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Material, wie es unterschiedlicher nicht sein könnte. Ich muss immer wieder betonen, wie sehr ich die grenz- und genreübergreifenden Arbeiten dieses Berliner Ensembles um Reinhold Friedl schätze. Mögen die Resultate auch manchmal nicht ganz zu überzeugen, Zeitkratzers Gespür für lustvolle Musikgeschichtsaneignung zwischen arrivierter Avantgarde und Underground macht Derartiges ganz locker wieder wett.

Zeitkratzer haben sich mit dieser Kollaboration mit William Bennett aka Whitehouse einmal mehr ins Noise-Fach begeben, nach ihrer Neueinspielung von »Metal Machine Music« oder der Zusammenarbeit mit Merzbow eine nur stringente Unternehmung. Auf dieser CD gibt es kein maschinelles weißes Rauschen, für das Whitehouse seit Beginn der 1980er stehen. Dafür einen Exkurs in mikrotonale, schwer konzentrierte Exzessphrasen. Wie bei dieser Konstellation nicht anders zu erwarten, verdichtet sich Noise dabei zum Attali’schen Riss (»rupture«) zwischen Tradition und zukünftigen, unerhörten Musiken. Eine Kakophonie reinster Güte, zäh, grollend, fauchend. Eine CD, die sich streckenweise anhört wie Soundexperimente der Old-School-Industrialzeit, sonische Destabilisierungstaktiken nicht mehr über den Maschinen-Diskurs gelesen, sondern als klangarchitektonische Körpererfahrung. Brachialität in all ihrer ambivalenten Schönheit.

Ganz anders dagegen die Einspielung mit Werken des amerikanischen Klangraumforschers und Minimalisten Alvin Lucier. Wie schon bei John Cage haben sich Zeitkratzer mit der Serie »[old school]« den Grundlagen zeitgenössischer Musik und ihrer Aktualisierung verschrieben. Hier stellte sich die Frage, wie man Raum so in den Klang integriert, dass er zur zentralen Aussage, oder zumindest zum integralen Teil der Hörerfahrung wird. Sämtliche fünf Lucier-Stücke, meist mehr als zehn Minuten lang, bringen Handlungsanweisungen an die Musiker, die nicht in Noten oder Partitur, sondern als textliche, als konzeptuelle Entwürfe gefasst sind. Das ist ultraminimalistische Musik, die in ihrer Exaktheit sowohl vom Ensemble wie vom Zuhörer höchste Konzentration einfordert. Mit der Reduziertheit von »Music For Piano With Magnetic Strings« könnte es höchstens Phill Niblock aufnehmen. Das »Highlight« ist »Silver Streetcar For The Orchestra«: Eine verstärkte Triangel, sonst nichts. Dämpfung, Tempo, Anschlagdynamik und Rhythmusverschiebungen wachsen sich zu fragil-komplexer Aufgekratztheit aus. Durchaus eine Tour de force.

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