Eric Arn

»Higher Order«

Carbon Records

Instrumentale Gitarrenmusik fristet in aller Regel ein Schattendasein. Eine paar Dutzend junger und nicht mehr ganz so junger Herren zieht seit Jahrzehnten in aller Ruhe immer wieder sechs bis zwölf neue Saiten auf und – offene Stimmungen hin oder her – der Eindruck, es handele sich hier um einen ziemlich homogenen und exklusiven Zirkel, ist nicht ganz von der fingerpicking Hand zu weisen. Kürzlich aber dann Aufregung in der Gemeinde, denn die New York Times stiftete Unruhe und titelte anlässlich des neuen Albums von Yasmin Williams: »The Face of Solo Guitar Is Changing. It’s About Time«. Stichwort »Diversität«, endlich – so hörte man den Autor seufzen – wandle sich das Genre bzw. hole es die Gegenwart ein und mache auch eine Auseinandersetzung mit dem Übervater John Fahey und der von ihm eingeführten – und nun als problematisch aufgefassten – Chiffre »American Primitive« notwendig, eine Wortschöpfung, die bislang beinahe als Synonym für eine ganze Reihe von instrumentaler Gitarrenmusik galt. Solche Verkürzungen sind so wenig zutreffend, wie sie eben an der Tagesordnung sind (und auch – mit Bedacht gewählt – ihre Berechtigung haben). Popmusikkritik steht da dem Einzelhandel nahe: es werden Etiketten geklebt, dass die Kundschaft sich orientieren kann. Mit diesem Hinweis soll hier die notwendige Debatte nicht abgewürgt werden, aber an dieser Stelle genügt der Hinweis auf den Essay und ich wende mich Eric Arn zu, der ist lange genug dabei, hat viel gesehen und gehört – und ist (nicht) der »alte weiße Mann«, der in jüngeren Diskussionen gerne als Pappkamerad aufgestellt wird, um ihn argumentativ zu erledigen. Sein musikalisches Repertoire ist breit gefächert, dem digitalen Waschzettel will ich an dieser Stelle gar nicht widersprechen, er drückt treffend aus, was es auf dem Album zu hören gibt: »›High Order‹ is an amazing mix of frenetic fingering and strumming, along with pieces that use space, tempo shifts, and melody to build super-descriptive narratives and landscapes«. So ist es, die Gitarre erzählt. Wovon? Das ist nicht nur eine politische Frage, sondern auch eine der Fantasie. Was gibt es darüber hinaus zu ergänzen? Nicht viel bzw. dann doch noch einmal der Hinweis auf den Zeitungsartikel, der ja jenseits agitatorischen Potenzials (Denkanstoß!) auch dazu gut ist, der als kauzig geltenden Gilde der Gitarrist*innen (ja, ganz ausdrücklich mit Gendersternchen, denn neben Yasmin Williams gibt es eine Reihe weiterer Akteurinnen in diesem Feld), wohl verdiente Aufmerksamkeit zukommen zu lassen, weil sie – Debatte hin, Diskurs her – sehr hörenswerte Musik veröffentlichen! Insofern: The face of solo guitar may be changing, but the music? Not so much! Bzw. der stilistische Reichtum, den das Instrument ermöglicht, ist seit jeher gegeben und entwickelt sich permanent fort. Eric Arn beherrscht sein Instrument und bietet eine breite Palette an stilistischen Zugängen, das stellt (wie oben erwähnt) der digitale Waschzettel ja schon aus und daher bietet die Platte einen idealen musikalischen Einstiegsort für Neugierige, die vielleicht auch über die Debatte angelockt wurden oder mittels Debatte dem musikalischen Feld zeitgenössische Relevanz einräumen wollen. Von dort aus kann die Reise dann weitergehen, es gibt viel zu entdecken.