhalten. Vom Hochlandmoor ins Astralgebirge mit der substanziell wichtigen »Hawkwind Masters of the Universe Complete 79 Collector Series Vol. 1« (Hawk Records). Aufschlußreiches Bildmaterial, ausschließlich Klassiker, natürlich auch »Silvermachine«. Die weiteren neun Teile der zehnteiligen Sammlung sind bereits verfügbar, laut Insider-Information sicher wohl auch schon im Besitz des prominenten Jaroslav Fiala, der dann gerne zum ORF-Space-Rock-Jour-fixe lädt. Also am besten anrufen und Termin vereinbaren. Weg von der Esoterik zum fleischlich Trivialen. »Rockabilly rarities volume one« (Yeaah!), die Sammlung für den unverbesserlichen geschmalzenen Frauen-Schüttler und -Roller im Ottakringer Star Club äh Albert Sever Saal. Lonesome Long John Roller, Lynn Pratt and his Rhythm Cats, Junior Gravely with the Rock-A-Tones und 29 weitere schmierige Kapazunder mit aufgedoppelten Sohlen oder Pony und Pettycoat verteilen sogenannte und altbekannte Magenbarone und Nasenpreller. Eher schon etwas unnötig … Selbiges gilt nicht ganz auch für THE ZEROS mit »Right Now« (Empty Records). Schlichter, professioneller Hispanic Punk der amerikanischen Tradition von 1977 mit dem mittlerweile ja recht prominenten El Vez. Die Herren sind mittlerweile in Euroland auf Tour und garantieren auf der Bühne wohl für solide fröhlich-nostalgische Unterhaltung für höhere Semester. Die gute Laune fehlt der störrischen Legende David Thomas zumindest vordergründig völlig. DAVID THOMAS AND THE FOREIGNERS granteln sich auf »Bay City« (Hearpen Records) durch skandinavische Hafenkneipen und verstellen mit allerlei sperrigem Musikkram wie Steeldrums, Casio, Melodica, Klampfen usw. die Wege zu Bar und Klo. Es könnte Streit geben, stattdessen gibt es Freibier. Die Stimmung steigt, wir bleiben gerne!
Mit Le Hammond Inferno wurde mir vom Vertrieb nebst netter Accessoirs wie Boxhandschuhen als Schlüsselanhänger noch eine Maxi untergeschoben, die weder mir sinnliche, noch der Firma finanzielle Freude machen wird. Der Jingle »Easy Leasing Superstar« (Bungalow) für einen Nike-Spot klingt nach einem debilen Output der Hazienda im Manchester vor zehn Jahren bei schlechtem Acid. Wird zwar von den Ekins auf FM4 schon brav gespielt, ist aber schlichtweg beschissen. Für den Ekin mit Nike-Kluft, Nike-Latschen, Nike-Brille, Nike-Vertreterjob und Nike-Recreation-Area-Admissioncard für Scheißbräune und Scheißfitness einen Arschtritt vom Sportwart Scheiß-Bruckmayr. Kurz vor der Abreise nach Vulgarien wird glücklicherweise noch Herr Alfred zur Rettung des Magazin-Niveaus mit heißen Scheiben bei Bruckmayr vorstellig. Der Rezensent bucht um nach Marseille via Chicago. Die Compilation »Superfunk« (Fiat Lux) ist schlichtweg senstationell. Die lieben Franzosen laden sich Freunde wie Paul Johnson ein, auf daß Marseille für immer Chicago bleibe. House-Tracks, deren Vocals zu ruinösen Tagediebereien verleiten. Wir ruhen uns aus bei Mika Cohen in Strasbourg auf seinem schönen elektroakustischen Möbel TRACKMARK, welches symptomatischerweise auf Home made erschienen ist. Fragile und sehr eigenständige Sound-Montagen mit großen Einschüben jenes akustischen Phänomens, das ungenau Stille genannt wird. Eine recht spaßige Angelegenheit ist dann der Rückblick »Robofication« (Erkrankung durch Musik) des frankophilen Japaners von STERIL auf zwei Werkblöcke zu Beginn und Mitte der 80er Jahre. Gemeinsam mit der charmanten Etienne in St. Tropez und dann allein in Shinjuku wurde mit einschlägigem Billiggerät dem Synthiepop mit allen seinen Vor- und Nachteilen gründlich gehuldigt, die Masterbänder erdbebensicher in Bauch eines sündteuren japanischen Zierkarpfens verwahrt und nun rechtzeitig zum Electro-Boom durch gezielten Bauchschnitt und Herausbraten des Karpfens wiederveröffentlicht. Hurra!