Ben Salomo © JJPhotography

»Ein Jude kann es einem Antisemiten niemals recht machen«

Der Berliner Rapper Ben Salomo war jahrelang verantwortlich für die wichtigste deutsche Institution des Battle Rap, »RAM« (»Rap am Mittwoch«), bis er die Sache aufgrund ständiger antisemitischer Anfeindungen schmiss und sich anderweitig betätigte. Ein Interview über Antisemitismus und Aufklärung.

In seinem Buch »Ben Salomo bedeutet Sohn des Friedens« zeichnet Jonathan Kalmanovich alias Ben Salomo sein Leben als Jude in Deutschland, genauer in Berlin nach. Da geht es um seine komplizierte jüdische Familiengeschichte (er selbst zog als junger Bub aus Israel nach Berlin), die frühen Anfeindungen durch Mitschüler, seine Flucht in den vorerst noch sicheren Raum der Rap-Musik und dann vor allem um das, was für Jahre seinen Hauptlebensinhalt ausmachte: »RAM«, das Größen wie Capital Bra hervorbrachte. Nach jahrelangen, zum Teil üblen Anfeindungen schmiss er die Geschichte, schrieb sein Buch und ist nun fleißig auf Tour durch Schulen, Unis usw., um aus seinem Buch zu lesen, zu diskutieren und zu sensibilisieren. skug traf sich mit ihm in einem Schöneberger Café.

skug: In Ihrer Autobiografie kritisieren Sie die deutsche Rap-Szene teils scharf. Wie fielen die Reaktionen darauf aus?
Ben Salomo: Außerhalb der Rap-Szene waren die Reaktionen auf mein Buch insgesamt sehr positiv. Innerhalb der Szene, insbesondere seitens der Rap-Medien, wird hingegen so getan, als würden mein Buch und die Missstände, die ich darin anspreche, nicht existieren.

Woran liegt das Ihrer Meinung nach?
Sie wollen sich an dem Thema einfach nicht die Finger verbrennen. Die Rap-Medien sind abhängig davon, dass relevante Künstler*innen bei ihnen Interviews geben. Und kritische Fragen mögen diese Leute überhaupt nicht. Also wird einfach mitgelaufen, etwas Smalltalk gemacht und Alben und Touren promotet. Mehr nicht. Aber was die Reaktionen angeht, gab und gibt es auch einige Künstler*innen und ehemalige Weggefährt*innen, die versuchen, mich und mein Buch als unglaubwürdig zu brandmarken. Sie hetzen in den sozialen Netzwerken ihre Fans gegen mich auf und organisieren Verleumdungskampagnen. Manche gehen sogar soweit, mir privat Hassbotschaften zu schicken. In einigen Fällen wurde mir und meiner Familie sogar Gewalt angedroht.

Wie gehen Sie damit um?
Ich lasse mir keine Angst mehr einjagen. Alles, was ich in meinem Buch geschrieben habe, ist wahr. Und getroffene Hunde bellen nun mal. Glücklicherweise gibt es inzwischen aber auch eine wachsende Fraktion innerhalb der Szene, die meine Kritik annimmt und erkennt, dass man offen darüber sprechen muss.

In Ihrem Buch fällt ein Satz besonders auf: »Mit toten Juden haben die Menschen mehr Kontakt.« Was meinen Sie damit?
Dass die meisten Menschen in Deutschland öfter mit Holocaust-Gedenkstätten und Stolpersteinen in Kontakt kommen, als persönliche Erfahrungen mit unter ihnen lebenden Juden zu machen. Also den direkten Nachfahr*innen der Überlebenden. Perverserweise führt das dazu, dass die Ressentiments gegenüber Juden wieder unfassbar weit verbreitet sind. Und das in allen Teilen der Gesellschaft.

Konnten Sie als lebendiger Jude denn schon Leute von ihrer Meinung abbringen?
Bei »Rap am Mittwoch« konnte ich sicher einige Menschen davon überzeugen, dass ihr Bild vom »typischen Juden« Schwachsinn ist. Aber da gab es auch viele, von denen ich weiß, dass sie mich damals höchstens als eine Art Ausnahme von der Regel betrachtet haben. Und auch heute gibt es noch eine Fraktion, die mir besonders leidenschaftlich vorwirft, ein »typischer Jude« zu sein. Weil sie mich als einen Verräter, also als Judas, betrachten, der ihre geliebte Rap-Szene anschwärzt. Eines habe ich mit der Zeit jedenfalls gelernt: Egal, wie man sich auch bemüht, ein Jude kann es einem Antisemiten niemals recht machen.

Sie sagten andernorts einmal, dass viele Ihrer Kolleg*innen das Problem nicht offen ansprechen wollten, weil sie es sich sonst mit anderen verscherzen würden. »Rap am Mittwoch« hat nun Leute wie etwa Capital Bra mit groß gemacht. Sollten die nicht mal den Mund für Sie und die Sache aufmachen?
Die sozialen Verflechtungen in der Rap-Szene sind so komplex, dass es den meisten Leuten sehr schwerfällt, sich abzugrenzen. Beim Thema Antisemitismus, mit all seinen Spielarten, von denen einige sehr subtil sein können, fällt es ihnen nochmal schwerer. Da es innerhalb der Rap-Szene einen breiten Konsens in Bezug auf antisemitische Verschwörungsmythen und einer kritischen bis offen feindseligen Haltung gegenüber Israel gibt, steht man schnell im Abseits, wenn man sich öffentlich dagegen positioniert. Aber als von Diskriminierung betroffener Mensch wünscht man sich natürlich immer Solidarität und Zivilcourage von seinen Mitmenschen, klar.

Aber gehört es nicht zum guten Ton im Battle Rap, konfrontativ zu sein, seinem Gegenüber auch mal verbal die Fresse zu polieren? Müsste es nicht gerade hier auch mal möglich sein, dem Gegenüber den eigenen Hass vorzuhalten? Oder macht man sich damit selbst schon wieder zum Opfer, weil man Schwäche eingesteht und sich angegriffen fühlt?
Also ich würde den Kunstcontainer Battle Rap tatsächlich ausklammern aus der Debatte, denn da geht wirklich einiges an Geschmacklosigkeiten klar. Vielmehr muss man hinschauen, wie sich diese Künstler*innen in ihrer Musik, die nochmal ein anderer Kunstraum ist, artikulieren. Beim Battle Rap hast du zwei Protagonist*innen. Diese haben sich auf das Battle eingelassen, im besten Fall haben sie sich auch aufeinander vorbereitet und wissen auch, dass gegen sie geschossen wird. In der Musik jedoch konstruiert man sich einen Gegner und es wird nicht widersprochen. Das heißt, es gibt auch keinen Ausgleich oder den Auflösungseffekt am Ende, wo sich die Gegner*innen respektieren und die Zuschauer*innen sehen, dass das Kunst und Sport ist. Die eigentliche Musik wird auch auf einem ganz anderen Level konsumiert. Die wird zum Teil tausendmal gehört und das hat einen ganz anderen Impact auf die Psyche der Hörer*innen und entsprechend muss man das mit einem anderen Maßstab bewerten. Darüber hinaus aber, und das ist der springende Punkt, muss man gucken, was die Rapper*innen außerhalb der Musik tun. Wie artikulieren sie sich auf Facebook, Instagram oder in Interviews? Und wenn sich da gewisse Denkstrukturen offenbaren, dann wird das, was sie in der Rap-Musik oder im Battle machen, nur zu einem Vehikel, um diese Narrative einer breiten Öffentlichkeit zu präsentieren. Und das ist dann die Verbreitung von Ideologie. Ein aktueller Fall ist der Podcast von B-Lash und MC Bogy. Da sagt B-Lash, der Begriff Antisemitismus sei ein reiner Kampfbegriff und würde nur verwendet werden, um Menschen mundtot zu machen. Das ist eine Sichtweise, die so nur von Rechts- oder Linksextremen oder Islamisten verwendet wird. Und MC Bogy verklärt die Sudetendeutschen als Opfer des Holocaust. Das ist 1:1 NPD-Sprech. Und da haben wir zwei Leute, die von sich niemals behaupten würden, dass sie Antisemiten seien, aber sie artikulieren sich in antisemitischer Art und Weise.

Im Deutsch-Rap geht es viel um Stärke und den Auftritt. Sie beschreiben es auch in Ihrem Buch, diesen Zwang, stark auftreten zu müssen.
Du kannst es dem Antisemiten nicht recht machen. Bist du reich, bist du Ausbeuter. Bist du arm, bist du Schmarotzer. Wehrst du dich, übertreibst du es, bist paranoid, bist eine Heulsuse, die sich wohlfühlt in ihrer Opferrolle. Wehrst du dich nicht, machst du dich zum Wurm und brauchst dich nicht wundern, wenn auf dich eingetreten wird. Der Antisemit will natürlich nicht den wehrhaften Juden. Tut er es doch, dann reagiert er mit einer Täter-Opfer-Umkehrung. Oder: Der Vorwurf des Antisemitismus wiegt schwerer als das Problem, dass der Betroffene von Antisemitismus beim Antisemiten anspricht. Es wundert mich immer, wie programmiert diese Leute dasselbe Vokabular vom Stapel lassen. Vieles von dem gibt es natürlich im Internet zu Genüge, irgendwelche Verschwörungsvideos, und am Ende plappern sie das einfach nach. Leider ist die Mehrheitsgesellschaft nicht fähig, dem etwas in den sozialen Netzwerken entgegenzusetzen, weil sie bei weitem nicht so emotionalisiert sind wie die und sich möglicherweise auch mit solch einer Auseinandersetzung nicht belasten wollen. Aber jeder Millimeter, der diesen Leuten freigemacht wird, wird von ihnen besetzt, und das ist der Weg in die Finsternis.

Wenn Sie sagen, es muss gesellschaftlich etwas getan werden, dann würde ich vermuten, es geht vor allem um politische Bildung und die deutsche Bundesregierung im konkreten, die Maßnahmen ergreifen muss?
Unwissenheit begünstigt das Erstarken des Antisemitismus. Einerseits muss was in der Bildung getan werden, um junge Menschen gegen Verschwörungstheorien, die am Ende immer Juden oder Israel als das globale Problem betrachten, zu immunisieren. Darüber hinaus muss in der Gesellschaft generell über das Thema gesprochen werden und die Dämonisierung Israels zurückgedrängt werden. Es ist bezeichnend, wenn wir uns die Resolutionen der Vereinten Nationen anschauen: Allein 2017 waren 21 von 27 Resolutionen der UN‐Vollversammlung ausschließlich gegen Israel gerichtet, nur eine gegen Syrien, Iran, China, Saudi-Arabien und so weiter. Das spiegelt nicht die Krisen der Welt wider, aber es beeinflusst das Klima, das herrscht. Deutschland ist bei diesen Resolutionen gegen Israel zu mehr als zwei Drittel dabei. Die Außenpolitik in Bezug auf Israel, dessen Sicherheit ja Deutschlands Staatsräson ist, ist irritierend und schizophren. Zudem muss ein Umdenken bei einem Teil der Medien geschehen. Gerade in Zeiten, wo vor allem Schlagzeilen in Timelines so eine mächtige Wirkung haben, muss die Sachlage genau wiedergegeben werden, beispielsweise bei der chronologischen Abfolge von Ereignissen im Konflikt Israel–Gaza. Denjenigen, die diesen Medien sowieso schon misstrauen, darf auch nicht noch mehr Futter zugeworfen werden. Zudem wird Nachrichtensendern aus dem Nahen Osten, die vielfach ein geschichtsklitterndes Verständnis an den Tag legen, nicht widersprochen. Dann brauchen wir uns nicht wundern, dass das Klima, das hier herrscht, toxisch ist und viele Juden nicht nur No-go-Areas haben, sondern wirklich als Juden keine Zukunft in Deutschland mehr sehen. Für Deutschland, dass sich das »Nie wieder!« auf die Fahne schrieb, ist das eine Schande.

Gegen Ende Ihres Buchs versuchen Sie einen Lösungsansatz zu formulieren. Nämlich direkt bei Kindern mit Aufklärung und Sensibilisierung anzufangen.
Je früher man Menschen gegen diese antisemitischen Ressentiments und Verschwörungstheorien immunisieren kann, umso besser. Wenn sie sich einmal im Kopf verfestigt haben, wird es leider sehr schwer, sie wieder loszuwerden.

Ist es bei den Älteren schon zu spät? Bei Kollegah schien auch ein Besuch in Auschwitz wenig zu helfen.
Das scheint mir manchmal wie eine Art wahnhafte Erkrankung zu sein, an der diese Menschen dann ein Leben lang leiden. Leider ist sie auch noch ansteckend. Und, wie man immer wieder sehen kann, sehr gefährlich.

Aber woher kommt Ihrer Meinung nach, dieser Hass heute? Gerade unter Jugendlichen ist das Phänomen ja besonders zu beobachten.
Das geht weit über die Jugendlichen hinaus. Allerdings kommt Antisemitismus bei ihnen oftmals sehr impulsiv und besonders unverblümt zum Ausdruck. Jüdische Schüler*innen haben es an deutschen Schulen häufig sehr schwer. Eine Lehrerin erzählte mir, dass das Wort »Jude« an deutschen Schulen inzwischen das am häufigsten verwendete Schimpfwort sei, auch wenn niemand an der Schule jüdischen Glaubens ist. Und hier ist tatsächlich Kritik am Staat Israel ein besonders beliebter Vorwand, wenn nicht sogar der Vorwand schlechthin, durch den der Judenhass zum Ausdruck gebracht wird. Aber es gibt noch viele andere Ausdrucksformen, etwa die breite Palette antisemitischer Verschwörungstheorien.

Ben Salomo © JJPhotography

Wieso sind Lehrer*innen an den Schulen offenbar nicht fähig, die Schüler*innen zu sensibilisieren? Fehlt da schlicht Wissen über die Geschichte Israels? Und über jüdisches Leben generell?
Ich kann das natürlich nicht pauschal sagen, dazu müsste ich ja alle Lehrer*innen kennen. Aber ich habe das Gefühl, ausgehend von meiner Zeit als Schüler selbst und auch wenn ich jetzt an Schulen gehe und mich mit Lehrer*innen unterhalte, dass insbesondere beim Thema Israel große Wissenslücken bestehen. Vor allem im Hinblick auf die Staatsgründung, aber auch insgesamt auf die Staatenbildung im gesamten Nahen Osten. Und: Es existieren auch viele Wissenslücken dahingehend, was Antisemitismus vom Begriff her, von all seinen Strömungen und Erscheinungsformen ist. All diese Dinge sind bei den meisten Lehrer*innen nicht so richtig präsent und dementsprechend sind sie überfordert, wenn er ihnen begegnet. Und darüber hinaus glaube ich, dass die meisten Menschen von diesen komplexen Dingen der Geschichte viel zu wenig Wissen besitzen.

Das kommt wahrscheinlich auch in ihrer Ausbildung viel zu kurz.
Ja, ich schätze nicht, dass die Lehrer*innen sich in ihrer Ausbildung flächendeckend mit Antisemitismusforschung oder mit Täter*innenforschung beschäftigen. Und gleichzeitig fehlt es vollkommen an Interventionsstrategien, welche die Lehrer*innen lernen könnten.

Sie arbeiten ja jetzt selbst quasi als Lehrer. Wie gehen Sie da didaktisch vor? Wie kommt das bei den Kindern und deren Eltern an? Und wie bei den Student*innen?
Insbesondere bei den Jugendlichen kommt das gut an. Das Feedback, das ich erhalte, ist sehr positiv. Ich versuche dabei, mit den Jugendlichen ein Gespräch auf Augenhöhe zu erzeugen, indem ich erstmal Empathie schaffe, für das Problem, als Jude ausgegrenzt zu werden. Dadurch, dass die meisten mich kennen, durch »Rap am Mittwoch«, und mich sympathisch finden, funktioniert das gut. Und dann haben sie einen vor sich, der aus seiner Kindheit erzählt, und sie merken, dass Diskriminierung nicht cool ist. Und auf dieser Basis versuche ich dann auch andere Formen der gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit anzusprechen, seien es Homophobie, Frauenfeindlichkeit, Ausländerfeindlichkeit, Muslimfeindlichkeit oder Rassismus. Das erzeugt dann auch wieder den Rückschluss und sie werden doppelt empathisch in Bezug auf den Antisemitismus. Denn würde ich nur über Antisemitismus reden, wäre das eine Einbahnstraße. Denn die Jugendlichen haben auch ihre eigenen Erfahrungen mit den Themen. Ich versuche das auf diese Weise umfassend zu bestreiten und das Feedback ist wirklich grandios. An den Universitäten, bei den Student*innen, habe ich eine andere Herangehensweise. Da rede ich dann mehr über gesellschaftliche Probleme und historische Zusammenhänge.

Haben Sie schon Mitstreiter*innen gefunden? Ahmad Mansour z. B. macht ja eine ähnliche Arbeit. Haben Sie Kontakt, haben Sie Ideen für eine gemeinsame Zusammenarbeit?
Ja, wir haben einander schon kennengelernt, gemeinsam mit vielen anderen Aktivist*innen und Aufklärer*innen in diesem Bereich. Mit einigen kam es schon zu Kooperationen oder gemeinsamen Podiumsdiskussionen, z. B. mit dem Antisemitismusbeauftragten Felix Klein. Ich hoffe sehr, dass ich irgendwann mit Ahmad Mansour gemeinsame Projekte machen kann. Eine gemeinsame Vision haben wir schon.

Die Mehrheit der Deutschen ist der Meinung, dass Juden selbst an ihrem Ruf Schuld haben und zu viel über die Vergangenheit sprechen. Wie soll das gehen, aufklären und gleichzeitig den Mund halten?
Die Strategie, den Juden Schuld am Antisemitismus zu geben, ist eine sehr alte und wurde schon von den Nationalsozialisten angewandt. Es herrscht da wieder ein neuer Konsens, in diese Richtungen zu gehen. Es ist im Prinzip so, als würde man von einer Frau, die vergewaltigt wurde, verlangen, nicht darüber zu sprechen oder ihr zu sagen, sie solle sich nicht so körperbetont kleiden, dann würde ihr das auch nicht passieren.

Klassisches victim blaming.
Genau.

Wie müssen die Diskussionen darüber dann aussehen?
Zuallererst müssen diese Diskussionen umfassend geführt werden. In den letzten Jahren wird, wenn man von Antisemitismus spricht, größtenteils nur vom rechtsextremen Antisemitismus gesprochen. Man muss auch über den Antisemitismus bei den Linken sprechen, der oft unter dem Deckmantel der überfokussierten Israelkritik oder im Anti-Zionismus daherkommt. Und man muss noch verstärkter über den Antisemitismus in Teilen der muslimischen Migrantengesellschaft sprechen. Wenn man all diese Problembereiche gleichermaßen bespricht, glaube ich, dass die Debatte anfängt, ziel- und lösungsorientiert zu werden.

Sollten Lösungsansätze vielleicht emotionaler besprochen werden?
Was das Emotionale betrifft: Es ist eine gute Sache, aber man muss auch rational bleiben. Jedoch: Diese unfassbare Zahl von 6 Millionen ermordeten Juden, diese vergangene Zeitspanne von über 70 Jahren, dieses Gefühl, nicht betroffen zu sein, kann vielleicht anders überbrückt werden. Man kann von der anderen Seite schauen: Was hat mein Großvater getan? Und dann nicht nur hören, was meine Großmutter für Geschichten erzählt. Man kann frei zugängliche Archive aufsuchen und genau herauskriegen, wer was wo gemacht hat. Es gibt Akten, die davon zeugen, was jeder Großvater getan hat, bei der SS, bei der Gestapo, bei der Polizei, bei der Wehrmacht. Ich glaube, dass auf diese Weise auch das Gefühl der Verantwortung – nicht Schuld – geschaffen werden kann und gleichzeitig gegenüber Israel ein anderer Blickwinkel entsteht. Denn man muss sich vorstellen, am Ende des Tages ist Israel ein Indianerreservat für die Juden dieser Welt, es ist ihr historisches Stammesland und das Land der Nachfahr*innen des Holocaust. Wenn das flächendeckend passieren würde, würde vielleicht auch der weitverbreitete Mythos, dass die Nazis wie Aliens vom Himmel kamen und ganz plötzlich Konzentrationslager bauten, verschwinden. Es ist eine große Chance, die verpasst wurde, die von unten nach oben geht, von den echten Nachfahr*innen. Aber es wäre eine Chance, diesen Berg von beiden Seiten zu besteigen und uns oben gemeinsam die Hände zu geben und nach vorne zu schauen.

Ist es nicht absurd, dass sich ausgerechnet ein Jude darum kümmert, gegen den Hass an der Minderheit vorzugehen, der er selbst angehört, und sich damit zur Zielscheibe von noch mehr Hass macht?
Ich würde nicht sagen absurd. Ich würde sagen, es ist sehr traurig und beschämend, dass das in Deutschland passiert, nachdem wir ja nun schon wissen, dass die Nazis nicht an die Macht kamen, weil sie so stark waren, sondern weil die Mehrheitsgesellschaft so achselzuckend den Weg geebnet hat. So eine ähnliche Situation haben wir hier jetzt auch. Die Gleichgültigkeit, Unwissenheit und Ignoranz sind immens. Und dadurch werden diese Kräfte immer stärker und der Raumgewinn, den sie machen, immer größer. Bis jetzt scheint da kein Ruck durch die Gesellschaft zu gehen. Im Gegenteil. Diese extremen Narrative fressen sich immer mehr in die Mitte der Gesellschaft.

Stichwort Ignoranz. Neulich war der al-Quds-Marsch in Berlin. Tausende Menschen feierten diesen iranischen Feiertag, bei dem neben der »Befreiung Israels von den zionistischen Besatzern« auch zur Vernichtung Israels aufgerufen wird. Der Marsch war schockierend gut besucht, es waren allerdings für Berlin ebenfalls erschreckend wenig Gegendemonstrant*innen aufgelaufen …
Traurig! Diejenigen, die da waren, waren meist die üblichen Verdächtigen aus dem jüdischen Spektrum. Aber trotzdem waren es mehr, als wir in den letzten Jahren hatten, und auch weniger auf Seiten der Israelhasser. Das ist aber kein Grund für naive Hoffnung. Die deutsche Gesellschaft muss daran erinnert werden, dass sie eine Verpflichtung hat, den Hassmärschen etwas entgegenzustellen. Denn das, was da auf der Straße gebrüllt wird, wird von Jugendlichen gehört und in den Schulen reproduziert. Das Klima dort wird dann sehr, sehr feindselig, wie in meinem Buch beschrieben. Oder wie erst kürzlich hier in Charlottenburg, wo ein jüdischer Schüler von mehreren türkisch- und arabischstämmigen Schülern zusammengeschlagen wurde – unter Parolen wie beim al-Quds Marsch.

Und die Schulleitung weiß nicht, wie damit umzugehen ist.
Es wird halt wieder versucht, das unter den Teppich zu kehren und alles achselzuckend hingenommen.

Viele Menschen mit muslimischen Wurzeln – ohne pauschalisieren zu wollen – leben teilweise in Parallelgesellschaften. Wie soll man diese Leute abholen?
Ja, die gibt es. Viele dieser Menschen dulden die freiheitlichen Grundwerte nur, im schlimmsten Falle aber wollen sie diese Gesellschaft umbauen. Sie schauen oft arabische oder türkische Fernsehsender, wo teils ungeschminkt Hass auf Juden, auf Israel und auf den Westen verbreitet wird. Da braucht man sich nicht wundern, wenn diese Parallelgesellschaften sich auch immer weiter radikalisieren. Das sage ich auch in meinem Song »Sie sagen mir«. Da spreche ich über die Radikalisierung in Teilen der migrantischen Community, die leider immer weiter voranschreitet. Leider sind mir die Stimmen der Menschen in der Migrantengesellschaft, die das nicht gut finden, auch zu leise. Die Stimmen derer, die für die freiheitlich-demokratische Grundordnung stehen. Da habe ich das Gefühl, da ist ein ähnliches Achselzucken da, das wir auch in der »bio-deutschen Gesellschaft« haben. Da müssen wir alle gemeinsam lernen, vielleicht »Patrioten für die Werte unseres Grundgesetzes« zu werden und gemeinsam gegen diese Extreme auf die Straße gehen.

Was kann man tun, um die Menschen aus diesen Parallelgesellschaften trotzdem zurückzubekommen?
Das ist eine supergute Frage! Ahmad Mansour ist da Ansprechpartner Nummer eins. Oder auch Burak Yilmaz. Der hat zum Beispiel das Projekt »Junge Muslime besuchen Auschwitz« gegründet. Er geht nach einer langen Vorarbeit mit Jugendlichen nach Auschwitz, und am Ende wird ein Theaterstück aufgeführt. Das ist sehr fruchtbar. Diese Menschen waren oft Teil dieser Parallelgesellschaft oder gar Salafisten. Durch diese Arbeit sind sie immunisiert und de-radikalisiert, besonders gegenüber Israel, einer der Projektionsflächen für Antisemitismus schlechthin. Denn wenn man Israel als Schutzraum für Juden erkennt, kann man nicht mehr so gewissenlos »Free Palestine« oder »From the river to the sea« rufen. Da gibt es also jetzt Projekte und die müssen flächendeckend umgesetzt werden.

Was müsste eigentlich passieren, damit Sie zu »Rap am Mittwoch« zurückkehren?
Ich konzentriere mich jetzt erstmal darauf, an Universitäten und Schulen zu gehen, wo ich Vorträge halte, um Jugendliche, Student*innen und die Gesellschaft über die verschiedenen Formen des modernen Antisemitismus aufzuklären. Damit habe ich schon sehr viel zu tun. Außerdem möchte ich noch ein weiteres Buch schreiben, weil ich zu diesem Thema noch einiges zu sagen habe. Deshalb sehe ich es als sehr unwahrscheinlich an, dass ich mich jemals wieder der Rap-Szene zuwende, insbesondere, solange ich das Gefühl habe, dass sie sich keinen Millimeter in die richtige Richtung bewegt.

Und möchten Sie zum Schluss noch was zum nächsten Buch erzählen? Geht es darin noch mehr um Antisemitismus über die Rap-Szene hinaus?
Ja. Ich habe da so ein paar Ideen. Es würde auf jeden Fall über die Rap-Szene hinausgehen. Die Rap-Szene spiegelt nur das wider, was wir in der Gesellschaft haben. Um ein Umdenken zu erzeugen, muss man in der Gesellschaft ansetzen. Also wenn ich weitere Projekte mache, würde das in die Richtung gehen.

Link: http://www.bensalomo.de/