Gwenifer Raymond

»Strange Lights Over Garth Mountain«

Tompkins Square

Gwenifer Raymond ist eine walisische Gitarristin, die gewissermaßen vollumfänglich als Riot-Grrrl-Role-Model durchgehen kann. Die promovierte Physikerin programmiert zum Broterwerb in der Computerspielbranche und erweitert zum Feierabendbier auf der Couch gerne ihr ohnehin schon enzyklopädisches Wissen um Horror-B-Movies. Das klingt fast wie ausgedacht am Institut für Gender-Studies an der Universität Wolkenkuckucksheim und entsprechend viel Aufmerksamkeit kam diesen biografischen Details bereits zu, als vor zwei Jahren mit »You Never Were Much of a Dancer« ihr Debütalbum erschien. Gwenifer Raymond schlug in der American-Primitive-Guitar-Szene ein wie eine Bombe, denn dieses leicht staubige Genre ist beinahe exklusiv ein Männerclub. (Es gibt noch eine Handvoll mehr – stilistisch sehr unterschiedliche – Gitarristinnen, die in dieser musikalischen Nische die Quote heben, zum Beispiel Wendy Eisenberg, Sarah Louise oder Kristin Thora Haraldsdottir fallen mir spontan noch ein.) Und ganz zurecht und völlig unabhängig von der hormongesteuerten Aufregung im globalen John-Fahey-Männerwohnheim war das Debüt von Raymond im Handumdrehen ausverkauft, denn es ist sehr gut und nun liegt bald das Nachfolgealbum vor. Und das ist auch sehr gut. Ihr energisches und beizeiten haarsträubend schnelles Spiel erinnert an den leider früh verstorbenen Jack Rose, der Anfang der 2000er-Jahre das sehr spezielle Genre dieser instrumentalen Gitarrenmusik einer neuen Generation junger Musiker*innen erschloss (Daniel Bachman zum Beispiel). Auch gelingt es Raymond, aus dem Schatten der großen Alten (Fahey, Basho) herauszutreten und das ist im Falle dieses geschichtsträchtigen und geschichtsverliebten Genres keine Kleinigkeit. Gwenifer Raymond klingt wie Gwenifer Raymond. Das liegt zum einen an der Geschwindigkeit, mit der sie zu Werke geht, und einer gewissermaßen an Punk geschulten Aggressivität. (Nirvanas »Nevermind« nennt Raymond als das Album, das sie als Teenager zur Gitarre greifen ließ.) Nun haut Raymond aber nicht nur rein, sie kann auch anders. »Eulogy For a Dead French Composer« oder das Titelstück belegen eindrucksvoll ihre musikalische Sensibilität und das ganze Album ist ein kurzweiliges und abwechslungsreiches Vergnügen. Innerhalb der Fingerstyle-Guitar-Gemeinde ist es ein offenes Geheimnis, dass Gwenifer Raymond »a supernaturally talented acoustic guitar player« (guitar.com) ist und wenn am 13. November »Strange Lights Over Garth Mountain« erscheint, dann wird es nicht lange dauern, bis die Vinylauflage des Albums vergriffen sein wird. Digital und als CD wird das Album ebenfalls veröffentlicht werden – und mit der Rezension verbindet sich die – sozusagen missionarisch motivierte – Hoffnung, dass auch jenseits von Insiderkreisen die Musik von Gwenifer Raymond auf offene Ohren stoßen kann und wird.