Elektrische Ûberspannung des »Shlemichl«

Lou Reed realisierte auf eigene Faust Volksnähe, würde Hannah Arendt diagnostizieren. Ein ganz eigener Nachruf.

Foto: Michael Ochs Archives

Als Zeyde, als Pate des (jüdischen) Punk, beschreibt Steven Lee Beeber in seiner Suche nach den jüdischen Wurzeln des Punk den am Sonntag verstorbenen Musiker Lou Reed. Dessen Vater hatte den Familiennamen Rabinowitz in Reed umgeändert, als der kleine Lou ein Jahr alt war. Reed war Enkel russischer Juden, die vor dem Antisemitismus geflohen waren. Reed »wusste, dass Kinder wie er in Europa zusammengetrieben und vergast worden waren«, schreibt Beeber – selber Saxophonist der Gospel-Punkband The Chowder Shouters aus Atlanta – und Reed trug schon als Kind eine starke Unruhe in sich, genannt »diesen Shpilkes«.
Angeblich litt Reed am überfürsorglichen »jüdische-Mutter-Syndrom« und als seine Eltern, die nicht zusehen wollten, wie sich ihr Sohn in einen »halbstarken, schwulen Folksänger« verwandelte, ihm eine Serie von Elektroschocks verpassen ließen, lernt er zweierlei: Die Kraft der Elektrizität und daher wohl auch die Kraft der elektrischen Musik kennen und fürchten. Und eine gewisse Distanz einzugehen zu Eltern mit Schäden, die sie an ihren Kindern ausleben – wie sie typisch ist für die zweite Generation nach der Shoah.
Wie mit »Menschenbesetzern« umgehen, die sogar vor körperlicher Mißhandlung nicht zurückschrecken? Wie deren reale Schäden über Generationen thematisieren und trotzdem das Mitgefühl nicht verlieren?
Reed sexualisierte diese und andere Ambivalenzen und Probleme auch noch: »I wanna be a Panther / have a girlfriend named Samantha / keep a stable of foxy whores / and fuck up the Jews« (aus: »I wanna be black«).
Eine ähnlich schwierige Lage wie bei den Bandmitgliedern der Gruppe Laibach, die mit Partisanen-Eltern klar kommen mussten sowie deren Befehlen ohne Widerspruchsmöglichkeit: »Ihr macht, was wir sagen, denn wir haben gegen die Nazis gekämpft«. Aufstand!

 

Das »kleine menschele«

Wie er in einem TV-Interview sagte, wollte Lou Reed aber »wirkliches Leben und wirkliche Menschen« in seinen Songs darstellen und ansprechen und »machte die Plattenspieler der amerikanischen Jugend für Masochisten, Drogenabhängige, Lederfetischisten und Straßenpunks klar« (Beeber). Dazu kehrte er in die Stadt zurück, in der seine Großeltern das »goldene Land« erreicht hatten. Er wollte die Ausgestoßenen erreichen, »das kleine menschele«, das bei »jiddischen Autoren und jüdischen Sozialisten schon Jahrzehnte vor Reeds Stücken beliebt war«.
Hannah Arendt schreibt vom Versuch, »die frohe Botschaft der Emanzipation so ernstzunehmen, wie sie nie gemeint gewesen war, und als Juden Menschen zu sein« und vom »großartigen Prozeß, in welchem Juden sich in leidenschaftlicher Opposition zu ihrer jüdischen und nichtjüdischen Umwelt selbst befreiten und in der Einbildungskraft von Kopf und Herz, gleichsam auf eigene Faust, Volksnähe realisierten«. Für diese Leistung sei eine »Ûberspannung von Leidenschaft und Einbildungskraft« notwendig. Elektrische Ûberspannung im Falle von Lou Reed! Arendt bezieht sich auf die Figur des Paria, wobei ihre Variante des »Schlemihls und Traumweltherrschers« als die geeigneste für Lou Reed erscheint: »Der Paria, der außerhalb der Rangordnung der Gesellschaft steht und keine Lust hat, in sie aufgenommen zu werden, wendet sich sorglosen Herzens dem zu, was das Volk liebt, erfreut, bekümmert und ergötzt.«
Schon Heinrich Heine schrieb: »Schlage die Trommel und fürchte dich nicht und küsse die Marketenderin«. Was Arendt über Heine schreibt, könnte auch für Lou Reed gelten:
»Dadurch, dass er festhielt an seiner Zugehörigkeit zu einem Volke von Parias und Schlemihlen, reihte er sich ein in die Zahl der kompromisslosen Freiheitskämpfer Europas.«

Hannah Arendt: »Die verborgene Tradition. Essays«. Frankfurt/M.: Jüdischer Verlag 1976
Steven Lee Beeber: »Die Heebie-Jeebies im CBGB’S. Die jüdischen Wurzeln des Punk«. Mainz: Ventil 2008

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Lou Reed 1984, Foto: Allen Ginsberg (Postkarte)